Clara Lösel, 27, schreibt, seit sie ein Kind ist und wollte eigentlich Lehrerin werden. Doch dann zieht sie nach Berlin und veröffentlicht hundert Tage lang im Internet jeden Tag einen Text. Inzwischen ist ihr zweites Buch erschienen. Hier erzählt sie von ihrem Weg.
BRIGITTE: Du hast Lehramt studiert und dein erstes Staatsexamen gemacht. Wann hast du entschieden, dem Schreiben eine Chance zu geben?
Clara Lösel: Das Schreiben war immer parallel da – schon als Kind und auch während meines Studiums. Nach dem ersten Staatsexamen hatte ich das Gefühl: Wenn ich es jetzt nicht probiere, bereue ich es vielleicht irgendwann. Ich bin ohne großen Plan nach Berlin gegangen und habe eine 100-Tage-Challenge begonnen: Hundert Tage lang jeden Tag einen Text auf Instagram hochladen. Ich dachte, das wird wahrscheinlich niemanden interessieren. Aber ich lag falsch.
Warum hast du nicht gleich literarisches Schreiben studiert?
Ich hatte es überlegt, aber, dass das Schreiben ein Beruf für mich sein könnte, lag nicht in meinem Horizont. Ich komme vom Dorf und hatte keine Vorbilder, die so gearbeitet haben. Wenn man niemanden kennt, der diesen Weg geht, erscheint er nicht unbedingt als Möglichkeit.
Ich finde, Lehramt ist nach wie vor ein toller Beruf. Ich hatte selbst Lehrer:innen, die mich sehr geprägt haben. Mir ging es damals darum, mit jungen Menschen zu arbeiten, sie zu inspirieren und zu motivieren. Deshalb habe ich auch nicht das Gefühl, völlig vom Weg abgekommen zu sein. Inzwischen werden meine Texte sogar im Klassenzimmer gelesen.
Was hat sich durch die 100-Tage-Challenge in deinem Leben verändert?
Ich musste lernen, mit Hass umzugehen, aber genauso mit Bewunderung. Darüber wird weniger gesprochen. Wenn ständig neue Follower dazukommen, macht das etwas mit einem. Auch mit der Bewunderung muss man umgehen lernen – und damit, wenn es irgendwann weniger wird.
Das Schönste war aber das Gefühl, etwas gefunden zu haben, mit dem ich Positives bewirken kann. Menschen haben mir geschrieben, dass meine Texte ihnen durch eine Trennung oder eine schwierige Zeit helfen. Andere lesen sie im Urlaub oder eingekuschelt auf dem Sofa. Dadurch habe ich verstanden: Das Schreiben bedeutet nicht nur mir etwas, sondern auch anderen.
Du wirkst auf Social Media sehr persönlich, ohne dein gesamtes Privatleben offenzulegen. Wie findest du diese Balance?
Meine Mama hat einmal gesagt: «Clara, die Leute wissen alles über dich.» Und ich habe geantwortet: «Die Leute wissen gar nichts über mich.» Im Gespräch haben wir gemerkt, dass irgendwie beides stimmt. Ich möchte viel von mir zeigen, baue mir aber Schutzräume. Namen würde ich zum Beispiel nicht teilen. Auch konkrete Situationen, die andere Menschen betreffen, würde ich nicht einfach öffentlich machen – besonders nicht, solange sie noch aktuell sind. Trotzdem sind meine Texte verletzlich. Ich glaube, das merkt man. Sonst könnte ich diese Gefühle wahrscheinlich auch nicht so vermitteln.
Entsteht durch den Erfolg auch Druck, immer kreativ sein zu müssen?
Die Angst, nicht mehr kreativ sein zu können, habe ich bisher zum Glück nicht. Es passiert ständig etwas in der Welt und in meinem Leben. Ich denke darüber nach und schreibe es auf. Solange ich lebe und die Welt sich weiterdreht, entstehen auch neue Texte.

Letztes Jahr hast du dein erstes Buch «Wehe du gibst auf» veröffentlicht. Was ist beim zweiten Buch «Ich dachte, sowas fühl nur ich» anders als beim ersten?
Vor allem die Ausgangslage. Beim ersten Buch haben sehr wenige Menschen daran geglaubt – nicht einmal meine Eltern waren davon überzeugt, dass das funktionieren würde. Damals haben wir überlegt, ob wir wirklich tausend Bücher als Erstauflage drucken sollen. Das erschien uns unvorstellbar viel. Mein Papa hat mir später erzählt, dass er schon überlegt hatte, wie viele Exemplare er selbst kaufen könnte, falls es nicht läuft. Am Ende wurden über 150.000 Exemplare verkauft.
Was inspiriert dich persönlich?
Die Beziehung zu meinem Opa prägt mich sehr. Erfahrungen fließen ins Schreiben ein — wie andere Erfahrungen im Leben auch. Ich habe erkannt, aus eigenem Schmerz kann etwas Positives entstehen. Man kann mit seinen Erfahrungen anderen Mut machen. Ich glaube, es gibt wenige Dinge, die schöner sind, als aus etwas Traurigem etwas Schönes zu machen.
Wie schafft man das, ohne jemanden zu kopieren?
Ich glaube, in der Kunst sagen wir alle wenig völlig Neues. Die großen Menschheitsthemen beschäftigen uns seit Jahrhunderten: Tod, Liebe, der eigene Körper und vieles mehr. Das ist nichts Schlechtes. Wichtig finde ich, Inspirationsquellen zu nennen.
Gleichzeitig war es für mich sehr hilfreich, eine Zeit lang wenig zu lesen, als ich angefangen habe, intensiver an eigenen Texten zu arbeiten. Wenn man einen Stil sehr bewundert, bewegt man sich schnell automatisch in diese Richtung. Um meine eigene Stimme zu hören, habe ich deshalb weniger anderen zugehört.
Glaubst du, deine Texte erreichen gerade junge Menschen, weil du sie in Alltagssprache schreibst?
Für junge Menschen ist die Sprache alter Lyriker oft weit von ihrer Lebensrealität entfernt. Man muss lange interpretieren, bis man als Vierzehnjähriger im eigenen Leben angekommen ist. Es bedeutet mir sehr viel, dass mir junge Menschen schreiben: «Wir sollen eine Arbeit schreiben, und ich schreibe über dich.» Oder: «Wir müssen ein Gedicht auswendig lernen, und ich nehme deins.» Eine Lehrerin hat mir auch erzählt, dass sie meine Texte in einer Gefängnisschule liest und die Männer dort viel mehr damit beginnen konnten, als sie erwartet hatte. Das hat mich sehr berührt.
Auf meiner Tournee habe ich aber auch ein ganz gemischtes Publikum. Oft drei Generationen – zum Beispiel ein Enkelkind mit Mama und Opa. Und es wird nicht nur geweint, sondern auch ganz viel gelacht an so einem Abend.
Schreibst du demnach eher für andere oder für wen schreibst du?
Für mich. Ich habe schon geschrieben, als noch niemand zugehört hat. Und ich würde auch weiterschreiben, wenn sich irgendwann niemand mehr dafür interessieren würde. Schreiben ist mein Weg, mit der Welt umzugehen. Wenn mir jemand sagen würde, ich dürfte nie wieder schreiben, müsste ich wirklich überlegen, wie ich meine Gedanken und Gefühle anders verarbeiten könnte.
Welchen Text von dir würdest du jemandem zeigen, der gerade nicht an sich glaubt?
Der Text «Geheimtrick». Darin geht es darum, kleine Dinge zu tun, wenn es einem nicht gut geht – zum Beispiel in ein Café zu gehen und einen Kaffee für eine Person nach einem zu bezahlen. Mir hilft es, anderen eine Freude zu machen. Das kann ein Kompliment auf der Straße sein, ein Anruf bei meiner Oma oder die Frage, wie ich meiner besten Freundin gerade helfen könnte. Wenn ich etwas für jemand anderen tue, merke ich: Ich habe noch Einfluss. Es passiert nicht nur alles mit mir – ich kann selbst etwas bewirken.
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