Arm in Deutschland: "Nur wer weiß, wie schmerzhaft Armut ist, weiß, wie glücklich Geld macht"

Miriam Davoudvandi, 34, in Bukarest als Tochter einer Rumänin und eines Iraners geboren, ist in Deutschland in prekären Verhältnissen aufgewachsen. Auch nach ihrem sozialen Aufstieg sagt sie: Armut wird man nie los – und hat ein Buch darüber geschrieben.

BRIGITTE: Mit sechs Jahren bist du aus Bukarest in eine süddeutsche Kleinstadt gezogen. Wann wurde dir bewusst, dass deine Familie arm ist? 

Miriam Davoudvandi: Am krassesten war es bei der Einschulung – allein zu sehen, was die anderen für Schultüten und Schreibutensilien hatten. Da habe ich zum ersten Mal gemerkt: Die haben andere Sachen als ich, und ich habe definitiv am wenigsten. In der Klasse hatte ich dann Freunde aus allen Schichten. Die Reicheren in ihren Häusern zu besuchen und zu merken, oh, das sieht hier alles ganz anders aus, die sprechen über andere Dinge, essen andere Dinge – das waren so zentrale Momente. 

Was war für dich das prägendste Gefühl, in Armut aufzuwachsen? 

Scham. Scham darüber, wie man aussieht, wie man sich ausdrückt und was die Eltern arbeiten: Mein Vater ist Maler, meine Mutter putzt. Aber auch das Gefühl, nicht mithalten zu können, und die Angst, sich als arm zu offenbaren. Deshalb tat ich mich auch schwer damit, Freunde einzuladen. Draußen kannst du versuchen, dich angepasst zu kleiden und zu geben, aber spätestens in der Wohnung wird die Armut sichtbar: Wie sieht es da aus, wie riecht es? Was macht man dort? Was isst man?  

Seitdem hast du einen sozialen Aufstieg hingelegt, als Journalistin, Podcasterin, Autorin. Trotzdem beschreibst du, dass du dich heute noch fehl am Platz fühlst, wenn du mit Menschen ohne Armutserfahrung zu tun hast. Wird man Armut nie los?

Nein. Es gibt zwar Menschen, die diese Erfahrung bewusst verdrängen und ins andere Extrem gehen. Sie äußern sich dann abfällig über arme Menschen und sagen: Ich habe es geschafft, warum ihr nicht? Das ist ein Abgrenzungsmechanismus, weil sie wissen, welche Nachteile es hat, dieser Gruppe zugeordnet zu werden. Bei mir ist es eher so, dass ich konstant krasse Existenzängste habe, weil ich in meinem Leben länger arm war als normal verdienend. Ich weiß, wie es ist, arm zu sein, und ich möchte da nicht mehr hin. Ich tue permanent alles dagegen und das ist sehr kräftezehrend. Ich habe bis heute auch Minderwertigkeitsgefühle, zum Beispiel wenn ich ins Theater gehe. Ich war eben nicht schon als Kind mit meinen Eltern dort und habe Angst, als unkultiviert aufzufliegen. 

Deine Eltern haben immer körperlich hart gearbeitet, du durftest als einziges Kind aufs Gymnasium und auf die Uni. Habt ihr euch dadurch voneinander entfremdet?

Bei meinem ersten Zeitungspraktikum wurde ich gefragt, was meine Eltern arbeiten, und ich bin heulend rausgestürmt, weil ich mich total geschämt habe. Ich hatte gehofft, hier wäre ich endlich als Individuum wichtig und nicht als Teil meiner Familie. Schon als Jugendliche wollte ich mich von meinen Eltern abgrenzen, habe schlecht über sie geredet oder war sauer auf sie, weil ich dachte: Warum haben die mich und meine Brüder in diese Situation gebracht? Warum sind die so arm? Ich bekam natürlich auch die medialen Narrative mit, die behaupten, jeder kann es schaffen in einem Land wie Deutschland, jeder ist seines Glückes Schmied. Ich habe mich gefragt, warum klappt das bei denen dann nicht, obwohl sie von morgens bis abends arbeiten? Es gab sogar den Wunsch, in eine andere Familie hineingeboren worden zu sein. 

Wann hat sich das geändert? Du hast dein Buch deinen Eltern gewidmet.

"Das können wir uns nicht leisten: Was es bedeutet, in Deutschland arm zu sein" von Miriam Davoudvandi (btb, 18 Euro)
«Das können wir uns nicht leisten: Was es bedeutet, in Deutschland arm zu sein» von Miriam Davoudvandi (btb, 18 Euro)
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Ich habe selbst schon früh geputzt, im Lager und am Fließband gearbeitet, auch, um mein Studium zu finanzieren. Dabei habe ich gelernt, was das mit einem macht. Wie erschöpft man ist, wie lähmend das ist und warum meine Eltern abends keinen Bock mehr hatten auf intellektuelle Gespräche oder am Wochenende auf Ausflüge. Irgendwann habe ich auch verstanden, dass Armut ein strukturelles Problem ist und dass meine Eltern einfach Pech haben in dem System, in dem wir leben. Heute schäme ich mich dafür, dass mir meine Eltern peinlich waren, obwohl Menschen wie sie den Laden hier tagtäglich am Laufen halten. 

Du schreibst, Armut sei wie ein Fluch, der sich wie ein dunkler Schleier über alles legt und krank macht. Du berichtest von Depressionen, ADHS und von der Angst als ständiger Begleiterin. Warum ist Armut derart destruktiv?

Weil sie sich durch alle Lebensbereiche zieht: Freundschaften, Dating, Arbeit, Essen, Konsum, wie man denkt, wie man spricht, wie man wahrgenommen wird, wie man auf die Welt kommt und sogar, wie man stirbt. Menschen in Armut sind gefährdet, früher zu sterben, weil sie oft schwer arbeiten und einen schlechteren Zugang zu Medizin, gesunder Ernährung und Erholung haben. Armut wirkt sich sogar über den Tod hinaus aus – wenn man Schulden vererbt oder kein Geld für die Bestattung da ist. 

Du findest die Bezeichnung «sozial schwach» unangemessen, weil benachteiligte Menschen «lernen, durch eine Welt zu navigieren, die auf sie herabblickt.» Welche Stärken hast du aus deiner Biografie gezogen?

Ich möchte Armut nicht romantisieren, denn es ist einfach kacke, arm zu sein. Oft heißt es ja: Arme Menschen sind so großzügig und halten zusammen, obwohl sie so wenig haben. Der unschöne Hintergrund ist jedoch: Das ist ein Überlebensmechanismus. Ein Mensch, der nichts hat, braucht eine Community viel mehr als jemand, der sich darauf verlassen kann, dass sein Geld ihm im Notfall hilft. Und trotzdem: In meiner Kindheit war die ganze Nachbarschaft mein Babysitter und das war auch positiv. Ich habe viele unterschiedliche Menschen kennengelernt, es entstanden gute soziale Bindungen und ich habe wichtige Werte mitbekommen: Zum Beispiel, Menschen nicht vorzuverurteilen, sondern zu verstehen, warum sie bestimmte Dinge nicht können. Und ich finde, es ist total viel wert, wenn man in dieser echt harten Welt Überlebensstrategien entwickelt, und versucht, Schlupflöcher in einem System zu finden, das sehr undurchlässig ist. Das zeugt für mich von Durchhaltevermögen, Empathie und Intelligenz und nicht von «sozialer Schwäche». 

Auf Instagram nennst du dich cash.miri und im Buch schreibst du: «Geld kann verdammt glücklich machen und wer etwas anderes sagt, lügt.“ Ist das die ganze Wahrheit?

Nur wer weiß, wie schmerzhaft die Abwesenheit von Geld ist, weiß, wie glücklich es macht. Und deshalb hat Geld in meinem Leben eine Riesenpriorität. Mir ist natürlich bewusst, dass reiche Menschen auch sehr leiden oder schwer erkranken können, aber vieles ist mit Geld vermeidbar oder lösbar – etwa durch bessere Prävention oder einen besseren Zugang zu Hilfen. Und zu wissen, dass man im Notfall finanzielle Ressourcen hat, verleiht Selbstwirksamkeit und Selbstbewusstsein. Klar, «Geld ist nicht alles» – aber es ist das Privileg reicher Menschen, das so rausposaunen zu können. 

 

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