Barbara*, 41, verheiratet, erzählt: «Als das Traumpaar unserer Clique auseinanderging, habe ich mich gefragt: Was hält mich in meiner Ehe?». Aber ist eine Trennung wirklich immer die beste Lösung?
20 Jahre lang waren Greta und Thorsten der Mittelpunkt unserer Clique. Ein Traumpaar, ein Duo, als hätte man sie aus einer TV-Schmonzette ausgeschnitten und ins wirkliche Leben gebeamt. Gutaussehend, wohlhabend, witzig, und alles an ihnen war ein paar Nummern größer als bei Christian und mir. Die spektakuläre Villa mit Seeblick im Voralpenland, die drei zauberhaften Kinder, Thorstens Werbeagentur, die bald mit Preisen überhäuft wurde. Finanziell konnten wir schon bald nicht mehr mithalten bei den Kurzurlauben und teuren Partys, aber trotzdem hatten wir unsere Traditionen: Geburtstage, Familienfeste, Feiertage begingen wir immer mit Greta und Thorsten. Unsere beiden Töchter wuchsen mit ihren Kindern auf wie mit Cousins und Cousinen.
Hinter der Fassade
Dass es hinter der Bling-Bling-Fassade auch unschöneMomente gab, das ahnte ich. Vor allem, weil Thorsten ein charmanter Poser ist, der die Aufmerksamkeit anderer Frauen braucht wie die Luft zum Atmen, der immer seinen Hofstaat um sich herum hatte. Ich bin sicher, er hat nie die Grenze überschritten, nie Affären nebenbei gehabt. Trotzdem musste Greta oft so einiges weglächeln. Gelegentlich ließ sie auch durchblicken, dass die Rollenverteilung ihr nicht schmeckte: Er der erfolgreiche Werber, während sie nach der Geburt des zweiten Kindes ihren Job als Einkäuferin bei einem Modelabel an den Nagel gehängt hatte. Andererseits ging sie sehr in ihrer Mutterrolle auf. Als sich vor fünf Jahren das dritte Baby ankündigte, haben Christian und ich noch gewitzelt: Greta braucht Beschäftigungstherapie.
Um ihren Lebensstil habe ich sie nie beneidet. Aber manchmal um die Leichtigkeit, die Unbekümmertheit, die ein finanzielles Polster mit sich bringt. Ich dachte manchmal: Vielleicht hat man als Paar mehr Spaß, erlebt mehr Leidenschaft, wenn Themen wie Kita-Kosten, Steuerbescheide und unvorhergesehene Autoreparaturen nicht so viel Platz in Gedanken und Gesprächen einnehmen. Aber dann, letztes Jahr im Sommer, kam dieser Anruf spätabends. Am Telefon ein völlig aufgelöster Thorsten, weinend: «Greta hat mir gesagt, sie will eine Beziehungspause!»
Aus völlig heiterem Himmel – so schien es ihm, so schien es uns, und so muss es auch den Kindern der beiden vorgekommen sein. Denn es hatte nie Streit gegeben, nie ein lautes Wort. Nur, dass Greta plötzlich das Gefühl gehabt haben muss: Ich habe mich völlig aufgegeben für meinen Mann, ich will mein Leben zurück. Offenbar hatte sich über die vielen Jahre so viel angestaut unter der zuckersüßen Glamour-Glasur, dass sie keinen anderen Ausweg wusste.
Trennung statt Traumpaar
Schon bald sprach sie nicht mehr von Beziehungspause, sondern von Trennung. Klärende Gespräche? Fehlanzeige. Das lag den beiden nicht. Christian und ich haben beide versucht, Greta und Thorsten an einen Tisch zu bringen. Vor allem Greta blockte alles ab. Unsere geliebten Familienfeste waren jetzt nur noch ein Abklatsch von früher: Immer fehlte jemand. Wenn ich bei Greta zu Besuch war, dann war da kein Thorsten mehr, der überraschend hereinschneite, wenn wir abends in unsere Lieblingsbar gingen, blieb Gretas Platz leer. Ich fühlte mich verwaist. Außerdem taten die Kinder mir Leid. Die Trennung war schon verstörend genug, dazu kam noch, dass sowohl Greta als auch Thorsten sich fast sofort in neue Liebschaften und Affären stürzten, ohne es vor den Kindern zu verbergen.
Aber da arbeitete noch mehr in mir als Mitleid, Unverständnis, Erschütterung. Wenn ich ehrlich bin, war da auch eine Portion Neid. Vor allem auf die Freiheit, die plötzlich beide wieder hatten. Weil die Kinder bald wochenweise zwischen ihrem alten Zuhause und Thorstens neuer Wohnung pendelten, blieb für beide viel mehr Freiraum als vorher.
Mehr Freiheit?
Ich ertappte mich dabei, wie ich überlegte, was ich mit einer ganzen Woche ohne Kinder alles anfangen könnte. Mich verabreden, ausgehen, zum Sport, wann immer ich will. Zum anderen war da natürlich das Thema Sex. Christian und ich haben ein gut funktionierendes Liebesleben, aber diesen Kick des Neuen, das Herzklopfen, die Abenteuerlust, wenn du abends an der Bar mit jemandem sitzt, von dem du weißt, der wird dir heute noch die Kleider vom Leib reißen – das lässt sich nach so vielen gemeinsamen Jahren einfach nicht mehr herstellen.
Von vielen frisch getrennten Frauen in meinem Umkreis hörte ich: In diesem Alter entsteht plötzlich wieder so eine teenagerhafte Leichtigkeit. Weil Neu-Singles in den Vierzigern ja meistens nicht sofort nach einem neuen Partner fürs Leben suchen, sondern eher Nachholbedarf haben in Sachen Spaß, Abenteuer, Unverbindlichkeit. Manchmal fühlte ich mich, als stünde ich am Rand einer Tanzfläche, auf der nur die anderen sich amüsierten.
«Das Gefühl von Heilsein, von Einheit»
Ich möchte nicht behaupten, dass Thorstens und Gretas Trennung mich in eine Beziehungskrise gestürzt hat – das waren alles nur Gedankenspiele. Aber dass ich diese Gedanken überhaupt hatte, hat mir einiges klargemacht. Ich weiß jetzt noch besser, warum es sich lohnt, für die eigene Familie zu kämpfen. Obwohl auch das mit Verzicht und Entbehrungen einhergeht, auch wenn ich mich manchmal nicht so als Frau fühle, wie ich es gern hätte: Ich weiß, dass es sich lohnt. Denn das ist mein Hauptgewinn: zu wissen, wo ich hingehöre, dieses Gefühl von Heilsein, von Einheit. Gerade in ganz alltäglichen Situationen, wenn wir an einem verregneten Sonntagnachmittag zu viert im Schlafanzug Monopoly spielen und ich denke: Diese kleinen Glücksmomente haben getrennte Eltern nicht mehr, weil alles durchgetaktet und organisiert werden muss, und weil immer mindestens einer fehlt.
Und: Ich weiß wieder mehr zu schätzen, was Christian und mich verbindet. Vor allem die Offenheit, mit der wir miteinander sprechen. Wie wir uns sofort Rückmeldung geben, wenn uns etwas stört, aber auch, wenn wir ein Wochenende, besonders schön und innig und bemerkenswert fanden. Oder auch eine Nacht. Das ist ein gutes Frühwarnsystem für Krisen und damit signalisieren wir uns auch: Liebe ist nicht selbstverständlich, und ich entscheide mich immer wieder für dich, bewusst, aufs Neue. Wir haben eine Basis gemeinsamer Erlebnisse aus der Zeit, ehe wir Eltern wurden, auch das trägt uns.
Und jetzt, wo die Mädchen größer werden, merke ich, wie wir daran wieder anknüpfen können. Noch ist es eher mal ein Kaffeetrinken zu zweit, aber in ein paar Jahren werden wir auch wieder zu zweit reisen, ausgehen, Sport treiben. Vielleicht starte ich dann auch beruflich nochmal durch. Jedenfalls werde ich sicher nicht in einer selbstgewählten Opferrolle landen wie Greta. Beziehungspause? Nicht für mich.
*alle Namen geändert
Quelle: .



