Erst die Arbeit? Nö!: Wie ich lernte, mein Leben zu genießen

Disziplin und Fleiß gelten in unserer Gesellschaft als Tugenden und als Voraussetzungen für Erfolg. Doch was passiert eigentlich, wenn wir darauf pfeifen? Unsere Autorin hat es ausprobiert – und die Folgen haben sie überrascht.

An manche Tage erinnert man sich noch Jahre später. Nicht, als wäre es gestern gewesen. Besser als an gestern. Der 7. September 2022 ist für mich so ein Tag. 

Ich hatte an diesem Tag frei und wollte ihn nutzen, um diverse Haushaltspflichten zu erledigen: Einkaufen, Wäsche waschen, Staubsaugen, Bad putzen. Als ich von meiner morgendlichen Laufrunde zurückkehrte, hatte ich darauf aber keine Lust. Es zog mich nach draußen, es war nämlich sonnig. Ich wollte etwas Schönes machen und den Tag genießen. Was für ein Dilemma. 

Der Tag, an dem ich alles anders machte

Wie ich mich zu jener Zeit kannte, hätte ich das Problem normalerweise gelöst, indem ich schleunigst meine To-do-Liste abgearbeitet hätte, um hinterher noch einige Stunden in der Sonne zu sitzen und zu lesen. Doch an diesem Tag siegte eine Seite an mir, auf die ich bis dahin selten gehört hatte und die ich nicht besonders schätzte: Ich ließ all meine Aufgaben liegen, schnappte mir mein Buch, schwang mich aufs Fahrrad und radelte zur Außenalster, Hamburgs zentraler Adresse, um die Zeit und den Alltag zu vergessen. Ich setzte mich in ein Café am Wasser, bestellte mir ein kaltes Getränk und verlor mich in einem Roman von Murakami. 

Nach einer Weile hatte ich genug von diesem Setting, doch mit dem Genießen war ich immer noch nicht durch: Ich fuhr zu einem Burgerlokal, das ich zu jener Zeit sehr mochte, und aß dort einen riesigen Burger mit Pommes. Damit war mein Tag perfekt. Ich fühlte mich zufrieden und ruhig – und bekam plötzlich Lust, mich meiner To-do-Liste zu widmen. Meinen Einkauf erledigte ich auf dem Heimweg, meine Wohnung putzte ich mit guter Laune und einer Sorgfalt, auf die ich üblicherweise verzichtete. In diesem Moment, am Abend des 7. September 2022, begann ich zu begreifen, dass ich mein Leben lang einer Lüge geglaubt hatte.

«Erst die Arbeit, dann das Vergnügen» hielt ich stets für unverhandelbar

Wie viele Menschen in vielen Gesellschaften, die heute unsere Welt besiedeln, habe ich das Motto «erst die Arbeit, dann das Vergnügen» irgendwann als Kind aufgeschnappt und dann lange nicht hinterfragt. Ich habe danach gelebt, als wäre es anders gar nicht möglich. Hausaufgaben erledigte ich direkt nach der Schule. Deadlines musste ich nie kennen, weil ich sowieso immer alles sofort gemacht habe. Freie Tage gestaltete ich grundsätzlich nach dem Muster «alles Anstrengende und Unangenehme zuerst». Ich war diszipliniert und stolz darauf. 

Sicherlich hatte das zahlreiche Vorteile. Mein Leben hatte eine klare Struktur, ich musste mich selten fragen, wie ich meine freie Zeit organisieren möchte. Ich habe Schule und Studium erfolgreich abgeschlossen und zugesehen, dass ich einen Beruf ausüben kann. Doch es hat mich angestrengt, stets diszipliniert und streng mit mir zu sein. Immer wieder ging mir die Kraft aus und ich zählte teilweise Monate im Voraus die Tage bis zu meinem nächsten Urlaub. Vermutlich lag das nicht einzig und allein daran, dass ich mein Vergnügen grundsätzlich hintenanstellte. Doch dieser Fleiß verherrlichende Glaubenssatz, der mich leitete, machte es mir nicht unbedingt leicht, mich auch im Alltag zu erholen und auf meine Bedürfnisse und Energie Rücksicht zu nehmen. 

Mein Leben zu genießen, muss ich mir nicht (mehr) verdienen

Der 7. September 2022 hat eine Veränderung in mir angestoßen. An diesem Tag habe ich zum ersten Mal bewusst erlebt, dass es auch andere Wege zu geben scheint als «erst die Arbeit, dann das Vergnügen». Diese Wege habe ich seither weiterverfolgt. Ich habe Disziplinlosigkeit kultiviert, bin heute weniger streng mit mir, als ich es einmal war. An einem freien Tag steht für mich im Vordergrund, worauf ich Lust habe. Was möchte ich gerne machen? Wie kann ich den Tag gestalten, damit er schön wird und ich mich glücklich fühle? Was ich zu tun habe – Haushalt, familiäre Pflichten, Organisatorisches – bringe ich daneben irgendwie unter. Zur Überraschung meines früheren Ich funktioniert dieses System für mich oft sogar besser als ein Alltag unter der Hoheit von Disziplin. 

Doch diese Entwicklung hat nicht nur verändert, wie ich meine freien Tage gestalte und in welcher Reihenfolge ich Dinge erledige. Ich habe in diesem Prozess gelernt, dass es wichtig ist, was ich möchte und brauche. Ich bin besser darin geworden, zu spüren, wenn mir etwas fehlt und was helfen kann, damit es mir gut geht. Ich nehme jene Seite an mir, die sich im September 2022 zum ersten Mal lautstark durchgesetzt hat, ernst und vertraue darauf, dass sie mein Wohl im Sinn hat.

Rückblickend erstaunt es mich, dass Genuss und Freude in meinem Leben einmal eine Randerscheinung dargestellt haben und dass ich meine Tage darauf aufgebaut habe, was zu tun war. Schließlich nehmen Arbeit und Pflicht ohne mein Zutun genug von mir und meiner Zeit in Anspruch: Frei gestalten kann ich als berufstätiger Mensch an deutlich weniger Tagen im Jahr, als ich an «erst die Arbeit, dann das Vergnügen» gebunden bin. Glücklicherweise: Ich möchte Disziplin und Pflichtbewusstsein ja nicht völlig verlernen. Je mehr Spielraum wir in unseren Verhaltensweisen haben – diszipliniert, undiszipliniert; misstrauisch, vertrauensvoll; reflektiert, impulsiv –, umso flexibler und freier werden wir und umso abwechslungsreicher und vielseitiger wird unser Leben. 

Quelle: .

📰 Quelle: .

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert