Seit 15 Jahren kümmert sich Jeannette van Olst, 52, um ihre dementen Eltern, erst erkrankte ihre Mutter, dann ihr Vater. Hier erzählt sie von ihrer Erkenntnis: Ich schaffe das nicht mehr alleine. Und davon, wie eine 24-Stunden-Pflegerin ihr Leben – und das ihres Vaters – veränderte.
Wenn ich alte Menschen sehe, erkenne ich sofort, ob sie Demenz haben. Sie kriegen dann diesen naiven, kindlichen Gesichtsausdruck. Als ich meiner Mutter damals Geschichten vorgelesen und ihr vorgesungen habe, hatte sie diesen unsicheren Blick.
Wir hatten sie bis zum Schluss zu Hause, bis sie im Bett lag, in Embryonalstellung, mit angewinkelten Beinen und kleinen Fäustchen, wie ein Baby. Auch meine Nächte wurden dann wieder so kurz, wie mit einem Neugeborenen. Demenzkranke vergessen zu essen, vergessen zu trinken.
Meine Mutter erkrankte 2011 an einer sehr aggressiven Form der Demenz – sie ließ all den Frust ihres Lebens in diesen Jahren heraus. Fünf Jahre später verstarb sie. Kurz darauf stürzte mein Vater schwer und erkrankte später ebenfalls an Demenz. Er ist jetzt 92 Jahre alt und seit 15 Jahren habe ich eigentlich kein eigenes Leben mehr. Es ist wie mit einem Kleinkind, das einfach nicht flügge wird.
«Ihr dürft in eurem Haus bleiben, solange es nur irgendwie geht»

Das Haus, in dem ich aufgewachsen bin, hat mein Vater selbst gebaut. Ich habe meinen Eltern damals versprochen: Ihr dürft in eurem Haus bleiben, solange es nur irgendwie geht. Und so hab ich dann nachts auch schon mal einen Anruf bekommen: «Ich muss mal auf Toilette.» Wir wohnen im gleichen 500-Seelen-Dorf, also bin ich nachts zu meinem Papa gedüst, habe ihn zur Toilette begleitet und bin wieder zurückgefahren. Ab da wurde es schwierig. Irgendwann kommt immer der Übergang von: Er kann noch ein bisschen was allein. Hin zu: Er braucht immer Unterstützung.
Aber allein ein Pflegebett zu beantragen, ist nicht gerade einfach, vor allem nicht, wenn man emotional so involviert ist – aber eigentlich selbstbewusst auftreten müsste. Das Bett wurde erstmal abgelehnt. Er war aus seinem zwar nachts rausgefallen, «aber es war ja nichts passiert.» Damit war ich überfordert. Gleichzeitig wusste ich, dass ich mich wehren muss, für meinen Vater. Mein Vater war eigentlich sein ganzes Leben krank: Asthma, Prostatakrebs, jetzt Demenz. Einmal ist er nach einer Gehirnblutung dem Tod sogar schon von der Schippe gesprungen.
Aber er hat solchen Lebensmut, so eine innere Entspannung. Er ist für mich ein Vorbild. Aber dieser ständige Kampf mit der Bürokratie hat mich nach den Jahren auch sehr müde gemacht. Ich war wirklich geschockt über die Wege, die man für die richtige Versorgung gehen muss. Wie machen das alte Menschen, die niemanden haben?
«Es tat so gut, das endlich zu hören»
Irgendwann habe ich in einer Beratung von der ortsansässigen Seniorenbetreuung Clivia den entscheidenden Rat bekommen: Du musst versuchen, diese Dinge an Menschen abzugeben, die das als Beruf machen. So, dass du nur noch die schönen Sachen mit deinen Eltern machen kannst. Es tat so gut, das endlich zu hören. Und nachdem sich mein Vater dann das zweite Mal einen Bruch zugezogen hatte, war mir klar, jetzt schaffe ich es nicht mehr. Wenn er aus der Reha kommt, muss er jemanden zu Hause haben, er braucht eine 24-Stunden-Pflege. Zwei Tage später zog Agnieszka von der Agentur Promedica24 ein.
Das war 2021, inzwischen ist sie ein Familienmitglied. Wir sind ein richtig gutes Dreier-Team. Und mein Vater und Agnieszka sind ein Herz und eine Seele. Sie achtet auf ihn, wie auf ihren Augapfel. Morgens frühstücken sie zusammen, sie machen Gymnastik, sie kümmert sich um seine Hygiene, sie spazieren, nachmittags gibt es Kaffee und Kuchen. Sie schauen oft lustige Tiervideos, die mag er sehr. Und sie fragt ihn viel nach Früher, um sein Gehirn zu aktivieren. Aber seine Welt verblasst nach und nach.
«Wenn es der Pflegerin nicht gut geht, geht es auch meinem Papa nicht gut»
Zweimal pro Woche ist mein Vater in der Tagespflege und Agnieszka hat frei. Das ist auch total wichtig. Mein Papa ist schließlich kein kleiner Pflegefall, er hat ein Stoma (Kolostoma = künstlicher Darmausgang, Anm. d. Red.). Wenn es seiner Pflegerin nicht gut geht, geht es auch meinem Papa nicht gut. An ihren freien Tagen fahren wir beide dann manchmal in den polnischen Laden. Da kann sie sich dann eindecken und ihre polnischen Lieblingsgerichte kochen und Neues ausprobieren. Für meinen Papa ist sie der Hauptgewinn. Natürlich bin auch ich noch regelmäßig da, organisiere einiges oder erledige Einkäufe. Aber ich war auch schon mal eine ganze Woche nicht bei den beiden, weil ich Agnieszka zu 300 Prozent vertraue.
Zweimal im Jahr geht Agnieszka für sechs Wochen nach Hause. Das ist dann schon schwierig für meinen Vater. Er muss sich komplett pflegen lassen und am Anfang ist die neue Person ein Eindringling. Aber bei Demenzkranken geht das mit dem Vertrauen dann auch häufig schnell. Oft reicht es schon, wenn jemand lächelt. Aber während dieser Zeit kann es dann auch schon mal sein, dass ich dann wiederdreimal am Tag da bin, um zu helfen.
«Das kriegt man finanziell sonst nicht gestemmt»
Die Kosten für eine 24-Stunden-Pflege sind ungefähr die gleichen wie in einem Pflegeheim. Nur, dass zu den circa 4.500 Euro noch die Lebenshaltungskosten hinzukommen. Wir müssen Lebensmittel kaufen, Heizkosten und Strom zahlen für das große Haus. Das habe ich inzwischen in zwei Hälften geteilt und oben vermietet, damit man da finanziell hinterherkommt. Das kriegt man sonst nicht gestemmt.
Dafür hat mein Vater aber auch eine Eins-zu-eins-Betreuung. Im Altenheim ist oft zu wenig Personal und das kann gerade bei Demenzkranken gefährlich werden, weil sie zum Beispiel vergessen zu trinken. Sie werden daran erinnert, nehmen den Becher in die Hand, und haben es dann schon wieder vergessen. In der Zeit ist das Personal aber schon wieder weg.
«Die Sprache ist absolut nicht entscheidend»
Der Preis für die polnischen Pflegepersonen richtet sich bei unserer Agentur auch danach, wie viel Deutsch sie sprechen. Ob 100 Wörter, 300 oder 1000 Wörter. Allerdings ist die Sprache bei Demenzkranken absolut nicht entscheidend. Das ist wieder wie bei Kindern: Wenn man Kinder aus verschiedenen Ländern auf einen Haufen setzt, spielen sie miteinander. Das klappt schon. Erklären braucht man den alten Menschen sowieso nichts mehr. Das geht alles über Emotionen, über Wärme und Herzlichkeit. Leistung spielt da kaum eine Rolle.
Natürlich kommt auch Agnieszka ab und an beinahe an ihre Grenzen, zum Beispiel, wenn sie selbst krank ist. Oder, wenn sie wieder schlecht geschlafen hat, weil mein Vater nachts gesungen hat. Er singt meist niederländische Sinterklaas-Liedchen, er hat die ersten zehn Jahre seines Lebens in Holland gelebt. Aber genau wie er, nimmt sie das größtenteils mit Humor. Auch, wenn sie sich dann manchmal Sorgen macht, und ihm nachts sicherheitshalber mal Fieber misst.
Ich habe nie bereut, dass ich meinen Eltern damals das Versprechen gegeben habe, sie zu Hause zu betreuen. Auch, wenn ich mir da nicht vorgestellt hatte, das 15 Jahre mitzumachen. Aber meine Mutter hat es bis zum Schluss genossen, meinem Vater geht es genauso. Und ich glaube, die 100 schafft er jetzt auch noch.
Quelle: .



