Für guten Service gibt Karina Lübke gern was, aber wenn beim Bezahlen immer automatisch Trinkgeld oder Spenden eingefordert werden, ist das für sie moderne Wegelagerei.
Selten habe ich beim Bezahlen so viele böse Blicke kassiert. Gestern wieder im Supermarkt: «Mit Karte, bitte.» – «Wollen Sie dabei gleich etwas spenden? Unser aktuelles Projekt ist …» (die Kassiererin deutet vage auf einen kleinen Aushang hinter sich). Mittlerweile kann man ja kaum noch einkaufen, ohne dabei zu einem Aufschlag genötigt zu werden.
Ich beobachte von Platz drei der Kassenschlange, wie sich sämtliche Kunden vor mir winden, die beim Bezahlen nicht in aller Öffentlichkeit moralisch hinterfragt werden wollen, sondern einfach mit ihrem Essen nach Hause. Doch keiner sagt einfach «Nein», um nicht unsozial und hartherzig dazustehen. Stattdessen murmelt man entweder «Aaach, heute mal nicht!» (als ob!) oder «Hm, gibt’s im Internet was Schriftliches dazu? Ich würde mich gern erst in Ruhe darüber informieren!». Ja, okay, die letzte Ausrede, das war ich.
Ist Trinkgeld jetzt ein Muss?
Laut Definition ist eine Spende «eine freiwillige, unentgeltliche Zuwendung, die ohne Erwartung einer Gegenleistung erfolgt». Das waren noch Zeiten, als auf jeder Theke ein schöner Schiffsrumpf stand, in den man mit zunehmendem Pegelstand Geld «Zur Rettung Schiffbrüchiger» einwerfen konnte – oder eben auch nicht. Ich gebe ja wirklich gern und freiwillig Trinkgeld für Dienstleistungen: meiner Friseurin mit den Zauberhänden, im Restaurant nach richtig gutem Essen bei nettem Service, den Leuten vom Lieferdienst auf ihren E-Bikes – je schlechter das Wetter, umso mehr. Und dabei fühle ich mich super! Selbstbestimmt mildtätig wie Jakob Fugger, der deutsche Medici.
Aber dieser chronische moralische Druck, bei den sowieso überall gestiegenen Preisen jedes Mal draufzuzahlen, nervt mich. Sogar wenn man sich selbst am Tresen etwas zu essen geholt, es eigenhändig zum Tisch getragen und das Geschirr sogar wieder weggebracht hat, lächelt einen trotzdem ein großes Trinkgeldschwein neben der Kasse erwartungsvoll an. Beim Zahlen per Karte wird der Bildschirm offensiv umgedreht, damit man für alle im Raum sichtbar anklicken kann, ob man zehn, 15 oder 20 Prozent Trinkgeld geben wolle. WOFÜR?
Studien bestätigen, dass Menschen sich dabei unwohl fühlen, die Trinkgeld-Option ungerührt wegzuklicken, während das Personal waidwund zuschaut. Der kleine Gewinn dadurch wird allerdings langfristig womöglich zum Verlustgeschäft: Kunden, die sich beim Konsumieren übervorteilt fühlen, meiden den Laden künftig. Efua Obeng, Marketingprofessorin von der Howard University in Washington, bestätigte durch eine statistische Analyse, dass sich unkluges Vorgehen zum Beispiel beim Spendensammeln deutlich auf den Umsatz von Einzelhändlern auswirkt.
Jetzt reicht es mir!
Wenn der Laden will, dass ich guten Willen zeige – wie wäre es mit einer Gegenleistung? Etwa: Für zwei Euro Spende wird mir mein Einkauf in eine hübsche Papiertüte mit dem Aufdruck «Spendierhose» eingepackt und mit einem «Danke» überreicht. Ab drei Euro werden mir die Einkäufe dann noch zum Auto getragen und darin verstaut.
Aber kaum dem Supermarkt entkommen, geht die Spendensammlung in der Drogerie weiter: «Wollen Sie aufrunden und was für unser aktuelles Hilfsprojekt spenden? Damit Kindergartenkinder aus Hamburg lernen, wo die Rote Bete herkommt?» Jetzt reicht es mir: «Nein, verdammt! Sollen doch die Eltern ihren Kindern beibringen, wo die Rote Bete herkommt, so wie ich damals! Warum sollte ich das gute Image des Ladens mitfinanzieren?»
Die Kassiererin sieht mich müde an. «Ehrlich, ich will das auch nicht immer fragen müssen. Aber die Geschäftsleitung hat uns dazu verpflichtet.» «Tut mir leid», sage ich. «Mir auch», sagt sie. Da haben wir uns beide gegenseitig einfach mal unaufgefordert ein bisschen Verständnis gespendet.
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