Besser Kommunizieren: Wie ich endlich gelernt habe, richtig zuzuhören

Eigentlich dachte unsere Autorin Anja Schauberger, als Journalistin sei sie schon ein Zuhör-Profi. Dann machte sie ein Training im «Zuhörraum» – und merkte: Da geht noch so Einiges …

Es trifft mich ganz unvermittelt, als mein Freund eines Abends zu mir sagt: «Du hörst mir überhaupt nicht zu!» Wir sind nicht im Streit, er sagt es mit einem schelmischen Lächeln auf den Lippen, so als wäre das eine Sache, die er schon lange über mich weiß, die er beobachtet und längst als Tatsache hingenommen hat: Anja, die schlechte Zuhörerin, so ist sie eben. 

Es geht, eigentlich banal, um seine Wochenendplanung, von der er mir in den Tagen zuvor schon mehrmals erzählt hat – und es stimmt: Ich hatte genickt, ihm sogar geantwortet, aber wirklich zugehört hatte ich nicht. Eigentlich war ich mir sicher, aber ich kann mich partout nicht daran erinnern, was er am Samstagabend vorhat. Ich schäme mich. Warum muss mir das genau bei ihm passieren? Und außerdem kann das gar nicht sein, denn ich bin doch eine gute Zuhörerin, oder? Allein schon, weil ich beruflich viel zuhören muss. Als Journalistin treffe ich ständig auf Gesprächspartner:innen, die sich mir für ein Interview, ein Porträt oder eine Reportage anvertrauen. Und wer über Menschen schreibt, muss doch schließlich auch gut zuhören können?

Ein erstes Aha-Erlebnis habe ich bei meinem Besuch im Münchner Zuhörraum, einem mobilen Häuschen des gemeinnützigen Vereins «Momo hört zu e.V.» im Glockenbachviertel, in dem ausgebildete Ehrenamtliche spontan, anonym und bewertungsfrei zuhören. Um die 40 Menschen arbeiten dort, das Ziel: absichtsloses Zuhören. Alles darf da sein und seinen Platz finden, negative wie positive Geschichten. Im Zuhörraum habe ich die Möglichkeit, live bei einer Zuhör-Session dabei zu sein. Die Besucherin, die spontan hereinkommt, erzählt von ihrer Hochsensibilität. Ein Thema, das mich sehr interessiert, vielleicht sogar selbst betrifft. 

Anna Schauberger, kratzt sich am Kopf
Anja Schauberger arbeitet als freie Journalistin in München. Nach ihrer Erfahrung beim Zuhör-Training hat sie ein Buch übers Thema geschrieben: «Besser Zuhören. Warum eine scheinbar einfacher Sache doch so schwer ist» (272 Seiten, 18 Euro, Rowohlt Polaris)
© Flo Stiebing

Ich denke immer, ich muss die Unterhaltung am Laufen halten

Ständig möchte ich einhaken, von meinen Erfahrungen erzählen oder ihr ungefragt Ratschläge geben. Das fällt mir erst in diesem Rahmen auf, weil ich es hier nicht darf. Die Ehrenamtliche neben mir bleibt dagegen ganz entspannt: Sie stellt nur wenige Fragen, lässt die Besucherin in Ruhe erzählen und kann auch die teils langen Gesprächspausen viel besser aushalten als ich. Ich denke immer, ich muss diese füllen, muss die Unterhaltung am Laufen halten. Zudem fällt mir auf, dass die Ehrenamtliche sehr zugewandt zuhört – sie sitzt der Besucherin mit aufrechten Schultern gegenüber und hält Blickkontakt. 

Hier komme ich ins Zweifeln, ob ich wirklich so gut zuhören kann, wie ich denke. Nicht nur, weil ich oft unterbrechen möchte und gedanklich abschweife, sondern auch, weil ich in Gesprächen selten richtig präsent bin, mein Handy neben mir liegt oder meine Augen herumwandern, anstatt meinem Gegenüber zu signalisieren: Ich bin ganz für dich da, ich höre dir zu!

Was soll ich diesen Fremden über mich erzählen?

Die Ehrenamtliche erzählt mir später, dass «Momo hört zu e.V.» auch ein Zuhör-Training anbietet. Das läuft komplett online über eine eigene App des Vereins und dauert zehn Wochen. Ich bin neugierig und melde mich für den nächsten Termin an. Beim Kennenlern-Termin erfahre ich: Hier bekommen die Teilnehmer jede Woche per Zufall einen Zuhör-Partner zugeteilt, mit dem sie sich täglich digital verabreden sollen. Ungefähr eine Viertelstunde dauert der sogenannte «Momolog». Man stellt sich zwei immergleiche Fragen, spricht und hört abwechselnd zu. 

Zuerst habe ich aber viel mehr Bedenken vor dem Sprechen als vor dem Zuhören: Was soll ich diesen Fremden über mich erzählen? Ich bin anfangs also gedanklich wieder viel mehr bei mir, formuliere im Kopf, was ich gleich erzählen möchte, statt konzentriert zuzuhören. Außerdem lächle ich beim Zuhören ständig, um meinem Gegenüber ein gutes Gefühl zu geben. Das klingt erst einmal nicht weiter schlimm, aber im Training lernen wir: Je mehr ich mit meiner eigenen Mimik und Gestik, den eigenen Antworten und Reaktionen beschäftigt bin, desto weniger Aufmerksamkeit habe ich für mein Gegenüber übrig – und das stimmt tatsächlich. 

Das Zuhör-Training war für mich eine Mini-Therapie

Am Ende dieser zehn Wochen habe ich zehn ganz unterschiedliche Menschen kennengelernt, die ich in meinem Alltag wahrscheinlich niemals getroffen hätte, aber vor allem – und das überrascht mich sehr – ist da dieses Gefühl: Ich selbst bin viel klarer. Die täglichen «Momologe» haben nicht nur mein Zuhören, sondern auch meine Innenschau trainiert. Als ich einer Freundin davon erzähle, vergleiche ich es mit einer Art «Mini-Therapie». Ich kann nun besser in mich hineinhören, weiß, wie es mir geht und warum – und das ist die Basis für gutes Zuhören, wie ich wenig später in einem Gespräch mit Zuhör-Coach Stefan Brodbeck erfahren werde.

Denn nur wer sich selbst gut kennt, wer innerlich aufgeräumt und sortiert ist, hat Platz für die Themen von anderen. Zu gutem Zuhören gehört nämlich vor allem, nicht ständig zu bewerten, was mein Gegenüber sagt, es auf mich zu beziehen – ich soll den anderen anders sein lassen. Dabei bleibt bei mir ein Satz von Brodbeck besonders hängen: 

Jeder ist sein eigenes Universum

Ich trage ihn seitdem bei mir und hole ihn mir gedanklich hervor, wenn ich mit jemandem spreche, der ganz anderer Meinung ist oder sich für Dinge interessiert, die mir fremd sind. 

Heute versuche ich, viel mehr zuzuhören, wie ein neugieriges Kind, das sich ohne Vorbehalte für den anderen interessiert. Das bedeutet aber auch: Wenn ich gerade keine Kapazitäten habe, um neugierig und offen zu sein, oder mir schlicht die Zeit oder Konzentration fehlt, um mich meinem Gegenüber vollkommen zu widmen, dann kommuniziere ich das. Ein Beispiel: Wenn ich abends von der Arbeit nach Hause komme, brauche ich ein paar Minuten, um anzukommen. Mich überfordert es, wenn mein Freund mir sofort von seinem Tag erzählt oder viele Fragen stellt. Früher wusste ich nicht, was in diesen Momenten mit mir los war, ich war einfach genervt. Heute sage ich: «Lass uns gerne später reden, ich muss kurz ankommen.»

Die schlimmsten Fragen sind die, die nicht gestellt werden

Außerdem weiß ich nun, welcher Zuhör-Typ ich bin: So kann ich beim Spazierengehen viel besser zuhören, als wenn ich mit jemandem an einem Tisch sitze. Vor der Arbeit an meinem Buch übers Zuhören habe ich viele Dinge im Gespräch abgenickt, auch wenn ich sie nicht verstanden habe – aus Scham. Heute weiß ich: Die schlimmsten Fragen sind die, die nicht gestellt werden! 

Zudem habe ich gelernt, dass wir mit ganz verschiedenen Ohren zuhören: Das «Vier-Ohren-Modell» des Kommunikationsexperten Schulz von Thun besagt, dass ich je nach meinen Erfahrungen, Prägungen und meiner Stimmung das Gehörte ganz verschieden auffassen kann. Höre ich den Sachinhalt, eine Selbstoffenbarung, einen Beziehungshinweis oder einen Appell an mich heraus? Und ich muss auch herausfinden, was der andere gerade von mir braucht, wenn ich ihm zuhöre: Braucht er Halt, Hilfe oder einfach Gehör? Dieses Wissen lässt mich heute genauer zuhören. Natürlich ertappe ich mich immer wieder dabei, wie ich in alte Muster falle, aber ich finde schneller wieder heraus. Gutes Zuhören braucht eben Übung, aber es lohnt sich!

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