Mine ist bekannt für ihre Musik und mittlerweile fast genauso für ihre viral gegangenen Lipsync-Videos. Im Gespräch erzählt sie, warum Musikschreiben für sie ein Schutzraum ist, warum sie auch mit Hatern diskutiert und warum der 40. Geburtstag ein richtiges High ausgelöst hat.
BRIGITTE: Du hast mal gesagt, Musik schreiben sei für dich ein Safe Space – ein Ort, an dem du Dinge aussprichst, die du dich sonst nicht trauen würdest. Ist das mit dem neuen Album auch so?
Mine: Auf jeden Fall. Ich finde es abgefahren, dass ich im Alltag ganz starke Hemmungen habe, Dinge auszusprechen oder mich so auszudrücken, wie ich eigentlich Lust hätte. Wenn ich das beim Schreiben für mich ganz alleine mache, habe ich nie das Gefühl. Da kann ich Dinge sagen, die ich mich sonst niemals trauen würde, weil mir in dem Augenblick niemand zuhört.
Wenn man dich auf der Bühne sieht, hat man überhaupt nicht das Gefühl, dass dir das schwerfällt, ganz im Gegenteil.
Auf der Bühne ist es noch mal anders: Ich habe da manchmal Sachen gesagt, die ich noch nie einer Freundin erzählt habe. Das ist auch ein bisschen gefährlich, dieses Oversharing, aber ich habe da so ein Gefühl von seltsamer Sicherheit und dann kommt das einfach aus mir raus. Und irgendwie ist es auch ein sehr verbindendes Moment. Musik hat mich schon immer geöffnet, auch als Zuhörerin. Ich habe Probleme immer über Musik bearbeitet.
Ist das auch die Intention für dein neues Album «Killer»?
Ehrlich gesagt habe ich überhaupt keinen Anspruch, wie meine Kunst konsumiert wird oder was sie auslösen soll. Mir geht es viel mehr um den Prozess, das Album fertig zu machen, das Mastering, das ist für mich das eigentlich Krasse. Dass es dann rauskommt, passiert quasi nebenbei. Ich bin nur neugierig, wie die Leute das einordnen, weil ich selbst so nah dran bin – ich schreibe, produziere und mische die Songs, ich kenne jeden Zentimeter. Aber was die Leute damit machen, ist mir ehrlich gesagt egal.
Du bist nicht nur für deine Musik bekannt, sondern auch mit deinen Lipsync-Videos viral gegangen. Wie kamst du auf die Idee?
Das hat sich einfach entwickelt. Ich habe Trash-TV geguckt. Dann gab es eine dreiminütige Sprachnachricht von Alex Petrovic an seine damalige Partnerin, in der er sie darüber informiert, dass er sich nicht mehr an deren Abmachung halten möchte und es durchaus möglich wäre, dass er sie betrügt. Und die wiederum wurde in voller Länge ausgestrahlt. Seine Audacity (= Kühnheit, Anm. d. Red.) war so absurd sichtbar, dass ich dachte: Unglaublich, dass ein Mensch sowas formuliert und wirklich denkt, es wäre fair gegenüber seiner Partnerin und damit auch in Ordnung.
Du hast dann seinen Text gelernt und eingesprochen?
Ja. Ich habe die Nachricht vier Tage lang auswendig gelernt, aufgenommen, gepostet. Ich hätte aber nicht mit den Reaktionen gerechnet.
Du ordnest nichts ein, sondern lässt es dann einfach so stehen. Was sollen diese Videos bewirken?
Lipsync-Videos sind ja kein Trend, den ich erfunden habe, das gibt’s schon lange, aber ich finde es eine sehr gute Art, künstlerisch Dinge auszudrücken und einfach wirken zu lassen. Man kann ohne viel Aufwand auf etwas aufmerksam machen, das in unserer Gesellschaft durchrutscht. Dass Leute diskriminierende Sachen sagen, finde ich gar nicht so überraschend. Überraschend finde ich, wenn das in großen Runden passiert und niemand reagiert oder es einordnet, und mit einer weiblich gelesenen Stimme bekommt das noch mal einen neuen Anstrich.
Bist du generell eine Person, die den Mund aufmacht?
Ja, ich habe eine ziemlich große Fresse, aber ich bin immer respektvoll. Wenn mir was auffällt, ist das erstmal nur meine persönliche Moralvorstellung. Aber ich wünsche mir, dass andere mir auch respektvoll sagen, wenn etwas nicht okay ist. Ich mache selbst schließlich auch viele Sachen, die scheiße sind.
Wir sind alle in dieser Gesellschaft sozialisiert worden, und wir sind alle irgendwie diskriminierend unterwegs. Es wäre schön, wenn es dafür Raum gibt, sich gegenseitig darauf aufmerksam zu machen. Nur so können wir uns weiterentwickeln. Und ich finde, es ist am besten, wenn man im engsten Umkreis anfängt. Fremde Leute zu kritisieren, ist immer einfach.
Wohin kann das führen, wenn wir nicht ins Gespräch kommen?
Ich finde das politisch richtig gefährlich. Ich verstehe die Wut von Leuten, die seit Jahren Aktivismus betreiben, ohne dass sich was ändert – im Gegenteil, es verschlechtert sich gerade. Aber wenn du jemanden vor den Kopf stößt, wird die Person nie sagen «Du hast recht». Man muss Spannungen aushalten können und friedlich miteinander umgehen, sonst bleibt am Ende nur Gewalt. Ich will keinen Bürgerkrieg, ich will, dass wir mehr zueinander finden.
Dein Song «Dunkel» vermittelt eine ziemlich pessimistische Sicht auf die Welt. Wie gehst du mit den schlimmen Nachrichten um, ohne zu verzweifeln?
Ich verstehe Leute, die sagen: «Das ist mir alles zu viel, ich kann nicht mehr so viel Nachrichten gucken, es macht mich kaputt». Aber das ist eine sehr privilegierte Situation, so was sagen zu können. Weil Fakt ist: Wir steuern gerade schnurstracks auf den Faschismus zu. Das trifft zuerst Transpersonen, Schwarze Personen und politisch engagierte Menschen.
Wer Privilegien hat, muss diese Verantwortung übernehmen und darf sich jetzt nicht zurückziehen und dann sagen: «Ich habe es nicht gewusst». Also ich will mir den Schuh nachher nicht anziehen müssen, sondern ich will versuchen, alles zu probieren, damit das hier nicht eskaliert.
Bekommst du viele Hasskommentare auf Instagram?
Natürlich gibt’s total viele Leute, die supergemein sind im Internet, aber ich rede auch mit allen Leuten, auch wenn mich jemand beschimpft. Ich finde, wenn man ganz ruhig mit denen spricht, dann hat man zumindest die Möglichkeit, vielleicht in den Austausch zu kommen.
Kostet das nicht sehr viel Energie?
Ja, aber es würde mich mehr Kraft kosten, das nicht zu tun. Ich kann, mich nicht hinstellen und im Interview etwas von Gesprächskultur erzählen, wenn ich das selber im Privaten nicht mache. Dann wäre das nur Gelaber und ich könnte mich selbst nicht mehr ernst nehmen.
Du bist dieses Jahr auch 40 geworden. Runde Geburtstage lösen bei den meisten irgendwas aus. Wie war das für dich?
In der Zeit, als ich 40 geworden bin, habe ich kurz schon ein bisschen damit gestruggelt, ich glaube aber vor allem deswegen, weil alle anderen die ganze Zeit so ein Ding draus gemacht haben. Ich war eigentlich recht entspannt, aber alle um mich rum waren so: «Boah krass, 40! Da ändert sich ja alles. Das Dating-Leben ist vorbei!». Als Frau bekommt man schon sehr oft so gespiegelt, dass man an Wertigkeit und Sichtbarkeit verliert, dass man unsichtbar wird, wenn man älter wird.
Stimmt.
Ich habe das gar nicht so empfunden, weil ich ehrlich gesagt gerade ein krasses Up in meinem Leben habe. Ich hatte die letzten zwei Jahre eher das Gefühl von unglaublichem Empowerment unter Frauen. Ich habe mich auch nie als sexuelles Wesen empfunden. Das kam bei mir erst nach der Mutterschaft. Ich habe neue Sportarten angefangen, und ich glaube, manche Leute denken, das ist eine Midlife-Crisis, aber für mich ist es eher so ein Midlife-High. Und ich finde es gerade mega und fliege darauf total. Deswegen geht es mir eigentlich gerade besser, als es mir in den 20ern ging.
Aber dieses ständige Konfrontieren mit dieser Zahl hat in mir schon ein komisches Gefühl verursacht. Auch weil meine Mutter recht früh verstorben ist und ich dann dachte: «Boah, jetzt habe ich noch 20 Jahre.» Aber das war dann auch irgendwann wieder okay. Also ich finde Altern an sich eigentlich voll geil. Ich habe das Gefühl, mir geht’s irgendwie immer besser, je älter ich werde.
Mental kann ich das nachvollziehen, aber körperlich?
Das merke ich schon auch. Ich habe zwei Bandscheibenvorfälle und kann gerade gar keinen Sport machen. Das ist eine Sache, wo ich mir auch denke: Was ein Abfuck. Ich hätte niemals gedacht, dass ich so was bekomme, eben weil ich eigentlich super viel Sport mache. Aber auch trotzdem geht es mir besser. Ich glaube, das Problem ist eher, dass man immer gesagt bekommt, Altern sei schlecht. Das nimmt man dann so an und hat man so gelernt. Das sitzt so tief, dass es nichts ist, was wir infrage stellen. Und jedes kleine Zeichen von Alterung empfinden wir sofort als negativ, ohne uns damit groß auseinanderzusetzen. Wenn ich mir das aber so angucke, dann erkenne ich viel mehr positive Dinge.
Zum Beispiel?
Am Ende geht es ja immer nur darum: Fühle ich mich glücklich, oder fühle ich mich nicht glücklich? Bin ich zufrieden oder nicht? Das ist wirklich das Einzige, worauf es am Ende ankommt. Wir machen Karriere, um zufrieden zu sein. Wir machen Dinge, weil sie uns Spaß machen, weil sie uns glücklich machen, aber das, was am Ende steht, ist immer diese Zufriedenheit und das Glück, oder wie immer man es auch formulieren will. Und ich habe das Gefühl, dass das zunimmt. Und deswegen kann ich nichts Negatives am Altern erkennen.
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