Doppelleben: Was eine Journalistin undercover auf Nazi-Dating-Plattformen erlebte

Als «Isabell» unterwanderte Angelique Geray über Jahre die rechte Szene – von Dating-Plattformen bis hin zu Terrorzellen. Sie wollte herausfinden: Wie wird Nachwuchs gezielt rekrutiert? Warum sind Frauen so anfällig für rechtsextreme Ideologien? In «Undercover bei Nazis» erzählt die Journalistin, wie sie durch ihren Einsatz «aus Versehen» einen Bombenanschlag auf ein Flüchtlingsheim verhinderte. Was hat die Undercover-Recherche mit ihr gemacht? Und was gibt ihr Hoffnung? 

BRIGITTE: Angelique, du hast monatelang ein gefährliches Doppelleben geführt, um die rechtsextreme Szene zu unterwandern. Wie fühlt es sich an, 24 Stunden am Tag eine Identität zu pflegen, die dem eigenen Weltbild komplett widerspricht?

Angelique Geray: Man kann Neonazis nicht in Teilzeit unterwandern. Es nimmt dein Leben von früh bis spät ein. Ich musste eine Online-Persona namens «Isabell» erschaffen und diese ständig pflegen, damit sie als aktiv wahrgenommen wird. Das bedeutet, man verbringt eigentlich jede freie Minute am Handy oder ist auf Veranstaltungen oder Konzerten unterwegs. Vertrauen baut man in dieser Szene am besten durch persönlichen Kontakt auf, man braucht eine gewisse Street Credibility. «Isabell» hat über einen längeren Zeitraum meinen Alltag bestimmt – ich konnte sie nach dem Einsatz nicht einfach per Knopfdruck ausschalten.

Du hast Rechtsrock-Konzerte mit glatzköpfigen Hooligans besucht und bist auf Demos neben Neonazi-Funktionären marschiert. Wie bist du cool geblieben? 

Es gab unzählige Situationen, in denen ich mein Gegenüber am liebsten geschüttelt und gerufen hätte: «Lass den Mist, das ist totaler Quatsch, den du hier erzählst!» Ich blieb konsequent in meiner Rolle als die neugierige «spät Aufgewachte» und wich Fangfragen zur NS-Zeit vorsichtig aus, ohne die Ideologie zu bestätigen. Vieles ist leider «hausgemacht»: Wenn Eltern die NS-Zeit glorifizieren, wachsen Kinder mit einem völlig verdrehten Stolz auf. 

Du warst auch auf rechtsextremen Dating-Plattformen. Wie läuft eine «rechte Brautschau» ab?

Es war wahnsinnig skurril. Das Interessante war, dass mich die Männer dort eigentlich nie etwas zu meinem Hintergrund oder meinen Hobbys gefragt haben. Ich war lediglich eine Projektionsfläche. Es ging nur darum, dass ich nicke, wenn sie über Verschwörungstheorien oder ihren Hass auf Minderheiten monologisierten. Das Idealbild dort ist die «Tradwife»: lange Haare, im gebärfreudigen Alter, interessiert an vier plus Kindern und ohne jegliche berufliche Ambition. Die Frau soll dem Mann den Rücken freihalten, während er an der «politischen Front» kämpft.

Undercover unter Nazis Buchcover
Sensationell: «Undercover unter Nazis. Als Frau im Herz der rechtsextremen Szene» von Angelique Geray (18 €, Hoffmann und Campe).
© Hoffmann und Campe

Was ist das für ein Gefühl, wenn ein erstes Date den Holocaust leugnet? 

Mein wichtigstes Mantra ist: Zuhören bedeutet nicht zustimmen. Man sieht mir meine Aufregung oder Wut niemals an. Das ist meine Superpower. Zur Vorbereitung habe ich in jeder Situation das schlimmstmögliche Szenario durchgespielt: Was sage ich, wenn ich auffliege? 

Du warst auch undercover beim geheimen «Mädeltag» der rechtsextremen «Jungen Nationalisten». Was hast du dort erlebt?

Dort wird eine gefährliche Ideologie mit einem weichen Anstrich verkauft und durch scheinbar harmlose Themen wie Naturheilkunde, Backen oder Haare flechten alltagstauglich gemacht. Es wird über Alleingeburten ohne ärztliche Hilfe gesprochen, um sich dem «System» zu entziehen, wobei die Gesundheit der Frauen massiv aufs Spiel gesetzt wird. Sie nutzen Begriffe wie «Heimat», «Tradition» oder «Freiheit», um rechtsextreme Inhalte zu normalisieren. Diese Strategie funktioniert. Auf Social Media wirken Profile weiblicher Neonazis oft unpolitisch, bis man beginnt, die rechtsextremen Codes zwischen den Zeilen zu lesen. 

Warum entscheiden sich junge, moderne Frauen im 21. Jahrhundert freiwillig für ein Leben, in dem sie sich dem Mann «unterordnen» sollen?

Ich habe in privaten Momenten durchaus Risse in dieser Fassade erlebt. Frauen, die zugaben, dass sie eigentlich keine Lust haben, «ins Mittelalter» zurückzugehen und ständig nur für den Mann zu kochen. Doch am Ende ist die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und einer klaren Identität in einer Gemeinschaft meist stärker als der Wunsch nach individueller Selbstverwirklichung. Die Unterordnung wird als Preis akzeptiert.

Wie nutzen rechtsextreme Gruppen die Sehnsucht junger Menschen nach Zugehörigkeit und Anerkennung aus?

Sie besetzen gezielt Räume, aus denen sich der Staat im ländlichen Raum zurückgezogen hat, und bieten dort Wanderungen, Konzerte oder Zeltlager an. Dort finden Jugendliche, wonach sich jeder Mensch sehnt: Anerkennung, Zugehörigkeit und echte Freundschaften. Es wird ihnen genau gesagt, was «gut» und was «böse» ist. Man bekommt eine klare Rolle zugewiesen – gerade für Frauen oft eine Form von psychologischer Aufwertung. Sie sind dann nicht mehr «nur» eine Frau, die mit ihrem Alltag kämpft, sondern sie werden zu«Hüterinnen der Heimat» oder «Müttern des Volkes» hochstilisiert. 

Viele Rechtsextreme tragen heute Skater-Style, wirken wie ganz normale Schüler:innen. Wie gefährlich ist dieser neue Look?

Das ist eine der größten Gefahren überhaupt, weil dieser Look den Rechtsextremismus vollkommen tarnt. Das Klischee vom springerstiefeltragenden Neonazi mit Glatze ist längst überholt. Das macht die Szene plötzlich anschlussfähig für die Mitte der Gesellschaft. Rechtsextremismus wird nicht mehr nur als dumpfe Gewalt, sondern als cooler Lifestyle verkauft. Auch wenn es nervt und anstrengend ist, müssen wir im Kleinen – sei es am Familientisch oder im Netz – immer wieder dagegenhalten und gute Argumente parat haben. 

Was hat dich bei deiner Recherche am meisten schockiert?

Die Geschwindigkeit dieser Turboradikalisierung. Ich habe Profile beobachtet, da postet jemand heute noch Fotos vom Reiterhof und nur drei Wochen später trägt dieselbe Person ein Hakenkreuz-Tattoo auf der Brust.

Du konntest einen Anschlag auf eine Geflüchtetenunterkunft verhindern. Wie kam es dazu?

Ich war damals in sehr engem Kontakt mit Devin, einem jungen Mann aus Sachsen. Als ich merkte, dass er und ein Freund sich für eine Fahrt nach Tschechien verabredeten, schloss ich mich ihnen an, ohne anfangs genau zu wissen, worum es ging. Während der Fahrt erzählte er mir ganz konkret von dem Plan, eine Geflüchtetenunterkunft in Senftenberg in die Luft zu jagen.

Angelique Geray
Angelique Geray startete 2008 als freie Lokalreporterin beim Südkurier. Stationen beim Spiegel und NDR folgten, bevor die «Top 30 bis 30»-Journalistin 2019 als Chefreporterin bei Bild TV arbeitete. Seit 2022 ist die 33-jährige Investigativjournalistin bei RTL, ihre Undercoverreportagen erscheinen auch im Stern.
© Xander Heinl

Ich war dabei, als Waffen – sogenannte Kugelbomben – gekauft wurden, mit denen das Heim in Brand gesteckt werden sollte. Ich hatte plötzlich alle Informationen: das Ziel, den Zeitpunkt und die Beteiligten. Ich wollte auf gar keinen Fall Blut an meinen Händen haben und gab die Infos anonym an die Behörden weiter. Das führte 2025 zur Festnahme von Devin. Heute stehe ich als Zeugin vor dem Oberlandesgericht, wo sich acht mutmaßliche Mitglieder der Gruppe «Letzte Verteidigungswelle» verantworten müssen. 

Wenn du auf die jungen Menschen in der Szene blickst – gibt es noch Hoffnung, sie dort herauszuholen?

Viele sind keine durchradikalisierten Überzeugungstäter. Einige haben sich im Nachgang sogar bei mir bedankt, dass ich sie in der Doku, die meinem Buch vorausging, unkenntlich gemacht habe. Sie haben eine Chance verdient.

Seit deiner Enttarnung gibt es Morddrohungen gegen dich. War es das alles wert?

Ich würde mich immer wieder für diesen Weg entscheiden. Es war mir ein Anliegen, der Szene zu zeigen, dass sie sich in ihren Blasen nicht so sicher fühlen können, wie sie glauben. Deshalb bin ich mit meinem Kamerateam erneut zu Nazi-Demos gegangen. Die Recherche hat mich eine gesunde Art von Paranoia gelehrt: Ich bin vorsichtiger geworden, nehme beispielsweise ungern Pakete an. Neben meinem Bett steht mittlerweile ein Baseballschläger – auch wenn ich hoffe, dass er nie zum Einsatz kommt.

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