Familienleben auf dem Meer: Ein Alltag, der alles andere als alltäglich ist

Paulina Lewandowski, 37, lebt gemeinsam mit ihrem Partner, einem Kleinkind und einem Baby auf einem Katamaran im Pazifik. Was sich nach einem Aussteigerleben anhört, bedarf in Wahrheit vor allem Planung und Pragmatismus.  

BRIGITTE: Liebe Paulina, ich erreiche dich in Neukaledonien, einer Inselgruppe östlich von Australien, bei dir ist es gerade 0:30 Uhr nachts. Ist das eine normale Arbeitszeit für dich?  

Paulina: Mein Arbeitstag fängt aktuell meistens erst an, wenn die Kids schlafen gehen. Ich versuche aber meist, meine Calls auf einige wenige Tage in der Woche und bestimmte Zeiten zu bündeln, sodass ich nicht jeden Morgen um drei oder vier vor dem Laptop sitzen muss. In anderen Regionen, in denen wir in den vergangenen sieben Jahren unterwegs waren, war die Zeitzone etwas praktischer. Zum Beispiel in Panama, wo sich die Arbeit mit Kunden in Deutschland leichter koordinieren ließ. Jetzt ist es komplexer, aber es geht auch. 

Wie arbeitet ihr? 

 Wir kommen aus der Tech-Branche und waren damals in München im Start-up-Bereich tätig. Jetzt sind wir beide selbstständig, ich vor allem in der digitalen Produktentwicklung. Seit Covid ist es ja total normal, remote zu arbeiten und, das kann man sich vielleicht nicht vorstellen, aber unser Internet hier auf den pazifischen Inseln ist teilweise besser als irgendwo in Deutschland.   

Remote bedeutet für die meisten, von der Wohnung aus zu arbeiten. Wie muss man sich euer «remote» vorstellen?  

Bei uns gibt es «Remote» und «super Remote». Manchmal ankern wir vor Inseln, auf denen kein Mensch ist. Aber momentan sind wir vor Nouméa, der Hauptstadt von Neukaledonien. Hier gibt es einen Hafen und Einrichtungen für Segler, wo man sich einchecken und den Müll entsorgen kann. Wir sind jetzt seit ein paar Monaten hier und haben schon ein kleines, feines Netzwerk. Die Infrastruktur in solchen Ländern ist oft besser, als man vermuten mag. Da kann man auf dem Boot dann fast ein ganz normales Leben führen. Heute erst haben wir einen Geschirrspüler gekauft. Unser erster, nach sieben Jahren. Richtiger Luxus.  

War es vor sieben Jahren schon euer Plan, so lange auf dem Boot zu leben, dort eine Familie zu gründen und zu arbeiten?  

Wir waren damals beide 30 und gerade mal ein halbes Jahr zusammen. Wir hatten eigentlich vor, inzwei Jahren die Welt zu umsegeln und danach nach Berlin oder München zu ziehen. Aber leider (oder zum Glück) waren wir schon nach vier Monaten pleite. Wir hatten vorher 30.000 Euro für die Reise zurückgelegt, der Preis für das erste Boot war da nicht mit inbegriffen, aber der Motor ging ziemlich schnell kaputt und wir hatten plötzlich Ausgaben, mit denen wir nicht gerechnet hatten. 

Und auf einmal waren wir vor Portugal und hatten nur noch 1000 Euro auf dem Konto und ein Boot, das an Land stand. Das hat uns dazu gezwungen, die Arbeitstätigkeit schneller aufzunehmen, als wir geplant hatten. Im Nachgang war das gut so, weil es uns jetzt die Dinge ermöglicht, die wir heute machen. Unterwegs Geld zu verdienen ist direkt Teil dieses Lebens geworden, ein anspruchsvoller Teil, aber einer, der uns dieses Leben hier ermöglicht.  

War es für euch klar, auch eure Kinder auf dem Wasser großzuziehen?   

Bootsarbeiten mit Kleinkind
Auf dem Katamaran ist immer etwas zu tun.

Für uns ja, für unsere Eltern nicht. Als sie gemerkt haben, das erste Kind kommt in Tahiti zur Welt, ist allen erstmal die Kinnlade runtergefallen. Wir teilen natürlich vor allem die exotischen Fotos und deshalb dachten viele, in und um Tahiti gibt es nur Dschungel, Wasser und Haie. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass es da auch ganz normale Krankenhäuser und eine wahnsinnig tolle Versorgung gibt. Für uns war es direkt klar, dass wir schauen wollen, wie wir dieses Leben auch mit Kindern weiterleben können. Weil wir natürlich auch andere Familienmodelle auf unserer Reise gesehen haben. 

Wenn man einmal auf dem Wasser ist, merkt man, dass es gar nicht so besonders ist, weil das alle machen. Das reduziert die Hemmschwelle für solche Entscheidungen enorm. Inzwischen haben wir einen fast Dreijährigen und ein Baby. Wenn wir Leuten sagen, dass wir mit einem sieben Monate alten Baby auf einem Boot vor Neukaledonien sind, fragen die meisten: Okay, wo ist Neukaledonien? Und was macht ein sieben Monate altes Baby dort?  

Was haben eure Kinder von diesem Lebensmodell? 

Wir wollen nie etwas erzwingen. Es ist ein konstanter Test. Werden die Kinder seekrank? Haben sie genug Platz? Die Grundvoraussetzung ist, dass es allen Spaß macht. Und natürlich sind sie mehr draußen und lernen andere Dinge. Vor allem Problemlösungskompetenz. Wenn wir wirklich mal 15 Segeltage vom nächsten Land entfernt sind und etwas kaputt geht oder jemand verletzt ist, müssen wir uns selbst helfen. Es kommt kein Krankenwagen und kein Klempner. Und wer ein selbstbestimmtes Leben führen will, der muss das lernen. Und das ist auch gleichzeitig die Kehrseite. Aber ich glaube, das ist bei jedem Traum so.  

Wie sieht momentan Alltag aus – falls es einen gibt? 

Es gibt bei uns keinen klassischen Alltag, aber mein Tag wird aktuell zu einem großen Teil auch von den Kids vorgegeben. Die wachen um sechs Uhr auf, dann gibt es Frühstück, danach gehe ich mit ihnen an Land, auf den Spielplatz, Energie abbauen, an den Strand oder schwimmen. Mittags geht es zum Essen zurück, Mathias hat in der Zeit am Boot gebaut. Das kann man mittlerweile mit einer 90 qm Wohnung vergleichen, da gibt es immer etwas zu tun. Momentan macht er vor allem das und ich bin bei den Kids. Vereinbarkeit ist ein großes Thema. Wir nennen das immer die drei B’s: Business, Boot und Baby.  

Euer Lebensstil hört sich traumhaft an, gleichzeitig wirkt ihr sehr pragmatisch, gar nicht wie eine typische «Aussteigerfamilie».  

Wir sind auch nicht ausgestiegen. Wir haben unser Leben eher anders organisiert. Wenn Menschen zum ersten Mal von unserem Leben hören, sagen sie oft: Boah, du lebst ja den Traum. Man hat so diese klassische Vorstellung vom glasklaren Wasser, Strand und Kokosnüssen. Und klar gibt es das auch. Und das ist das Stück der Freiheit, das wir uns rausholen, mit diesem Lebensmodell. 

Aber Freiheit bedeutet für uns nicht, dass wir machen können, was wir wollen und den ganzen Tag Kokosnusswasser trinken. Wir arbeiten, wir haben zwei Kinder, ein Boot, ein Business. Dieses Leben muss genauso organisiert und finanziert werden wie jedes andere auch. Wenn andere schlafen, klappe ich oft den Laptop auf. Vielleicht sind wir deshalb pragmatischer, als man bei diesem Lebensstil erwarten würde. Denn damit das funktioniert, müssen wir ständig Entscheidungen treffen: Wo steht das Boot? Was ist mit den Visa? Wann wechseln die Winde? Was ist uns als Familie gerade wichtig? Wir hinterfragen alle paar Monate ziemlich grundlegende Dinge. Das ist eine große Freiheit, aber manchmal auch echt anstrengend.   

Was bleibt dabei am ehsten auf der Strecke?  

Das Leben in Europa. Vor vier Wochen sind Angehörige von Mathias und mir verstorben und wir sind eine halbe Welt entfernt. Wir können nicht einfach mit Kids rüber fliegen. Das sind Entscheidungen, die uns in dem Moment sehr weh tun. Aber die wir irgendwo auch bewusst treffen. Wir versuchen, regelmäßig bei der Familie zu sein. Aber in manchen wichtigen Momenten sind wir das nicht. Ob das Geburtstage sind, Hochzeiten oder traurige Ereignisse.   

Und bleibt Zeit für dich selbst?  

Gerade wenig bis gar nicht. Keine Ahnung, wann ich das letzte Mal alleine Kaffee trinken war. Es tut mir aber momentan noch nicht so weh, vielleicht dann in der Retrospektive. Unser zweiter Sohn ist im Februar in Österreich geboren, und davor hab ich meine Freundin alleine in München besucht und das natürlich total gefeiert. Da sind dann so die kleinen Momente, die total wertvoll sind. Und es bleibt natürlich auch wenig Zeit als Paar. Mathias und ich waren das letzte Mal zu zweit tauchen, bevor unser erster Sohn auf die Welt gekommen ist, obwohl das Wasser immer genau unter unseren Füßen ist.   

Was plant ihr für die nächste Zeit? 

Aktuell sind wir am Überlegen, ob wir unseren dreijährigen Sohn in Neukaledonien nochmal in den Kindergarten schicken, bevor wir im Januar nach Neuseeland fahren. Dort wird er auf jeden Fall in den Kindergarten gehen. Ich merke schon, dass es ihm gut tut, mit anderen Kindern zu spielen und Impulse von Gleichaltrigen zu bekommen. Wir haben Freunde mit Kindern und er ist sozial absolut nicht isoliert, aber ein Kindergarten gibt dann doch nochmal einen anderen Rahmen. Und für mich bedeutet das natürlich auch, beruflich wieder tiefer einsteigen zu können. Ansonsten suchen wir auch nach einer Au-pair Person, die uns mit den Kids unterstützen und uns auf der Reise begleiten möchte. 

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