Kita-Krise, Mental Load, fehlende Unterstützung – und plötzlich wirkt das traditionelle Hausfrauenleben wie eine verlockende Zuflucht. In ihrem Roman «Heimat» erzählt Hannah Lühmann von der sanften Radikalisierung einer modernen Mutter zur «Tradwife». Im Gespräch mit BRIGITTE warnt sie: Das kann jeder passieren!
BRIGITTE: Frau Lühmann, was ist überhaupt eine «Tradwife»?
Hannah Lühmann: Der Begriff kommt von traditional wife – also traditionelle Ehefrau. Dahinter steckt eine Rückbesinnung auf häusliche Tätigkeiten und eine klar verteilte Rollenordnung: Die Frau kümmert sich um Haushalt und Kinder, der Mann verdient das Geld. Auf Social Media wird das inszeniert als ästhetische, entschleunigte Gegenwelt zur «kranken Moderne» – mal in harmloser 50er-Jahre-Romantik, mal mit evangelikalem oder rechtsradikalem Unterton.
Warum übt das auf so viele Frauen eine Faszination aus?
Tradwives versprechen Ruhe, Ordnung und Bedeutung in einer Welt, die viele überfordert. Die Botschaft lautet: Du bist wichtig – als Mutter, als Hüterin der Familie. Das vermittelt ein Gefühl von Kontrolle, gerade wenn man im Alltag das Gegenteil erlebt.
Ihre Romanfigur Jana lässt sich in einer Lebenskrise von einer Tradwife «einfangen». Was macht Frauen in solchen Momenten anfällig?
Jana ist eine durchschnittliche Frau mit passiv-aggressivem Mann und aufgegebenen Ambitionen. Sie ist mit dem dritten Kind schwanger, wird von ihrem Partner mit allem allein gelassen – aber der hält sich trotzdem für progressiv. Genau das erlebe ich oft in meinem Umfeld: Männer glauben, gleichberechtigt zu sein – aber sie verstehen die emotionale und organisatorische Last nicht, die Frauen tragen. Diese Lücke ist gefährlich, weil sie kurioserweise traditionelle Modelle plötzlich attraktiv macht – man lässt sich in die Rollenverteilung fallen, die unterschwellig eh schon da ist.

© Max Zerrahn
Sie sprechen von einer «sanften Radikalisierung». Wie läuft das ab?
Es passiert oft unbemerkt. Wer sich ständig zwischen Job, Familie und Haushalt aufreibt, ist anfälliger für die Illusion einfacher Lösungen. Das kann so harmlos anfangen wie ein Brotrezept-Video auf Instagram – und endet bei der Ablehnung von Fremdbetreuung, queerfeindlichen Einlassungen oder rechter Politik.
Sind diese Ideale überhaupt lebbar?
Nein. Aussteigerinnen berichten vom Scheitern. Viele Tradwives haben heimlich Nannys oder setzen die Kinder doch mal vor den Fernseher. Ideale Mutterschaft gibt es nicht – deshalb bleibt nur Schummeln.
Die feministische Journalistin Mirna Funk sagt, Frauen sollten weniger jammern und für finanzielle Unabhängigkeit kämpfen. Was entgegnen Sie?
Ich verstehe diesen harten Feminismus, aber er ist nicht für alle Lebenslagen passend. Als meine Kinder klein waren, wäre ich im Rückblick gerne länger zu Hause geblieben. Der «Working Mom»-Diskurs setzt oft mehr Druck als Unterstützung. In dieser Phase der Unsicherheit kommen Tradwives ins Spiel – sie bieten ein glasklares Bild davon, was «richtige» Mutterschaft angeblich ist.
In Deutschland liegt die Geburtenrate nur noch bei 1,35 Kindern pro Frau. Hat das mit diesen Debatten zu tun?
Es ist ein globales Phänomen. Frauen bekommen weniger Kinder, auch weil die Unterstützung fehlt: Kita-Krise, familienunfreundliche Unternehmen, hohe Wohnkosten. Die Tradwives dämonisieren Kinderlosigkeit als Untergang des Abendlandes – aber die Realität ist, dass die Anreize schlicht fehlen.
Was bräuchten Frauen, um sich nicht zurück ins Häusliche drängen zu lassen?
Echte Wahlmöglichkeiten. Deutschland ist kein kinderfreundliches Land. Wir brauchen visionäre Familienpolitik, zum Beispiel Wohnformen für Mehrgenerationenfamilien oder ein «Großelterngeld». Und vor allem: echte Wertschätzung und Bezahlung von Care-Arbeit.
In Ihrem Buch lehnen die Tradwives Fremdbetreuung kategorisch ab und zitieren sogar eine Studie, die belegt, wie schädlich Kitas für kleine Kinder sein sollen. Das macht schon was mit einem …
Ja, und das funktioniert als Manipulation. In diesem Zusammenhang wird etwa ständig eine bestimmte Studie herangezogen – ignoriert werden aber die vielen anderen, die zeigen: Gute Kitas können für Kinder wunderbar sein.

© Hanser Blau
Sie selbst sind gerade mit Ihrer Familie aufs Land gezogen – wie Ihre Figur Jana. Ein Zufall?
(lacht) Ja. Mein Roman war schon fertig, bevor das passiert ist. Wir ziehen zu meiner Mutter, um sie im Haushalt zu unterstützen und auch aus finanziellen Gründen. Die Tradwives kriegen mich nicht – ich arbeite weiter als Journalistin und Autorin.
Kann ein Leben als Hausfrau auch feministisch sein?
Nur in gewisser Hinsicht. Selbstbestimmt zu entscheiden, dass man nur für die Familie da sein möchte, verdient Respekt. Nähe und Bindung sind wichtig für Kinder. Gefährlich wird es, wenn Frauen glauben, das sei der einzig richtige Weg – oder wenn der Rückzug ins Häusliche als Selbstermächtigung verkauft wird, obwohl er in alte Abhängigkeiten führt. Dass Frauen sich auf diese Themen einengen lassen, nimmt ihnen Präsenz in der Sphäre des Öffentlichen.
Würden Sie als junge Mutter heute etwas anders machen?
Das kann man ja nur sehr begrenzt bestimmen, aber ich denke manchmal, ich hätte gerne früher Kinder bekommen, um den Spagat mit Ende 30 zu vermeiden – und nicht so lange versucht, Vollzeit zu arbeiten. Der ständige Vergleich, gerade mit den scheinbar widerspruchslosen Tradwife-Welten, war Gift.
Warum wollten Sie unbedingt Vollzeit weiter arbeiten? Ging es Ihnen ums Geld oder doch eher um dieses Working-Mom-Ideal?
Ich war stellvertretende Ressortleiterin und wollte mein Gehalt behalten. Ich hatte das Gefühl, dass es mir nichts bringen würde, in Teilzeit zu gehen, weil ich meinen Job sicherlich niemals in der vorgesehenen Zeit geschafft hätte und viele unbezahlte Überstunden hätte machen müssen. Immerhin hatte ich schon in Vollzeit auch viel abends und am Wochenende gearbeitet. Deshalb kann ich auch nachvollziehen, dass sich heute immer weniger Frauen für Kinder entscheiden, weil sie das Vereinbarkeitsding überall gegen die Wand fahren sehen und es zu wenige Anreize gibt, Kinder zu bekommen. Im Nachhinein hätte ich mir trotzdem gewünscht, länger zu Hause geblieben zu sein. Das wäre entspannter für die Kinder gewesen. Dieses Gefühl wurde damals aber auch stark von dem Tradwife-Content geprägt, den ich mir angeschaut habe.
Die Trad-Bubble wird immer radikaler. Was macht Ihnen daran am meisten Sorgen?
Es gibt innerhalb des Tradwife-Spektrums ganz klare «rechtsradikale Einschüsse». Besonders im US-amerikanischen Raum, aber zunehmend auch im deutschsprachigen Raum, sind oft evangelikale oder freikirchliche Anbindungen erkennbar. Weibliche Radikalisierung in diesem Kontext wird stark durch die sozialen Medien vorangetrieben. Frauen finden frische, cool aufbereitete Idealbilder von Mutterschaft, die ihre Schuldgefühle ansprechen. Die «Trad-Bubble» zeigt makellose Küchen, entspannte Mütter, glückliche Kinder – und suggeriert: So kann dein Leben auch aussehen. Aber: Diese Inszenierungen transportieren ein vollkommen verzerrtes Bild von Weiblichkeit, Mutterschaft und Selbstbestimmung. Sie funktionieren so subtil, dass man kaum merkt, wie sehr man sich davon beeinflussen lässt. Aber das ist Propaganda. Selbst ich habe mich von diesen Accounts hypnotisieren lassen …
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