«Ich müsste mich mal um meine Finanzen kümmern, irgendwann, aber nicht jetzt.» So ein Gefühl kennen viele von uns, wenn es darum geht unser Geld zu sortieren. Auch Andrea, Kollegin aus der BRIGITTE-Redaktion, hat sich entschieden, das jetzt noch zu ändern mit Ende 50. Im BRIGITTE-Interview spricht sie über Glaubenssätze, ihre Rentenlücke und den Mut, einfach anzufangen.
Andrea ist, wie sie selbst erzählt, nicht auf großem finanziellen Fuß aufgewachsen. Ihr Vater wurde früh erwerbsunfähig, ohne ausreichende Vorsorge. Was blieb, war eine klare Botschaft: Absichern, was da ist. Bloß kein Risiko eingehen. «Investieren, Geld vermehren, reich werden – das war ein völlig abseitiger Gedanke bei uns», berichtet Andrea im «WHAT THE FINANCE!»- Frauenfinanzpodcast der BRIGITTE. Stattdessen: Versicherungen. Und das Gefühl, dass Geld etwas Knappes, Bedrohtes ist, und kein Werkzeug, das für einen arbeiten kann.
Diesen Glaubenssatz hat Andrea lange in sich getragen. Auch als sie nach Abitur und absolvierter kaufmännischer Ausbildung mit 23 auszog, und später, mit über 30 und finanziell auf sich allein gestellt, ihr Studium durchzog. Sie musste ihren Lebensunterhalt selbst verdienen, dafür arbeitete nebenbei und während der Semesterferien. Sparen konnte sie ein bisschen. Aber investieren? Das war eine andere Welt.
In unserem Interview macht Andrea klar: Sie wird jetzt für ihr Leben finanziell etwas verändern. In weniger als zehn Jahren steht ihre Rente an und dafür will sie noch möglichst viel für sich herausholen.
Das leise Stimmchen, das immer lauter wird
Sparen hat Andrea mittlerweile geregelt: jeden Monat per Dauerauftrag 200 Euro auf ein Festgeldkonto. Automatisiert, zuverlässig und dennoch für Andrea mit einem unguten Gefühl verbunden. «Ich freue mich über die Zinsen, die ich bekomme. Eigentlich müsste ich aber weinen», sagt sie offen. Denn sie ahnt, dass da mehr möglich wäre. Von ETFs hat sie schon gehört. Aber die Hürde bleibt. «Ich bin kein Zahlenmensch. Und es ist mir fast ein wenig peinlich, zu fragen.» Ein Glaubenssatz, der sich wie ein Riegel vor ihr Handeln schiebt. Gleichzeitig wächst das leise Stimmchen, wie Andrea beschreibt, im Hinterkopf: «Jetzt kümmer dich mal. Es wird wirklich Zeit!»
Was die Inflation mit unseren Ersparnissen macht
Was viele nicht auf dem Schirm haben: Sparen allein reicht nicht. Wenn die Zinsen die Inflation nicht ausgleichen, verliert Geld auf dem Sparkonto real an Wert. Im April 2026 liegt die Inflationsrate bei 2,7 Prozent. Wer also weniger Zinsen bekommt als die Inflation frisst, verliert Kaufkraft – still und leise, Jahr für Jahr. «Das zeigt ja gerade, was für eine dumme Idee es ist, den Kopf in den Sand zu stecken», sagt Andrea nach diesem Gedanken.
Die Rentenlücke – was sie bedeutet und wie man sie berechnet
Wer seine Renteninformation bekommt, schaut oft kurz drauf und legt sie wieder weg. So geht es auch Andrea. Die Zahl, die anzeigt, was wir voraussichtlich als Brutto-Rente bekommen werden, wirkt diffus, weit weg, irgendwie nicht ganz real. So beschreibt Andrea ihre Erfahrung. Dabei lohnt sich der Blick. Die Rentenlücke beschreibt den Betrag, der uns in der Rente monatlich fehlt – also die Differenz zwischen unserem gewünschten Lebensstandard im Alter und der tatsächlich zu erwartenden Rente. Gerade denjenigen, die ihre persönliche Rentenlücke ausrechnen wollen, helfen ein digitaler und kostenloser Rentenlückenrechner oder diese Formel:
Wunschrente − gesetzliche Nettorente = Rentenlücke! Dazu kommt noch die Inflation!
Als Faustregel gilt: Wir brauchen etwa 80 Prozent unseres letzten Nettogehalts, um unseren Lebensstandard im Alter zu halten. Ein konkretes Beispiel:
Ein konkretes Beispiel:
- Wunschrente (80 % von 2.500 € netto): 2.000 €
- Voraussichtliche Gesetzliche Rente (brutto): ca. 1.200 €
- Abzüge wie Steuern, Pflege- & Krankenversicherung (ca. 15–20 %): ca. 200 €
- Voraussichtliche Gesetzliche Nettorente: 1.000 €
- Rentenlücke: 2.000 € – 1.000 € (Gesetzliche Nettorente): ca. 1.000 € pro Monat
Und wenn man das hochrechnet: Rund 1.000 Euro monatlich über 20 Jahre, die im im Rentenalter fehlen, dazu kommen durchschnittlich zwei Prozent Inflation pro Jahr, dann kommen wir schnell auf eine Rentenlücke von über 450.000 Euro, die fehlen. Hinzu kommen steigende Gesundheits- und Pflegekosten, die laut Expert:innen in Zukunft weiter zunehmen werden. «Das wird greifbarer», sagt Andrea nach dieser Rechnung im Podcast. «Und das macht mir schon Sorgen.»
Was man mit Ende 50 noch tun kann
Wir wollen aber weniger Sorgen, sondern mehr Altersvorfreude, daher die gute Nachricht: Es ist nicht zu spät. Weit davon entfernt. Mehrere Stellschrauben lassen sich noch drehen und häufig stehen sogar mehr Möglichkeiten offen, als man denkt. Zum Beispiel:
- Einen ETF-Sparplan starten
Wichtig ist, die eigene Rentenlücke zu kennen und auszurechnen: Was kann ich tun, um sie zu füllen? Eine Möglichkeit bieten Investitionen in ETFs: Wer monatlich 300 Euro in einen breit gestreuten ETF investiert, zum Beispiel in einen Welt-ETF, kann bei einer durchschnittlichen Rendite von sieben Prozent pro Jahr nach zehn Jahren auf ein Endkapital von über 50.000 Euro kommen. Davon eingezahlt: 36.000 Euro. Der Rest? Zins und Zinseszins. Vorsicht, allerdings: Der Kapitalmarkt unterliegt Schwankungen und Risiken.
- Vermögenswirksame Leistungen (VL) nutzen
Viele Arbeitnehmer:innen wissen gar nicht, ob ihnen Vermögenswirksame Leistungen (VL) zustehen oder fragen schlicht nicht nach. Dabei bedeutet es im Grunde Extrageld von der Arbeitgeber:in.
- Andere Geldquellen prüfen
Gibt es ein mögliches Erbe? Einen Bonus? Eine Gehaltserhöhung, deren Hälfte direkt angelegt werden könnte? Das klingt abstrakt – ist aber einer der effektivsten Hebel für den Vermögensaufbau.
- Den finanziellen Status quo kennen
Was kommt rein? Was geht raus? Welche Versicherungen sind sinnvoll, welche überflüssig? Erst wer weiß, wo er steht, kann gezielt handeln.
Der größte Mythos: «Investieren ist nur etwas für Reiche»
«Wenn jemand mit Aktien zu tun hat, dann ist der schon reich» – so fasst Andrea ihren bisherigen Glaubenssatz zusammen. Dabei ist es möglich, breit gestreut in tausende Aktien beispielsweise mithilfe von ETFs zu investieren. Dafür braucht es keinen großen Startbetrag. Wer einen automatisierten Sparplan aufsetzt, und das ist mittlerweile ab einem Euro möglich, kann Schritt für Schritt Vermögen aufbauen. Klar ist: Dafür braucht es mehr als einen Euro monatlich. Aber der Zugang ist einfach. Auch mit 55, mit 58, und sogar noch mit 60 +. Das größte Risiko ist, nichts zu tun.
«Wie herrlich wäre das!»
Am Ende des Gesprächs ist Andrea nachdenklich, aber auch motiviert. «Ich wäre unheimlich stolz auf mich, wenn ich das endlich umsetzen würde. Also erstmal überhaupt diesen ersten Impuls zu haben und dem dann auch zu folgen.» Und dann, mit einem Lächeln: «Wie herrlich wäre das, wenn ich im Alter denken könnte: Wie gut, dass ich das damals gemacht habe.»
Genau das ist die Botschaft dieses Gesprächs. Nicht Perfektion. Nicht der perfekte Zeitpunkt. Einfach mal anfangen. Denn wie Andrea selbst sagt: «Es ist doch nur zu meinem Vorteil.»
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