Burnout und Migration: Wenn ich zur Arbeit fuhr, dachte ich, hoffentlich überfährt mich ein Bus

Fatma Kaya ist im Flüchtlingsheim aufgewachsen und heute Unternehmerin. Schon mit 27 hatte sie einen Burnout. Wir wollten von ihr wissen: Welchen Einfluss hat Migration auf die psychische Gesundheit? 

Fatma Kayaist in Istanbul auf die Welt gekommen. Drei Jahre später zog ihre Familie nach Deutschland – mit zwei Töchtern, zwei Koffern und 500 Mark. Sie wuchs im Asylbewerberheim auf, heute ist sie Marketing-Expertin mit eigener Agentur. Als Speakerin und in Workshops setzt sie sich dafür ein, dass psychische Erkrankungen enttabuisiert werden.

BRIGITTE: Sie waren erst 27, als Sie Ihre erste Panikattacke hatten und die Diagnose Burnout bekamen. Was war da los?

Fatma Kaya: Ich hatte gerade meinen ersten Job angefangen und musste nebenher in kürzester Zeit meine Masterarbeit schreiben. Das Jobangebot war so gut gewesen, dass ich es nicht ausschlagen konnte. Ich dachte, ich habe immer alles geschafft, also schaffe ich das auch. Aber ich war überfordert. Wenn ich zur Arbeit fuhr, dachte ich manchmal: Hoffentlich überfährt mich ein Bus. Ich war wie in einem Strudel.

Wie ging es dann weiter?

Nach meinem Zusammenbruch habe ich gekündigt, die Masterarbeit geschrieben und mich direkt wieder beworben. Ich habe mir keine Regenerationsphase erlaubt und mir auch keine Unterstützung geholt, wie Krankengeld, Arbeitslosengeld oder eine Reha. Ich wusste gar nicht, was mir zusteht. Ich habe einfach weitergemacht im neuen Job und meine Mittagspausen gekürzt, damit ich abends zur Therapie gehen konnte. 

Sie kamen mit Ihrer Familie aus der Türkei nach Deutschland, als Sie drei waren. Haben Ihre hohe Leistungsbereitschaft und Ihr Burnout auch mit Ihrer Migrationsgeschichte zu tun?

Nicht nur, aber auch. Mein Leben war ein Hürdenlauf mit immer neuen Herausforderungen. Meine Eltern sind in dieses Land gekommen, um meiner Schwester und mir eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar. Doch schon im Kindesalter hatte ich eine enorme Verantwortung: Ich konnte vor meinen Eltern deutsch und ging zu meinen eigenen Elternabenden, machte Behördengänge, übersetzte im Grundschulalter Briefe, oder versuchte es zumindest. Später bekam ich nicht die gewünschte Schulempfehlung, und an der Uni hatte ich kein Netzwerk – ich bin eine der ersten Akademikerinnen in der Familie. 

Schon im Kindesalter hatte ich eine enorme Verantwortung.

Hatten Sie das Gefühl, Ihren Eltern etwas schuldig zu sein?

Das haben sie nie gesagt und ich empfinde das auch nicht so. Aber sie waren vor allem damit beschäftigt, Grundbedürfnisse zu erfüllen – arbeiten, ankommen, dazugehören, sich integrieren. Für das Thema mentale Gesundheit gab es damals kaum Raum. In meinem familiären und sozialen Umfeld wurde wenig darüber gesprochen, und psychische Erkrankungen waren häufig mit Scham verbunden. Als ich meine erste Panikattacke hatte, war mein erster Gedanke nicht, wie kann ich heilen, sondern: Was denkt meine Familie, der Arbeitgeber, die Gesellschaft? 

Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, das zu ändern.

Andere Menschen sollen nicht die gleichen Erfahrungen machen müssen wie ich. Ich musste erst zusammenbrechen, um mich selbst ernst zu nehmen und diesem Thema Raum zu geben. Über psychische Gesundheit wird noch immer zu wenig gesprochen. Auch in manchen postmigrantischen communitys gibt es Vorbehalte und Berührungsängste. In der türkischen Umgangssprache sagt man zu Therapeutinnen und Therapeuten oft ‚Deli Doktoru‘, also ‚Arzt für Verrückte‘. Wie soll ein Mensch sich dann trauen, zu sage: Ich brauche Hilfe, ich gehe in Therapie? Ähnliches gilt auch für Deutschland. Wenn man sagt, man geht in die Klinik, heißt es: Ach, die geht in die Klapse. Oder die hat nicht alle Tassen im Schrank.

Sie haben die ersten zehn Jahre in Deutschland in einem Asylbewerberheim gelebt. Hat der Wunsch, dazuzugehören, dazu beigetragen, dass Sie über Ihre Grenzen gegangen sind? 

An meinem sechsten Geburtstag kam kein einziges Kind aus meiner Schulklasse zu meiner Feier. Und natürlich prägt es ein Kind, wenn die Mama alles vorbereitet hat, und dann niemand kommt, weil man im Asylbewerberheim wohnt. Meine Mama hat dann die ganzen Kinder aus dem Heim eingeladen und das war auch schön. Aber wenn man immer wieder das Gefühl hat, man gehört nicht dazu, kann das dazu beitragen, dass man seine Grenzen nicht wahrt. Ein ganz wichtiges Thema ist aber auch Unwissenheit.

Wie meinen Sie das?

Auch Unwissenheit kann dazu führen, dass man sich überarbeitet und überlastet. Als ich mein Auslandssemester in den USA gemacht habe, hatte ich zum Beispiel keine Ahnung, dass ich ein Stipendium beantragen oder einen Kredit aufnehmen könnte. Solche Möglichkeiten sind einem oft eher bekannt, wenn man aus einem privilegierten Umfeld kommt. Also habe ich Extraschichten in der Gastronomie gemacht, genau wie mein Papa in der Fabrik, und auch meine Mutter hat mehr gearbeitet, um mir das zu ermöglichen. 

Wenn man weiß, dass die Eltern besonders viel arbeiten mussten, um einem etwas zu ermöglichen … spürt man dann einen besonders großen Druck, zu performen? 

Das habe ich nicht so gespürt. Ich wollte mir selbst zeigen, dass ich das kann.

Was muss sich ändern, damit das Thema psychische Gesundheit aus der Schamecke geholt wird? 

Niemand entscheidet sich dafür, körperlich oder seelisch krank zu werden, das muss in die Köpfe der Menschen rein. Es kann jeden treffen und das Leben kann sich von einer Sekunde auf die andere verändern. Deshalb müssen wir als Gesellschaft empathischer sein – auch in der Arbeitswelt. Gerade auch Menschen, die nach außen besonders leistungsfähig wirken und hohe Ansprüche an sich selbst stellen, können psychisch stark belastet sein. Deshalb brauchen wir eine Arbeitskultur, in der sie offen sagen können, wenn es ihnen nicht gut geht, ohne berufliche Nachteile befürchten zu müssen. Und ich möchte allen Menschen sagen: Ihr habt Rechte und ihr dürft euch die Zeit nehmen, die ihr braucht, um zu regenerieren und zu schauen, wo ihr im Leben hinwollt!

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