Care-Falle: Wer sich kümmert, darf nicht länger die Niete ziehen

Ja, es ist verdammt anstrengend, sich um andere zu kümmern. Aber es ist auch eine Superkraft, findet Psychologin und Autorin Anne Otto. Ihre Forderung: make care great again!

BRIGITTE: Ein ganz normaler Morgen, wie ihn viele Mütter und auch Väter kennen: Man weckt ein oder mehrere Kinder, sorgt für Frühstück und dafür, dass sie richtig angezogen sind, und bringt sie dann hoffentlich rechtzeitig zur Kita oder Schule. Das ist anstrengend, manchmal zum Heulen, aber elegant fühlt es sich definitiv nicht an. Warum heißt Ihr Buch ausgerechnet «Die Eleganz der Zuwendung»?

Anne Otto: Ich will nichts schönreden, aber mein Gefühl ist, dass man in dem ganzen Stress vergisst, dass diese Zuwendung eigentlich etwas sehr Wertvolles, Schönes und Besonderes ist. Sie ist eine große Leistung und auch deshalb so anstrengend, weil genau das nicht gesehen wird. Sie darf nicht auffallen, muss nebenbei passieren, es wird erwartet, dass wir sie ganz selbstverständlich übernehmen. Das belastet zusätzlich.

Wenn es um das geht, was vor allem Mütter und allgemein Frauen leisten, spricht man momentan meist von Care-Arbeit. Warum benutzen Sie stattdessen das Wort Zuwendung?

Ich habe mich tatsächlich lange gefragt, welcher Begriff für mich passt. Ich finde Care-Arbeit genau richtig, wenn es um den politischen Kontext geht, um das Sichtbarmachen, um Aktivismus und darum, sich – auch international – zusammenzuschließen. Ins Alltägliche übersetzt würde man von Fürsorge sprechen, aber da steckt mir zu viel Sorge drin und in Deutschland gibt es die Assoziation zu Fürsorgeanstalten, die es früher gab. Kümmern klingt ebenfalls kummervoll. In Zuwendung aber steckt dieses Umsichtige und gleichzeitig Aktive. Ich bin nicht die Fürsorgende, sondern ich wende mich jemandem aktiv zu.

Anne Otto in dunkler Bluse
Psychologin und Autorin Anne Otto
© Susanne Baade

Sie zitieren unter anderem den Soziologen Hans Bertram mit der Aussage, Sorgearbeit sei so wertvoll, dass wir nicht darum streiten sollten, wer sie leistet. Genau das tun aber viele Paare mit kleinen Kindern.

Kein Wunder, denn die Arbeit ist oft sehr ungerecht verteilt. Auch wenn viele es sich anders vorgenommen hatten, tappen sie mit dem ersten Kind in die Traditionalisierungsfalle und verbleiben dort. Im Jahr nach der Geburt sorgen Männer zwei Stunden täglich fürs Kind, Frauen zwölf Stunden. Das sind Zahlen, die sich wie Druckfehler lesen. Trotzdem finde ich den Gedanken von Hans Bertram einfach stark und wegweisend.

Also alle Auseinandersetzungen darum, wer in der Familie welche Aufgaben übernimmt, einstellen?

Wenn man ein Kind bekommt, ist man bei aller Vorbereitung total überrumpelt, wie viel Arbeit es wirklich bedeutet. Das ging mir selbst auch so. Der erste Punkt wäre, sich einzugestehen, dass es viel Arbeit ist, dass es wertvoll ist, dass es wahnsinnig viel Kraft kostet. Und dann sollte man in die Kommunikation gehen und im Austausch bleiben, was man leisten kann – und was nicht. 

Auch sich in der anderen Rolle auszuprobieren, wäre eine Möglichkeit. Dann fährt man in der Elternzeit halt nicht nach Thailand, sondern der Vater ist hauptsächlich für das Kind zuständig und die Frau geht arbeiten. So kann man auch merken, wem was liegt. Mein Mann zum Beispiel ist viel fürsorglicher und geduldiger als ich. Natürlich sind wir wie viele trotzdem in die typischen «Jetzt bist du aber mal dran»-Diskussionen geraten, aber inzwischen weiß ich auch durch meine Tätigkeit in der Beratung: Der Streit darum, wer wie viel macht in Familie und Haushalt, ist niemals nur ein Konflikt um diese Frage. Eigentlich geht es um das, was darunter liegt: nämlich das Gefühl, nicht anerkannt und allein gelassen zu werden.

Stichwort: allein gelassen. Care-Arbeit ist nicht nur anstrengend, sondern isoliert, macht vielleicht sogar einsam. Das empfinden viele Mütter mit kleinen Kindern so, aber vor allem pflegende Angehörige. Man ist den ganzen Tag beschäftigt, aber das Leben findet scheinbar anderswo statt. Wie nehmen Sie das wahr?

Erwerbsarbeit und Care-Arbeit fallen bei uns sehr weit auseinander. Diese Polarisierung nehme ich in den Familien wahr, aber auch in der Gesellschaft. Es scheint fast so, als gäbe es hier eine echte, fortschrittliche, bedeutsame Welt und dort eine Welt der Fürsorge. Deswegen spreche ich auch vom Planet Care. Wer auf ihm landet, hat quasi eine Niete gezogen und bleibt leicht allein. Diese Polarisierung ist auch psychologisch bedingt.

Inwiefern?

Buchcover "Die Eleganz der Zuwendung" von Anne Otto
„Die Eleganz der Zuwendung. Über den Wert dessen, was uns verbindet“ (Nagel und Kimche, 24 Euro): Ein literarischer Essay, in dem Anne Otto anhand eigener Erfahrungen im Privaten und Beruf die vielen Gesichter von Fürsorge beschreibt und reflektiert.

Vor allem bei der Pflege älterer Menschen, geht es um vieles, was uns Angst macht: um Krankheit, Tod, Sterben, Schwäche. Damit will man möglichst nichts zu tun haben, das wird verdrängt. Das zeigt sich auch gesellschaftlich: Es gibt einen Tankrabatt, aber im sozialen Bereich und bei den Familien wird gespart. Ich wünsche mir, dass wir das infrage stellen. Es gibt nämlich durchaus alternative Wirtschaftsmodelle, die Fürsorge stärker ins Zentrum holen und ihr mehr Stellenwert geben. Natürlich ist es ein weiter Weg dorthin, aber können wir eine derart sozialere Wirtschaft nicht zumindest als Ideal sehen?

Wie schaffen wir es, Zuwendung im Privaten, aber auch gesellschaftlich aufzuwerten?

Wir sollten bei uns selbst beginnen und begreifen, welche tolle Qualität es bedeutet, für andere da zu sein. Wie cool ist bitte Empathie! Eine der Psychologinnen, mit der ich für mein Buch gesprochen habe, sagt, Empathie hieße, über das Gesagte hinauszugehen. Das zu können, ist eine Superkraft. Natürlich braucht, wer sich um andere kümmert, Ruhe und Ausgleich. Aber der erste Schritt ist immer, Zuwendung sichtbar zu machen. Sie ist die Grundlage für jede Beziehung. Nicht nur in der Familie. Durch das Viertel, in dem ich wohne, zieht sich ein leuchtendes Netz der Fürsorge und Solidarität. Man hilft und unterstützt sich. Empathie steckt schon in der Geste, einen Stuhl ein bisschen zu drehen, um eine Person, die ausgeschlossen war, mit einzubeziehen. Zuwendung hat so viele Facetten, sie ist glitzernd und fantastisch.

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