Liebe fürs Leben: Die Freiheit zu gehen ist der Schlüssel zu einer glücklichen Ehe

Jahrzehnte lange Beziehungen haben ein durchwachsenes Image: öde, spießig, spaßbefreit. Ein Fehler, findet die Philosophin Svenja Flaßpöhler. Sie sagt: Aus freien Stücken bleiben zu können, ist sogar eine feministische Errungenschaft

BRIGITTE: Sie sind seit gut 20 Jahren mit Ihrem Mann zusammen, obwohl statistisch eigentlich alles dagegenspricht: Jede dritte Ehe wird geschieden, an Ihrem Wohnort Berlin fast jede zweite. Haben Sie einfach Glück gehabt?

Svenja Flaßpöhler: Glück, das hieße: Du hast eben einfach den Richtigen gefunden. Mit euch funktioniert es, weil ihr so gut zueinander passt. Aber das ist ein Irrglaube, weil er mich nie bei einem anderen ankommen lässt. Schließlich gibt es immer etwas, das nicht perfekt funktioniert. Und nach der ersten Phase der Verliebtheit fangen die Konflikte an. Also, denkt man dann, ist das wohl doch nicht der Richtige, und so geht die Suche weiter. Es gibt einen Gedanken des spätromantischen Philosophen Søren Kierkegaard, den ich in dieser Hinsicht regelrecht rettend finde. 

Ernsthaft: Ein Mann aus dem 19. Jahrhundert als Beziehungscoach?

Natürlich hatte Kierkegaard als Kind seiner Zeit blinde Flecken. Er hatte zum Beispiel riesige Angst vor emanzipierten Frauen. Aber er hat auch einiges erkannt, was gerade heute, in unserer Multioptionsgesellschaft, von großer Bedeutung ist. Er schreibt nämlich, dass es gar nicht darum geht, den «Richtigen» zu finden. Sondern es kommt auf das «Pathos der Wahl» an. Das heißt, ich sage leidenschaftlich «ja» zu diesem einen Menschen, weil mit ihm ein gemeinsames Leben möglich ist – auch wenn das theoretisch auch mit einer anderen Person denkbar wäre. Das ist etwas völlig anderes, als von Mr. oder Mrs. Right zu träumen. 

Ist die Dauer einer Beziehung denn ein Wert an sich?

Nein. Es gibt schreckliche Langzeitbeziehungen mit psychischer und physischer Gewalt, und es muss immer die Möglichkeit geben, zu gehen. Der Feminismus hat dafür gekämpft, dass Frauen genau das können: materiell wie psychisch. Erst so wird eine freie feste Bindung überhaupt möglich. Die Freiheit, gehen zu können, gibt mir die Freiheit, zu bleiben.

In Ihrem neuen Buch erzählen Sie auch von Ihrem ungebundenen Liebesleben vor Ihrer Beziehung zu Ihrem Mann – Berliner Clubszene, One-night-stands. Klar, dass da irgendwann die Sehnsucht nach Ruhe wächst. Was ist mit Frauen, die früh schon den Partner für immer gefunden haben – fehlt denen etwas?

Cover Zusammenbleiben von Svenja Flaßpöhler
In ihrem aktuellen Buch „Zusammenbleiben – von der Freiheit fester Bindungen“ (25 Euro, Klett Cotta) verbindet die Philosophin, Autorin und Herausgeberin Svenja Flaßpöhler ihre ganz persönliche Beziehungsgeschichte mit philosophischen Betrachtungen – streitbar, spannend, kontrovers und klug.
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Aus Kierkegaards Sicht überhaupt nicht! Er hält gerade die «erste Liebe» hoch, weil aus seiner Sicht jede weitere Beziehung ein Zeugnis davon ist, dass man eben doch den «Richtigen» sucht – und also auf Abwegen ist. Gleichzeitig sind Menschen aber natürlich oft noch sehr jung, wenn sie sich zum ersten Mal verlieben. Deshalb ist eine freie Bindung vielleicht schwieriger, weil man als ganz junger Mensch noch sehr nah dran ist an der eigenen Herkunftsfamilie und übernommene Muster weniger reflektiert. Wichtig ist, eine Vorstellung davon zu entwickeln, wer man noch sein könnte, ohne diese Beziehung.

Auch später bleiben wir ja noch geprägt von gesellschaftlichen Normen und auch den Beziehungen unserer Eltern, im Guten wie im Schlechten.

Keine Beziehung existiert im luftleeren Raum. Und die eigene Herkunft spielt immer eine Rolle. Das gilt insbesondere für meine frühere exzessive Phase mit vielen wechselnden Sexualpartnern. Ich war damals von einer tiefsitzenden Verlassensangst beherrscht, die aus meiner Kindheit resultierte. Als mein Vater auszog, war ich zwei Jahre alt, meine Mutter ging, als ich 14 war. Ich bin bei meinem Stiefvater geblieben. Meine Mutter hat mir schon früh geraten: «Heirate nie, bekomme keine Kinder. Nur dann kannst du eine freie Frau sein.»

Und dann haben Sie genau das Gegenteil getan. Sind Sie vielleicht deshalb so eine Verfechterin der Ehe, um sich von Ihrer Mutter abzugrenzen?

Das denke ich nicht. Ein Abgrenzungswille kann einen Menschen eine gewisse Zeit tragen, aber als Grund für eine lebenslange Bindung reicht er nicht aus. Zumindest nicht, wenn die Bindung gelingen soll. Sie wäre nicht frei, sondern nur ein Reflex. 

Eltern werden ist oft eine Sollbruchstelle in der Liebe, man wird eher zum Familienteam, die Paardynamik verändert sich. Sie haben zwei Kinder, wie sind Sie dieser Falle entkommen?

Die Sollbruchstelle lautet: Sex. Ich habe festgestellt, wie nach und nach so eine Prüderie in mich einzog, als ich Mutter wurde: Ich hatte kein Interesse mehr an Erotik, habe mich nicht mehr geschminkt, wurde zu einer lustlosen Frau. Ich habe mich dann mit historischen Diskursen beschäftigt, die von der Mutter Reinheit verlangten. Denker wie Johann Heinrich Pestalozzi oder Jean-Jacques Rousseau zum Beispiel sahen in der Mutter die moralische Instanz der Familie, die alles zusammenhält, während der Mann durchaus das Recht hat auf Spiel, Egoismus und Leichtigkeit besitzt. 

Und über diese eher verkopfte Erkenntnis kam die Lust zurück?

Nein, dafür habe ich meinen Mann gebraucht. In dem Wissen, dass ich jederzeit Nein sagen kann, habe ich eine Offenheit erprobt und mich eingelassen. So habe ich durch meinen Mann meine Unlust überwunden, er hat mich wieder mit der Frau verbunden, die ich vor der Schwangerschaft gewesen war. 

Was würden Sie sagen: Wie wichtig ist Sex für eine langjährige, erfüllte Beziehung?

Sehr wichtig. Er ist der Kern der Intimität. Bei der sexuellen Hingabe lasse ich mich im Innersten berühren. Genau das meint der lateinische Begriff Intimität: «Innerstes». Außerdem ist die Sexualität der Kontrapunkt zum durchorganisierten, profanen Alltag. Vor allem, wenn sie nicht im Dienst der Fortpflanzung steht. Es geht um zweckfreie Verausgabung und nicht um Effizienz, Planung, Optimierung. 

Unlust überwinden lohnt sich?

Ja, und zwar schon allein deshalb, weil ich auf keinen Fall eben jene Reinheit performen wollte, die Männer wie Pestalozzi oder Rousseau von mir verlangten. Gleichzeitig ist das Neinsagen aber natürlich auch eine feministische Errungenschaft. Die Freiheit, Nein zu sagen, ist die Bedingung dafür, aus Freiheit Ja zu sagen. 

Lust mit immer demselben Partner braucht Engagement, Verfechter:innen offener Beziehungen haben es da leichter. Sie sehen das trotzdem skeptisch.

Ich will andere Beziehungsmodelle nicht abschaffen, jeder hat das Recht, seine eigene Form zu finden. Aber es ist für mich eine Frage, wie sich Intimität zwischen zweien herstellen lässt, wenn Dritte in sie hereingelassen werden. Das «Innerste» lässt sich auch räumlich denken: Es muss notwendigerweise ein Innen und Außen geben. Die Intimsphäre ist eine Blase, die zwar für bestimmte Stoffe durchlässig ist, aber auch eine schützende Grenze bildet. Eifersucht, nicht zu verwechseln mit Besitzdenken, ist eine Wächterin der Intimität: Hier stellt jemand diese Grenze infrage. 

Das macht vor allem Kummer. Lohnt sich der?

Eifersucht macht auch Lust: Rivalisierende Dritte zeigen, dass der andere wirklich begehrenswert ist. Er wird mir wieder ein Stück fremd, ich sehe ihn plötzlich mit anderen Augen. Ein Paar kann schnell in seiner Intimität ersticken. Dritte sorgen für frische Luft. 

Gab es in Ihren zwei Jahrzehnten Ehe Konflikte, bei denen Sie dachten: Es geht nicht mehr?

Ja, das hatte aber nichts mit Eifersucht zu tun. Es war während der Pandemie, als wir plötzlich merkten, dass wir in fundamentalen Fragen anderer Ansicht waren. In einer Situation kam es zu einem unglaublich heftigen Streit. Sogar die Möglichkeit einer Trennung stand im Raum. Wir konnten den Strudel der Vernichtung aber gerade noch rechtzeitig stoppen, weil wir beide spürten: Es geht eigentlich um etwas ganz anderes, etwas längst Vergangenes. Wir haben uns dann Zeit geschenkt, um dieses Etwas zu fassen zu kriegen. Wenn einem Paar das gelingt, hebt es sich nochmal auf eine ganz andere, höhere Ebene. 

Bei manchen Themen lässt sich vielleicht auch gar keine Einigkeit herstellen.

Auch das war ein Lernprozess, der uns weitergebracht hat: Unvereinbarkeiten gemeinsam auszuhalten, Großzügigkeit zu kultivieren, nicht in den Modus der Feindschaft zu verfallen.

Sie und Ihr Mann sind jetzt Anfang 50, rein statistisch müssten also noch mehr Ehejahre vor Ihnen liegen als hinter Ihnen. Was wünschen Sie sich dafür?

Dass es uns gelingt, die Früchte zu ernten. Es gibt ja diese fatalistische Vorstellung vom Niedergang in Langzeitbeziehungen: Alles wird monotoner, der Sex geht verloren. Dabei vergessen wir, dass gerade in der Dauer eine Steigerung, ein Wachstum liegen kann. Die Kinder sind, wie man so sagt, aus dem Gröbsten raus, dasselbe gilt in beruflicher Hinsicht. Die Freiräume werden wieder größer, wir haben mehr Raum für uns als Paar. Die Kunst liegt darin, diesen Raum nicht sofort wieder mit profanen Notwendigkeiten wie Wohnungsrenovierungsprojekten zu füllen, sondern die Zeit zu feiern: Die vergangene, an die wir uns gemeinsam erinnern können. Und die, die uns noch bleibt. 

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