Nach Jahren des unerfüllten Kinderwunsches ist BRIGITTE-Leserin Nicole W. mit 43 Jahren nochmal Mutter geworden. Nicht das biologische Alter macht ihr zu schaffen, sondern das Stigma, das mit einer späten Mutterschaft einhergeht.
Nach Jahren der Kinderwunschbehandlung (IVF) und mehreren Fehlgeburten habe ich mit Ende 30 mein erstes Kind auf die Welt gebracht, mein zweites mit 43. Heute sind meine Tochter fast 17 und mein Sohn 14 Jahre alt. Nach all den Jahren des Zitterns und Wartens war ich überglücklich.
Stiche ins Mutterherz
Ich war allerdings ziemlich naiv, was die späte Mutterschaft einem emotional abfordert – nicht körperlich, sondern immer noch gesellschaftlich.
Es sind die regelmäßigen kleinen Stiche ins Mutterherz: Wenn die Verkäuferin im Spielzeugladen sagt: «Nett von deiner Oma, dass sie dir das kauft», oder wenn man auf dem Amt in abschätzigem Ton gefragt wird: «In welcher Beziehung stehen Sie zu dem Kind?» Es gäbe unzählige andere Beispiele …
Man muss sich ständig rechtfertigen
Es reicht der Gesellschaft offenbar nicht, dass man fit und liebevoll ist; man muss sich ständig rechtfertigen. Über die Jahre nagt das am Selbstbewusstsein und ruft erbarmungslos alte Gefühle des «Falsch-Seins» aus der Zeit der ungewollten Kinderlosigkeit wieder hervor. Ein Gefühl, das man eigentlich hinter sich gelassen zu haben glaubte.
Spät im Leben Mutter zu sein, bedeutet auch, Hürden zu meistern, die andere Familien so nicht kennen: etwa wenn die eigenen Wechseljahre auf die Pubertät der Kinder treffen und die Tochter schreit, man verstehe sie nicht, weil bei einem selbst seit Jahren alles «trocken» sei. Oder wenn der Sohn traurig, wütend und gleichzeitig ratlos ist, weil er für ein Schulprojekt seine Großeltern interviewen soll, er aber keine mehr hat.
Wir brauchen Empathie statt Bewertung
In dem ganzen Hype und Wandel hin zu späten Mutterschaften wird ein zentraler Aspekt oft ausgespart: die negativen Stereotype und Vorurteile, die vor allem auf spätere Mütter einprasseln (auf ältere Väter wesentlich weniger). Man sieht die Babybäuche strahlender Promis, erlebt aber kaum ehrliche Gespräche über die Jahre danach für die Durchschnitts-Mama – über die sozialen Barrieren, die Vorurteile und den fehlenden Austausch zwischen Frauen in ähnlichen Lebensphasen.
Ich bereue keinen einzigen Tag als Mutter. Doch ich wünsche mir sehr, dass ehrlicher darüber berichtet wird – einerseits, damit Vorurteile abgebaut werden und die nächste Generation später Mütter und deren Kinder frei von diesen Stigmen leben kann. Andererseits, damit Frauen ein ehrliches Bild davon bekommen, was es wirklich bedeutet, eine späte Mama zu sein: mit all ihren Facetten jenseits der Instagram-Inszenierung. Was wir brauchen, ist Empathie statt Bewertung.
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