In «Was wir tragen» erzählt Lena Schätte von zwei dicken Mädchen, die in einer Welt aufwachsen, die ihre Körper abwertet. Für ihren eindringlichen Text erhielt die Autorin den renommierten Ingeborg-Bachmann-Preis – und rückt damit eine Lebenswirklichkeit ins Zentrum, die viel zu selten abgebildet wird.
BRIGITTE: Mit «Was wir tragen» haben Sie die Jury beim Bachmann-Preis beeindruckt. Was hat Sie dazu bewegt, diesen Text zu schreiben?
Lena Schätte: Der Text ist aus jahrelangem Nachdenken darüber entstanden, wie sehr mehrgewichtige Menschen oft im Verborgenen leben. Wie sie Schutzorte suchen, um der Gewalt zu entgehen – den Blicken, den Sprüchen, den Räumen, in denen sie nicht mitgedacht werden. Die Arztpraxis, in der man sie nicht ernst nimmt, die Straße, auf der ihnen Beleidigungen hinterhergerufen werden, das Kaufhaus, in dem es kein einziges Kleidungsstück gibt, das ihnen passen könnte, die Ideale und vermeintlichen Normen, denen sie nie entsprechen werden. Wie sie sich zurückziehen und ihnen ein Stück Leben verwehrt wird, weil ihnen die Scham über den eigenen Körper übergestülpt wird. Und irgendwann waren dann die Figuren da, um davon zu erzählen.
Wenn Sie die zentrale Idee oder das Thema in wenigen Sätzen beschreiben müssten: Worum geht es Ihnen?
In «Was wir tragen» geht es um zwei mehrgewichtige Mädchen, die in prekären Verhältnissen aufwachsen und sich gegen die Gewalt zusammenschließen, die ihnen begegnet. Sie halten einander und werden manchmal auch selbst gewaltsam. Sie schwänzen gemeinsam die Schule, schlafen im Wohnwagen und schützen sich gegenseitig.
Wie viel von Ihrer eigenen Perspektive und Erfahrungen steckt in diesem Text?
Das Grundgefühl der Scham im Text entspricht meinen eigenen Erfahrungen des Aufwachsens in einem mehrgewichtigen Körper – dennoch handelt es sich um literarisch gestaltete Figuren und nicht um einen autobiografischen Text.
Mit welcher Intention haben Sie den Text geschrieben – und was soll bei den Leser:innen ankommen?
Ich wollte eine Lebenswirklichkeit abbilden, die kaum dargestellt und kaum angesehen wird. Ich wollte fühlbar machen, was es bedeutet, in einem mehrgewichtigen Körper zu stecken – und vielleicht ein wenig Empathie schaffen. Es wäre schön, könnten wir einander mit weicheren Blicken betrachten.
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