Geht das nur mir so?: Warum ich nicht lachen kann wie die anderen

Warum gehen manche Menschen zum Lachen in den Keller? BRIGITTE-Autorin Katrin Seddig hat da so einen Verdacht. 

Ich bin keine Lacherin. Ichschmunzele. Ich trete anderen Menschen selten mit ernstem Gesicht gegenüber. Ich schmunzele sie auf eine zurückhaltende Weise an, damit sie meine guten Absichten erspüren, aber gleichzeitig nicht den Verdacht hegen, ich wollte sie nicht ernst nehmen oder mich gar über sie lustig machen. Über einen gemäßigten Schmunzelausdruck zu verfügen, ist wichtig und nützlich.

Unterschiedliche Lachformen

Es gibt Lacher:innen, die lachen so laut und heftig, dass es bei genauem Hinhören die Grenze zum Geschrei überschreitet. Sie lachen eigentlich gar nicht, sie schreien. Es tut ihnen gut, einen vorgeschobenen Anlass zum Schreien zu haben, denn das Lachen ist gesellschaftlich akzeptiert, das Schreien weniger. Das verschleierte Schreien als Lachen befreit sie vom Frust des Alltags. Wenn man das kann, da sage ich nur: Hut ab.

Dann gibt es andere, die eine Lachform entwickelt haben, die dem Husten ähnelt. Meine Cousine Daniela ist so eine ausgesprochene Husterin, nur langjährige Weggefährten erkennen die feinen Nuancen, die ihr Lachen und ihr Husten unterscheiden. Es liegt eine kranke Trockenheit darin, und das entspricht auch ganz dem nüchternen Menschenschlag, dem sie angehört.

Die Vollblutlacher:innen aber, die müssen einfach lachen. Das Lachen entfleucht ihnen wie ihr Atem, sie können es nicht zurückhalten, es quillt nur so heraus, es platzt hervor, es explodiert in ihnen und sie sind nicht mehr Herr:in ihrer selbst. Dieses Lachen existierte nicht in meinem Elternhaus. Es war entweder nicht in meinen Eltern oder es kam einfach nie heraus. Ich weiß es nicht, ich kenne meine Eltern in dieser Hinsicht nicht. Aber ich kann sagen, ich bin von dieser familiären Unfähigkeit auf eine Weise geprägt worden, dass auch mir dieses Lachen in der Regel abgeht. Ich lache nicht, während ich einen lustigen Film gucke, ich lache nicht, wenn einer einen Witz erzählt, ich lache nicht, wenn andere lachen. Das alles übt keinen Reiz auf mich aus, da bin ich abgestumpft und empfindungslos wie ein Stein.

An dieser Stelle sagen BRIGITTE-Autorinnen ihre Meinung. Diesmal: Katrin Seddig, die noch mehr zu sagen hat über das Lachen und das Leben in: «Gedanken zu Turnhallen. Essays» (22 Euro, Literatur Quickie). 

Lachkrampf? Einmal im Jahr

Aber dann kommt es vor, dass es doch über mich kommt. Selten, höchstens einmal im Jahr. Ich gehe davon aus, dass sich zu diesem Zeitpunkt einiges angestaut hat und dass es dann vielleicht deshalb so eskaliert. Zum Beispiel als ich am späten Heiligen Abend das Programm eines Verkaufssenders verfolgte. Über eine halbe Stunde lang wurde eine Toilettenbürste angepriesen, die kurz vor dem Ausverkauf stand, die ganze halbe Stunde lang, weshalb die Angelegenheit sehr pressierte.

Ich weiß nicht, welche Menschen sich am Heiligen Abend eine Toilettenbürste im Fernsehen bestellen. Aber ich weiß, wie viel Freude einem Menschen so eine Sendung bereiten kann. Jede Erläuterung eines neuen Toilettenbürstenvorzugs stürzte mich tiefer in den Abgrund eines unbändigen Lachkrampfes. Ich war machtlos. Wenn ich dachte, es würde langsam abebben, wenn ich hoffte, meinem Körper würde ein wenig Ruhe gegönnt, kehrte es mit neuer Stärke zurück, schüttelte mich, ließ Tränen über meine Backen rollen, und all das ging so lange, bis ich völlig erschöpft darniederlag.

Die einzige Form des Lachens, die mir gegönnt zu sein scheint, würde mich, wenn sie regelmäßig über mich käme, wahrscheinlich umbringen. Manchmal stelle ich mir vor, dass auch meine Mutter sich im Kartoffelkeller, zum Beispiel, auf solch exzessive Art gewälzt hat. Vielleicht über einen ungewöhnlich geformten Spross an einer schrumpeligen Knolle? Dass auch mein Vater hinten bei den Hühnern sich manchmal hat krümmen müssen, vielleicht über den verschmitzten Ausdruck im Gesicht einer braunen Henne? Wenn es so gewesen ist, dann wusste ich nichts davon und sie hielten es geheim. Heute kann ich das verstehen. Es ist nichts für die Öffentlichkeit. Es ist auch nichts für Kinder. Es ist das Leben in einer seiner extremsten Ausprägungen.

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