Leben mit Hirnverletzung: Michi Schreiber, 30: "Die Besuche bei meiner dementen Großmutter haben mir geholfen"

Bei einem schweren Unfall verlor Tierschützerin Michi Schreiber, 30, über Monate ihr Kurzzeitgedächtnis. Schließlich gaben ihr ein Foto und Besuche bei ihrer dementen Großmutter die Lebensfreude zurück. 

BRIGITTE: Frau Schreiber, Sie haben eine harte Zeit hinter sich. 

Michi Schreiber: Ja. Anfang 2025 hatten mein Mann Marc und ich einen schweren Autounfall in Südafrika, wo wir gerade dabei waren, eine Rettungsstation für Wildtiere aufzubauen. Daran war danach zunächst nicht mehr zu denken. Wir brauchten eine ganze Reihe an Operationen. Am schwerwiegendsten war meine Kopfverletzung. Mir sind Erinnerungen unwiederbringlich verloren gegangen, ich konnte keine neuen aufbauen, die Regeneration dauerte deutlich länger, als Ärztinnen und Ärzte zunächst annahmen. Und das passierte ausgerechnet mir, bei meiner Ungeduld! 

Wie geht es Ihnen heute? 

Viel besser, aber es ist nach wie vor unklar, ob und wann mein Gehirn wieder ganz normal funktioniert. Ich kämpfe mit häufigen Krämpfen, Erbrechen, verlangsamter Reaktionsfähigkeit. Einen Meilenstein habe ich geschafft, ich darf wieder Auto fahren. Das gibt mir die Zuversicht, dass ich in vielen Teilen wieder an mein altes Leben anknüpfen kann. 

Waren Sie vor dem Unfall ein optimistischer Mensch? 

Ja, ich habe immer viel Antrieb gezogen aus den Themen, die mich begeistern, die mich mit Sinn erfüllen. Mein Herzensthema ist der Artenschutz, und ich bin angetreten mit dem festen Willen, hier etwas zum Positiven zu verändern. 

Gab es Momente im letzten Jahr, in denen Sie den Mut verloren haben? 

Ja, durchaus. Es gab Zeiten, da stand alles auf dem Spiel, meine Arbeit mit den Tieren, meine geplante Doktorarbeit. Die Ärztinnen und Ärzte empfahlen, meinen Lebensentwurf anzupassen, einen Plan B zu entwickeln, aber ich hatte keinen. Ich fühlte mich so machtlos, so hilflos, ich war tagelang wie gelähmt. Nicht einmal mein Mann konnte mich trösten, dabei sind wir uns sonst immer eine große Stütze. 

Wie sind Sie denn aus dem Tief wieder herausgekommen? 

Ich habe mir immer wieder das große Foto von Barney angeschaut, das über meinem Schreibtisch hängt. Das erste Affenkind, das ich aufgezogen habe, als 18-Jährige in der Provinz Limpopo. Sein Anblick machte mir klar: Mir bleibt nichts, als einfach weiter 100 Prozent zu geben, egal, wie lang es dauert. Vielleicht werde ich ja 90 oder 100 Jahre alt, dann habe ich noch viele Jahrzehnte, in denen ich meine Träume verfolgen kann. Und entweder, es gelingt, oder ich habe dann die Weisheit, einen Teil davon loszulassen. Auch dieses Rauszoomen aus der aktuellen Situation hat mir geholfen. 

Hat der Schicksalsschlag Ihre Sicht auf das Leben verändert? 

Ich bin extremer geworden, in beide Richtungen. Manchmal fürchte ich, mein Leben wird nie wieder so wie vor dem Unfall, und dann muss ich mir den ganzen Kummer von der Seele weinen. Aber wenn ich das überwunden habe, dann bin ich eher noch optimistischer als vorher, denn wovor soll ich noch Angst haben? Der Unfall hat mir drastisch klargemacht, wie kurz und vergänglich unser Dasein ist, und dass wir nichts gewinnen, wenn wir mit angezogener Handbremse fahren. 

Was heißt das konkret? 

Wir sollten versuchen, so glücklich wie möglich zu sein, auch in schwierigen Zeiten. Nicht warten, bis alles wieder heil und gut ist. Sondern jeden Tag aufs Neue schauen, was gerade möglich ist, und dabei liebevoll mit uns selbst umgehen. Zwei Menschen haben mir das besonders eindrücklich gezeigt. 

Mögen Sie erzählen? 

Michi und Marc Schreiber Buch
Zum Weiterlesen: Michi und Marc Schreiber haben nach dem Unfall gemeinsam ein Buch geschrieben – über Träume, Tierschutz und nicht zuletzt über eine sehr große Liebe. «Ich erinnere mich für dich. Warum selbst eine Amnesie unsere Träume nicht auslöschen konnte» (Goldmann, 18 Euro). Instagram: @michis.wild.life

Einmal meine demente Großmutter, die in der Zeit ein totaler Safe Space für mich war, ein empathischer, friedlicher, geduldiger Raum. Besuche bei ihr haben auch mir geholfen, Geduld und Selbstmitgefühl zu entwickeln. Leider ist sie letztes Jahr verstorben. Zum anderen Susie, eine Surferin, die ich in Südafrika getroffen habe. Sie träumte davon, die ganze Welt zu erfahren, dann ist sie mit 14 erblindet. Aber sie tut es trotzdem! Das hat mir unglaublich viel neuen Optimismus gegeben: zu sehen, wie jemand seinen Weg findet, gegen jede Wahrscheinlichkeit, auch mit Einschränkungen. 

Wie geht’s jetzt für Sie weiter?

Zurück auf Los. Wir prüfen derzeit ein Grundstück für unsere Auffangstation in der Kap-Region, eine Drehscheibe für den internationalen Wildtierhandel. Bis ich wieder direkt mit Tieren arbeiten kann, wird es dauern, denn meine Knochenbrüche im Gesicht sind noch nicht ganz stabil verheilt, die Verletzungsgefahr wäre zu groß. Also teile ich mein Wissen auf YouTube, unterstütze deutsche Behörden dabei, illegal gehandelte Tiere nach ihrer Art zu bestimmen und passende Einrichtungen für sie zu finden. So kann ich trotz allem das tun, was mir Sinn und Erfüllung gibt. Selbst in schwierigen Momenten etwas finden, für das ich dankbar sein kann – das ist für mich eine der wichtigsten Lern-Erfahrungen.

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