Beziehungsende: Warum es nach Trennungen im Freundeskreis wahrscheinlicher wird, dass du dich auch trennst

Wenn rund um uns Beziehungen scheitern, stellt das nicht nur Freundschaften auf die Probe, sondern oft auch die eigene Liebe in Frage. Wie gefährlich ist das?

Mich erwischte das Virus, da war ich gerade 25 und seit Jahren mit meinem Freund zusammen. Eine brave Jugendliebe, mehr Fondue und Fernsehabend als Sex und Rock’n’Roll. Aber ich fürchtete auch den Preis, den andere für ein aufregenderes Liebesleben zahlten: abends vor dem Telefon warten, morgens ins Müsli weinen. Meine beste Freundin sah das ähnlich, die hatte einen schwiegersohntauglichen Jurastudenten an ihrer Seite. Wenn nur sie und ich zu zweit auf der WG-Küchenbank Wein tranken, redeten wir nicht über andere Kerle, sondern bekräftigten uns gegenseitig: Unser Frührentnerleben war ein Zeichen besonderer Reife. 

Wenn ein kalter Luftzug die muffige Zweierkiste einfach wegpustet

Bis zu jenem Abend, an dem sie mit leicht irrem Blick in meine Küche stürmte und das kuschlig-muffige Kartenhaus mit ein paar Sätzen zerlegte. Knall auf Fall hatte sie ihre sichere Bank für einen Musiker verlassen, schwärmte von Orgasmen am Morgen und nie dagewesenen Gesprächen. Ihre Worte waren wie ein kalter Luftzug, von dem ich ahnte: Der würde auch meine mittelmäßige Zweierkiste einfach wegpusten.

Das klingt nach typischen Twentysomething-Turbulenzen. Aber Trennungen im Freundeskreis lassen uns nie unberührt. Vielleicht am meisten in dieser mittleren Lebensphase, in der wir spüren: Noch wäre es Zeit, eingefahrene Gleise zu verlassen und ganz von vorn anzufangen, mit einer neuen Liebe und einem neuen Leben. Kein Zufall, dass das Durchschnittsalter von Frauen bei einer Scheidung in Deutschland bei 44,7 Jahren liegt. Und der Auslöser für einen solchen Schritt ist häufig das Beben der anderen. Noch eine Zahl: Das eigene Trennungsrisiko steigt bei Paaren um satte 75 Prozent, wenn enge Freunde auseinandergehen. Das ermittelten Forscher der US-amerikanischen Brown University in einer Langzeitstudie. 

Beziehungen der anderen sind ein Spiegel eigener Sehnsüchte

Das verwundert nur auf den ersten Blick. Denn Freund:innen sind ein wichtiger Spiegel der eigenen Befindlichkeit, eine Projektionsfläche für eigene Sehnsüchte. «Je nach Lebenssituation hat Freundschaft für viele Menschen auch im mittleren Lebensalter einen hohen Stellenwert, oft höher als die Verwandtschaft», sagt die Sozialwissenschaftlerin Insa Fooken, die an der Uni Siegen zu diesem Thema forscht. «Besonders bei kinderlosen Paaren spielen die Wahlverwandtschaften oft eine große Rolle.» Deshalb können Trennungen in Cliquen besondere Sprengkraft entfalten, bei denen der zusätzliche Kitt durch Kinder fehlt. In kinderreichen Freundeskreisen mag der Domino-Effekt ein wenig schwächer ausfallen, dafür stürzt so ein Liebes-Aus Elternpaare nicht nur in emotionale, sondern auch in ganz praktische Probleme. Allein schon, weil es so oft mindestens zwei Anrufe kostet, den Nachwuchs zu verabreden. Weil man dann auch noch die komplizierte Patchwork-Logistik der anderen mitdenken muss. 

Warum wir uns nach Trennungen im Freundeskreis fühlen wie ein Scheidungskind

Eines ist allen gemein, ob Eltern oder nicht: das Scheidungskindergefühl, das einen überkommen kann, wenn Freundespaare getrennte Wege gehen. Nicht nur, weil die Symmetrie beim Sonntagsbrunch futsch ist, sondern auch, weil die frisch Getrennten Loyalität einfordern, Verständnis, Unterstützung. Nicht mehr als Duo, sondern jeder für sich. Am besten auch gleich noch für die neue Frau, den neuen Mann an der eigenen Seite. Und das kann ganz schön ins Auge gehen – denn selten sind Trennungen so einvernehmlich, dass man es beiden Seiten recht machen kann. Der Berliner Psychotherapeut Wolfgang Krüger, Autor von mehreren Büchern über Paarbeziehungen und Freundschaft, rät: sich nicht verstricken lassen. Eher die Rolle der mitfühlenden, aber kritischen Beobachterin einnehmen. «Man muss sich nicht auf eine Seite schlagen, man muss auch einen neuen Partner, die neue Partnerin nicht lieben. Stattdessen kann man Fragen stellen: Was fasziniert dich an ihm, was irritiert dich, was weißt du von seinen, ihren früheren Beziehungen? Auch das ist ein wichtiger Freundschaftsdienst.»

Wenn einer geht, bleibt der andere auf der Strecke

Beziehungs-Kennerin Insa Fooken weiß allerdings auch: Dass die Freundschaft zu beiden Ex-Partnern anhält, ist eher selten. «Es gibt Sollbruchstellen – meistens sind es die älteren Bindungen, die nach einer Trennung bestehen bleiben.» Wenn unsere beste Freundin aus Schulzeiten sich scheiden lässt, nimmt man eher in Kauf, dass der Kontakt zu ihrem Ex abbricht. Auch wenn man in guten Zeiten gemeinsam Nächte durchgemacht oder Ferienhäuser geteilt hat. Oberflächlichere Alltags-Allianzen zwischen zwei Paaren werden vom Trennungs-Beben dagegen oft komplett weggefegt, weiß Fooken: Dann sucht man sich eben neue Mitspieler fürs gemischte Doppel im Tennis, und setzt sich beim Barbesuch nach dem Elternabend zu einem anderen Eltern-Duo an den Tisch, das auch ganz lustig ist. 

Viel reden, auf Sicht fahren

Nun ist nicht jeder abbröckelnde Kontakt ein schlimmer Verlust, und Freundeskreise bindet kein Ewigkeitsversprechen. Wir neigen immer dazu, uns mit Menschen zu umgeben, die ähnlich ticken und in ähnlichen Lebenssituationen sind – Yoga-Aficionados mit Yoga-Aficionados, Musicalfans mit Musicalfans, Paare mit Paaren. Wer nicht mehr ins Raster passt, hat einen schwereren Stand. Jeder ist mal Opfer dieser Erosion, mal die anderen, mal wir selbst. Was aber, wenn uns die Freundschaft zu zwei auseinandergeliebten  Menschen tatsächlich gleich viel bedeutet? Doch, man kann beide Beziehungen aufrechterhalten, sagt Insa Fooken. Unter zwei Bedingungen: viel reden. Auf Sicht fahren. «Sie sollten Ihre Freunde nicht bevormunden. Nicht von oben herab entscheiden, etwa: Zu diesem Ausflug kann ich meine Freundin nicht einladen, weil da ihr Ex mit seiner neuen Partnerin ist. Sondern lieber mit beiden reden, ausloten, was für die beiden stimmt und was schmerzlich ist. Dann kann man Lösungen finden, die für den Moment passen – und in einem halben Jahr schon wieder anders aussehen.»

Wenn Diplomatie die alte Freundschaft rettet

Und noch etwas gehört dazu: gemischte Gefühle aushalten. Mag schon sein, dass der Neuzugang uns ein Dorn im Auge ist. Die Neue ist doch so jung, dass sie Twin Peaks für einen Influencer hält und Tamagotchi für eine Boyband! Oder: Dieser komische Zausel ist jetzt Mr. Right, und für den hat meine Freundin ihre verlässliche Ehe an die Wand gefahren? Aber: Trotzdem bleibt die alte Freundin, der alte Freund im Kern der Mensch, den wir aus guten Gründen schätzen. «Es ist ein Talent, wenn Menschen fähig sind zu Ambivalenz, und wenn sie bestimmte Themen auch großzügig umschiffen», findet Insa Fooken. So, wie wir es auch mit manchen politischen Fragen machen, Musikgeschmack oder einer unterschiedlichen Haltung zu Geld. 

Die große Frage: Was ist mit mir?

Wie es nach dem Abend in meiner WG-Küche weiterging, damals 1995? Meine Freundin hat den Musiker später tatsächlich geheiratet und zwei Töchter mit ihm bekommen. Ich habe mit dem Sänger seiner Band geschlafen – das lag irgendwie nah –, ordentlich Tränen ins Müsli vergossen, mich von meinem Freund getrennt. Danach folgten einige unmögliche Affären, bis ich ein paar Jahre später leicht gerupft und lebenssatt den Mann traf, mit dem ich noch immer alt werden möchte. 

Völlig immun gegen die gelegentlichen Virus-Epidemien in unserer Umgebung macht mich das nicht. Schließlich bin ich selbst in einem gefährlichen Alter. Aber Trennungen in der Nähe sind ja auch eine Chance: bei sich selbst genauer hinzuschauen, Dinge vielleicht anders zu machen. Wer unbequeme Fragen nicht abblockt, zulässt, dass ab und zu jemand das Fenster aufreißt und kalt durchlüftet, der hat ganz gute Chancen, dass die Liebe bleibt. Ob’s hilft? Ich kann’s nur hoffen. Fragt mich in 20 Jahren nochmal.

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