Ostdeutschland wird häufig auf AfD-Erfolge, Wut und Rechtsextremismus reduziert. Die Journalistin Marieke Reimann, 1987 in Rostock geboren, hält diesem Bild die Erfahrungen von Arbeiterinnen, Nachwendekindern und engagierten Menschen auf dem Land entgegen. Ein BRIGITTE-Gespräch über ostdeutsche Armut, Männerüberschüsse, «Tokio Hotel» – und das Gefühl, seit 36 Jahren übersehen zu werden.
BRIGITTE:Marieke, in deinem Buch «Zweite Wende» schreibst du über Abwertungen von Ostdeutschen und was diese mit den aktuellen Wahlergebnissen zu tun haben. Beim Schreiben hast du an die Mütter deiner Freundinnen gedacht – Nicht-Akademikerinnen, die hart arbeiten und in politischen Debatten selten vorkommen. Warum wolltest du gerade für sie schreiben?
Marieke Reimann: Weil Sachbücher viel zu oft in elitärer, akademischer Sprache verfasst sind, die normale Menschen ausschließt, die sich nicht permanent mit wissenschaftlichen Texten auseinandersetzen. Beim Schreiben habe ich mir immer wieder die Mütter meiner Freundinnen vorgestellt – Frauen, die hart arbeiten und das Buch ohne Wörterbuch von vorne bis hinten verstehen sollen. Ich wollte der emotional aufgeladenen Debatte eine nüchterne Faktenbasis zugrunde legen, die durch mein eigenes Erleben greifbar wird. Wenn über den Osten gesprochen wird, wird die ostdeutsche Identität meist auf ein stereotypes, männliches, weißes und rechtsextremes Bild reduziert. Dem wollte ich Fakten und reale Lebenswirklichkeiten entgegensetzen, um Hände in beide Himmelsrichtungen auszustrecken.
Wenn am Sonntag in Mecklenburg-Vorpommern gewählt wird, schauen westdeutsche Medien wieder gebannt «nach drüben» – oft mit vereinfachenden Schlagzeilen über den «blauen Osten». Was ist gefährlich daran?
Bei den Wahlen in Baden-Württemberg oder Rheinland-Pfalz zu Beginn des Jahres sprach niemand pauschal von «den Wahlen im Westen» – man erkennt die regionalen und wirtschaftlichen Unterschiede sofort an. Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern sind zwei völlig unterschiedliche Bundesländer mit eigenen Themen und Spitzenkandidat:innen. Was die Ostdeutschen verbindet, ist der gemeinsame historische Erfahrungsraum. Entweder hat man die DDR selbst erlebt oder ist als Nachwendekind mit den Biografiebrüchen und der Perspektivlosigkeit der Eltern aufgewachsen. Was im Westen oft unterschätzt wird: Ostdeutsche Erfahrung ist sehr häufig auch eine konkrete Armutserfahrung. Wenn der Westen mit westdeutscher Brille auf den Osten blickt, führt das meist zu einer Abwertung, weil man sich ständig an westlichen Maßstäben messen lassen muss.
Du schreibst, Ostdeutsche seien in vielen Machtzentren praktisch unsichtbar. Wo ist die Schieflage am größten?
Diese Repräsentations–Schieflage zieht sich durch alle gesellschaftlichen Bereiche. Als ich bei der ARD die Chefredakteursrunde zusammen mit Oliver Köhr geleitet habe, saßen dort rund 20 Personen – genau zwei davon kamen aus dem Osten. In der ZDF-Geschäftsführung gibt es niemanden mit Ost-Hintergrund. In den überregionalen, privatwirtschaftlichen Leitmedien arbeiten aktuell ebenfalls nur zwei Chefredakteur:innen mit ostdeutscher Biografie.
Unter den 40 DAX-Konzernen gibt es keinen einzigen mit Sitz im Osten …
… und von 252 Vorstandsmitgliedern hat genau eine Person eine ostdeutsche Biografie. An den 174 deutschen Hochschulen werden nur 12 von Ostdeutschen geleitet – allein Nordrhein-Westfalen stellt 29 Unileitungen. Sogar beim offiziellen Foto zum Tag der Deutschen Einheit in Saarbrücken standen neun Würdenträger:innen vor der Kamera, aber kein einziger Ostdeutscher. Ostdeutsche haben sich über 36 Jahre daran gewöhnt, vergessen zu werden, und das schlägt irgendwann in Hoffnungslosigkeit und Resignation um.
Wie wird aus dem jahrelangen Gefühl, übersehen zu werden, eine Stimme für die AfD?
Keiner etablierten Partei ist es nach 1990 nachhaltig gelungen, die ostdeutsche Nachwenderealität abzubilden. Dazu kommt eine beispiellose demografische Krise im ländlichen Osten: Weil vor allem junge Frauen für Ausbildung und Beruf in die Städte abgewandert sind, entstehen extreme Männerüberschüsse – in Orten wie Harbke in Sachsen-Anhalt kommen auf 100 junge Frauen im Alter von 18-29 Jahren über 350 Männer. Die Dörfer überaltern, Bäckereien, Buslinien und Arztpraxen verschwinden. Die Menschen fühlen sich isoliert und alleine gelassen. Die AfD stößt genau in diese Lücke. Sie schafft ein künstliches Gemeinschaftsgefühl durch Simson-Treffen, Skatabende und Bratwurst-Feste, fernab von politischer Programmatik. Zudem ist sie physisch vor Ort: 45 Prozent aller AfD-Parteibüros liegen im Osten, während andere Parteien dort kaum noch vertreten sind oder gar keine Kandidat:innen aufstellen.
Die AfD fordert den Rückbau der Inklusion und polemisiert gegen ausländische Pflegekräfte. Davon wären viele Familien in ihrem Alltag direkt betroffen. Warum schaden der AfD solche Positionen bei Wahlen offenbar kaum?
Kaum jemand liest Parteiprogramme, der nicht Journalist oder Politiker ist. Viele informieren sich über Social Media, Radio oder den Wahl-O-Mat. Ein Umstand, den sich die AfD mit einem starken Fokus auf Social-Media-Kommunikation schon lange zunutze macht. Auch hier ist sie den anderen Parteien voraus, weil es ihr schon früh gelang, zugespitzte Kurzvideos mit einem ganzen Netzwerk an rechtsextremen Influencern im Netz zu multiplizieren. Die AfD in Sachsen-Anhalt insinuierte in ihrem «Regierungsprogramm», wie sie ihr Wahlprogramm direkt nannte, dass ausländische Pflegekräfte aufgrund etwa ihrer vermeintlich schlechteren Ausbildung oder angeblicher Sprachbarrieren eine Gefahr für deutsche Patienten und Patientinnen darstellen würden. Das ist Xenophobie, die bewusst ein «Andersein» als Feindbild entwirft und außen vorlässt, dass etwa am Uniklinikum Halle Angestellte aus 70 bis 80 Nationen arbeiten – ohne sie würde das Gesundheitssystem sofort kollabieren.
Du widmest Tokio Hotel ein ganzes Kapitel. Was sind die Kaulitz-Brüder so gut für ein neues ostdeutsches Selbstwertgefühl?
Bill und Tom Kaulitz sind zwei Nachwendekinder aus Loitsche in Sachsen-Anhalt, die es auf die absolute Überholspur geschafft haben. Obwohl sie heute in Los Angeles Glamour leben, sprechen sie im Podcast ganz selbstverständlich über ihre Hort-Zeit, Doppelstockbetten, Senfei oder die Sorge, dass das Essen im Restaurant für ihre Mutter zu teuer wird, wenn diese sie mal einladen will. Ich kenne keine anderen Stars in meinem Alter, die über diese Themen zudem mit einem Zungenschlag, der Sachsen-Anhalt hier und da noch durchblitzen lässt, sprechen und dadurch nahbar werden.
Du selbst pflegst einen sogenannten «Mikro-Ossinismus». Was hat es damit auf sich?
«Mikro-Ossinismus» nenne ich Alltags-Codes, mit denen man sich gegenseitig erkennt. Wenn in Konferenzen von «Frankfurt» gesprochen wird, frage ich spitzbübisch: «Frankfurt am Main oder Frankfurt (Oder)?» Auch Ausdrücke wie «dreiviertel», «Kaufhalle» oder das Mitbringen einer Vita Cola zur Grillparty gehören dazu. Es verbindet, wenn man solche gemeinsamen Referenzen im Westen entdeckt.
Ostdeutsche Frauen waren selbstverständlich berufstätig und finanziell unabhängig, sahen sich aber nach der Wende mit einem konservativeren Frauenbild konfrontiert. Was hat das mit ihrem Vertrauen in Politik gemacht?
In der DDR gab es Ende der 80er mit 92 Prozent eine der höchsten Frauenerwerbsquoten weltweit. Frauen waren per Gesetz und Selbstverständnis finanziell unabhängig vom Mann. Nach der Wende wurde diese Emanzipation von westlichen Politikern verhöhnt – Kurt Biedenkopf sprach sogar von der «unseligen Erwerbsneigung der ostdeutschen Frauen», die an der Arbeitslosigkeit schuld sei. Im Westen haben wir bis heute ein strukturelles Teilzeitproblem, das Frauen in die Altersarmut treibt. Echte finanzielle Gleichberechtigung und Unabhängigkeit sind das wirksamste Mittel gegen gesellschaftliche Frustration und persönliche Abhängigkeiten.
Welche 3 Dinge müssten sich konkret ändern, damit mehr Ostdeutsche in Medien, Wirtschaft und Politik Macht und Verantwortung übernehmen? Und was kann jede:r Einzelne tun, um die Ost-West-Debatte weniger herablassend zu führen?
Wir müssen erstens die Zugangsvoraussetzungen für Journalismus, Wirtschaft und Politik drastisch senken. Volontariate und Praktika müssen so bezahlt werden, dass man ohne wohlhabende Eltern in einer Großstadt Miete und Leben bezahlen kann. Zweitens müssen wir gezielte Netzwerke und Mentoring-Programme aufbauen, wie die «Studienstiftung des Ostens» oder Initiativen wie «Voices of Brandenburg», die junge Ostdeutsche in Machtnetzwerke hineinbringen. Drittens müssen Stiftungen und Demokratieprojekte dauerhaft im ländlichen Osten verankert werden. Wir müssen aufhören, den Extremisten die große Bühne zu überlassen, und stattdessen das riesige zivilgesellschaftliche Engagement vor Ort sichtbar machen und finanziell unterstützen.
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