Vom Glas Sekt zum Lockerwerden bis zum klinischen Entzug: Die Schriftstellerin Wiebke Lorenz, 54, spricht offen über ihren Weg in die Alkoholkrankheit – und ihre Heilung. Ihr größter Wunsch: dass wir aufhören, Suchtkranke zu beschämen. Besonders Frauen und Mütter. Teil 3 der BRIGITTE-Serie «Stärker als die Sucht».
BRIGITTE: Der Drink bei der Party, der Wein im Restaurant – Trinken ist gesellschaftlich akzeptiert, Alkohol leicht verfügbar, das macht ihn als Suchtstoff besonders gefährlich. Wann und wie hast du verstanden, dass du krank bist?
Wiebke Lorenz: Ich war Ende 30, und hatte damals begonnen, bereits tagsüber zu trinken: vormittags an einem Manuskript arbeiten, dann zum Supermarkt, Wein kaufen. Das war eine Grenze, die ich vorher nicht überschritten hatte. An einem Nachmittag rief mich ein Freund an und hörte, dass ich nicht mehr klar sprechen konnte. Er war dafür umso klarer und sagte: «Wiebke, das geht so nicht weiter, du brauchst medizinische Hilfe.»
Und du hast auf ihn gehört.
Ja. Kurz danach habe ich einen klinischen Entzug gemacht, den ersten von insgesamt sechs im Krankenhaus, dazu einige in Eigenregie. Heute bin ich trocken, aber Alkoholismus ist eine Rückfallerkrankung, eine chronische Krankheit. Das Risiko bleibt immer.
Gab es einen äußeren Anlass, warum du damals so viel konsumiert hast?
Meine damalige Ehe lag in den letzten Zügen, mein Wunsch nach einem Kind war unerfüllt, ich hatte eine Reihe von Fehlgeburten gehabt, während meine ältere Schwester ein gesundes Baby nach dem anderen zur Welt brachte. Der Weg in die Sucht ist schleichend, über viele Jahre, aber diese Lebenskrise hat ihr nochmal einen Schub gegeben.
Trinken, um sich zu betäuben?
Der Fachbegriff lautet «dysfunktionale Bewältigungsstrategie», aber man kann es auch einfacher sagen: Alkohol war mein Schmerzmittel, wenn ich ein Gefühl oder eine Situation nicht ausgehalten habe. Darauf zu verzichten, ist nicht leicht. Denn damit machst du eine Tür zu. Dann bist du auch nicht mehr Teil der Party.
Der schleichende Weg in die Sucht, wie fing er bei dir an?
Eigentlich mag ich gar keinen Alkohol, er schmeckt mir überhaupt nicht. Aber er war auch immer das typische soziale Schmiermittel, in der Arbeitswelt, auf privaten Feiern. Ich erinnere mich gut an mein erstes bewusst getrunkenes Glas Sekt mit 19, auf einer Party. Ich war verliebt in einen Typen, nervös, warf ihm aus der Ferne Blicke zu, und eine Bekannte empfahl mir: «Wiebke, schenk dir mal was ein, du musst lockerer werden.»
Alkohol als Mittel zum Zweck?
Ja, ich war vom ersten Moment an Wirkungstrinkerin, ich habe zu Alkohol gegriffen, weil ich mir davon etwas versprochen habe. Ähnlich wie meine Mutter. Sie war über Jahrzehnte alkoholkrank, hat das für sich aber immer als Heilmittel definiert: den Schnaps für den Magen, den Sekt für den Kreislauf.
Du bist also familiär vorbelastet? Es gibt ja bei Sucht eine genetische Komponente.
Aber das wäre mir als Erklärung zu einfach. Meine Eltern waren beide Alkoholiker, aber unterschiedlich lang und heftig. Mein Vater hat in einer schweren beruflichen Krise nach einer Insolvenz massiv getrunken, über eine längere Zeit, und hat dann nie wieder einen Tropfen angerührt. Er hat danach sogar eine Weile in der Kneipe eines Fußballvereins gearbeitet, ist aber trocken geblieben und heute mit Mitte 80 gesundheitlich fit. Bei meiner Mutter blieb es chronisch.
Schon in deiner Kindheit?
Ich erinnere mich an Situationen, da kam ich aus der Schule nach Hause und sie lag betrunken auf dem Flokati im Hausflur und in der Küche gab es verbrannte Fischstäbchen. Aber sie hätte das nie so eingeordnet, dass sie krank ist. Vor zehn Jahren ist sie an den Folgen gestorben, einer Leberzirrhose, aus der sich Krebs entwickelt hat. Sie konnte nicht aufhören. Ich sage das ohne Vorwurf, Sucht kommt man nicht mit Vernunft bei.
Wie ging es bei dir weiter, vom ersten Sekt zum Lockerwerden bis zur Erkenntnis: Ich bin suchtkrank?
Ich bin von meiner Art her relativ extrem, Typ «Ganz oder Garnicht.» Ich kenne wenig Grautöne. Das hat mich in meinen Zwanzigern zu einer klassischen Quartalstrinkerin gemacht, mal ganz abstinent, mal Vollabsturz inklusive Filmriss. Gleichzeitig war ich auch extrem diszipliniert und leistungsorientiert. Wahrscheinlich ist das Schreiben der Grund, dass ich überhaupt noch lebe, denn das konnte ich schon immer nur nüchtern. Von Freundinnen und Freunden hörte ich: «Wiebke, dich gibt es eigentlich zwei Mal, beim Feiern bist du immer die Betrunkenste, und am nächsten Tag sitzt du wieder im Seminar und schreibst Top-Noten.»
War es dir wichtig, was andere über dich denken?
Ich habe mich oft in Grund und Boden geschämt. An der Uni bin ich oft Umwege auf dem Campus gelaufen, um nicht durch die Hauptcafeteria zu müssen, weil ich wusste: Da sitzen die Leute, die mich gestern Abend gesehen haben. Später, als Autorin auf Verlagspartys, habe ich oft mitbekommen, dass Menschen über mich geredet haben. Aber das ist das Gemeine an Suchterkrankungen: Sie lassen sich nicht einfach rational besiegen. Dazu kommt diese Täter-Opfer-Umkehr, die ich wirklich schlimm finde, und die wir alle stark verinnerlicht haben.
Mit Anfang 40 hat sich dein Leben zum Guten gewendet: Du warst nach dem Entzug trocken, neu verliebt, hast eine Tochter bekommen. Hilft es gegen die Rückfallgefahr, wenn man weiß: Ich bin jetzt verantwortlich für ein Kind?
Das halte ich für ein Klischee, und zwar ein gefährliches. Denn niemand ist dauerhaft glücklich, auch wenn die Umstände besser sind, jeder hat andere Trigger. Bei mir sind es Kränkungen und Ohnmachtsgefühle. Wenn es mir gut geht, kannst du mich mitten in den Kölner Karneval stellen und ich bleibe nüchtern, wenn es mir psychisch nicht gut geht, bin ich in Gefahr. Als Mutter mit einer Alkoholerkrankung erlebe ich das soziale Stigma als besonders hoch.
Wie meinst du das?
Es gibt eine Hierarchie der Scham: Frauen, die trinken, werden mehr verachtet als Männer, Mütter mehr als Väter. Väter, die trinken, haben Dämonen, Mütter, die trinken, gelten als Monster. Trinkt eine prominente Frau, ist in den Schlagzeilen der Boulevardpresse später von einer «Alkohol-Beichte» die Rede, als hätte sie ein Verbrechen begangen. Diese Schuldzuweisung ist Teil des Problems. Denn Scham hilft nicht, im Gegenteil. Wäre diese Krankheit nicht so stigmatisiert, wären wir damit ähnlich locker wie mit dem Trinken selbst, müssten nicht so viele Süchtige daran zugrunde gehen. Deshalb habe ich mich für einen offenen Umgang entschieden, auch hier, in diesem Gespräch.
Sprichst du das Thema von dir aus an?
Kommt immer darauf an, wie ich drauf bin. Etwa in Situationen, in denen mir Alkohol angeboten wird, auf Feiern, im Restaurant. Manchmal sage ich einfach: «Nein danke», aber wenn ich Lust habe, Leute zu schockieren, sage ich auch: «Ich bin alkoholkrank», und blicke dann in entsetzte Gesichter. Als hätte ich gerade gestanden, dass ich in meiner Freizeit kleine Kinder im Keller einsperre. Es wäre schön, wenn wir Sucht einfach als ganz normale Krankheit behandeln könnten, wie Diabetes oder Haarausfall. Nicht der Suchtkranke ist das Problem, sondern die süchtig machende Substanz.
Menschen sind eben oft hilflos, wie sie damit umgehen sollen – was würdest du dir wünschen?
Mehr Wertschätzung, eine Bemerkung wie: «Finde ich super, dass du nicht mehr trinkst». Ich erfahre aber auch, dass Offenheit verbindet. Dass Menschen sagen: «Wichtiges Thema, ich habe auch schon darüber nachgedacht, ob mein Konsum problematisch ist.»
Wenn du sagst, du bist nie ganz sicher vor einem Rückfall: Wie hast du dich und deine Tochter in den letzten Jahren geschützt?
Ich bin alleinerziehend, habe mir aber ein großes privates Sicherheitsnetzwerk aufgebaut, mit Freundinnen und Freunden. Die haben ein Auge auf mich, verurteilen mich nicht, versuchen, dafür zu sorgen, dass ich gar nicht an den Punkt komme, wo der Suchtdruck überhandnimmt. Und wenn es doch passiert ist und ich wieder etwas getrunken habe, dann wusste ich immer, wen ich anrufen kann, um zu sagen: «Kannst du meine Tochter bitte von der Schule oder vom Tanzkurs abholen, sie nach Hause bringen und über Nacht bei uns bleiben, bis sicher ist, dass ich stabil bin?» Für meine Krankheit kann ich nichts, aber ich trage die Verantwortung, dagegen vorzugehen. Für mich und mein Kind.
Was ist mit Selbsthilfegruppen wie den anonymen Alkoholikern, Achtsamkeitsübungen…
Ich bin nicht der Typ für Selbsthilfegruppen, das ist mir zu viel Selbstgeißelung, und wenn ich Klangschalen höre, macht mich das sofort schwer aggressiv (lacht). Ich möchte das aber überhaupt nicht verdammen, mir ist klar, dass andere Suchtkranke sehr von Meditation und Entspannungstechniken profitieren. Was unterstützt, ist total individuell. Bei mir ist es neben meinem freundschaftlichen Netzwerk auch die Arbeit, ich kann damit negative Gefühle ein bisschen plattmachen.
Was müsste denn passieren, um suchtgefährdete Menschen besser zu schützen?
Ich bin nicht für ein generelles Alkoholverbot. Aber die Alkohol-Lobby ist verlogen: Getränkekonzerne fordern zwar zum maßvollen Konsum auf, aber den Hauptumsatz machen sie mit Menschen, die bereits richtig krank sind. Deshalb würde ich mir ein Werbeverbot wünschen, und Warnhinweise, ähnlich wie auf Zigarettenschachteln. Ich würde mir auch wünschen, dass die Alkoholindustrie sich an den Folgekosten für das Gesundheitssystem beteiligen muss. Und dass in der Schule anders und besser darüber aufgeklärt wird, dass Alkohol eine abhängig machende Substanz ist.
Deine Tochter ist jetzt 13. Wie gehst du damit um, wenn sie ihre ersten Erfahrungen mit Alkohol macht?

Ich möchte das nicht verteufeln. Sie wird auf Partys gehen, sie wird heimkommen und einen in der Schüssel haben. Das ist in Ordnung, Ausprobieren gehört zum Leben dazu. Trotzdem bin ich überzeugt: Sie wird diese schlimme Familientradition nicht weiterführen, die endet mit mir. Wir haben ein enges Verhältnis, wir sind sehr offen miteinander. Ich habe mir auch ihren Segen geholt, mein neues Buch zu schreiben – die Hauptfigur ist Alkoholikerin, und im Zweifelsfall muss meine Tochter damit umgehen, dass Klassenkameraden sie auf ihre Mutter ansprechen.
«Voll im falschen Film» ist eine Krimikomödie mit irrwitziger Ausgangssituation: Die Schauspielerin Nora wird in einen Keller eingesperrt, in dem es ausschließlich Hochprozentiges zu trinken gibt. Eigentlich ist sie trocken, aber hier bleibt ihr keine andere Wahl, so erleidet sie einen massiven Rückfall. Du willst dich doch nicht über Suchtkranke lustig machen.
Im Gegenteil. Ich sage immer: «Die Würde des Menschen ist unantastbar, auch die des Besoffenen.» Aber Humor ist in dem Fall der Weg, ein wichtiges Thema unterhaltsam zu machen – das Buch ist eine Art trojanisches Pferd, eigentlich ein Aufklärungsbuch, getarnt als Screwball-Komödie über eine Alkoholikerin.
Ohne den Ausgang zu spoilern, der letzte Satz hat mich berührt: «Mein Name ist Nora, ich bin Alkoholikerin, und ich bin immer noch da.»
Ja. Als ich ihn geschrieben habe, habe ich geweint. Und auch wenn ich ihn höre, kommen mir die Tränen. Scham bringt einen nicht weiter, im Gegenteil. Aber Demut hilft. Und das Gefühl, nicht allein zu sein.
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