Bloß kein Geldstress: So übernimmst du die Kontrolle über deine Finanzen

Geldsorgen sind mehr als ein ungutes Bauchgefühl: Sie schütten messbar Stresshormone aus, die Denken und Psyche belasten – Frauen trifft das oft  besonders hart. Finanzexpertin Kertu-Liina Lehismäe erklärt, warum das so ist und wie schon kleine, automatisierte Schritte reichen, um wieder finanzielle Kontrolle zu gewinnen.

Fühlst du dich von deinen Finanzen gestresst? Damit bist du nicht allein: Laut einer aktuellen ConsorsFinanz-Studie geht es rund jeder vierten Frau in Deutschland so. Finanzielle Unsicherheit und steigende Lebenshaltungskosten führen dazu, dass viele von uns Geldthemen lieber meiden – mit messbaren Folgen fürs Gehirn, wie Finanzexpertin Kertu-Liina Lehismäe im BRIGITTE-Interview erklärt. Sie zeigt, wie wir trotzdem wieder finanzielles Selbstbewusstsein aufbauen können.

BRIGITTE: Welche wissenschaftlichen Belege gibt es dafür, dass finanzielle Unsicherheit unser Nervensystem schädigt?

Kertu-Liina Lehismäe: Anhaltende finanzielle Sorgen können das Nervensystem in einen dauerhaften Überlebensmodus versetzen. Die Amygdala, das Angstzentrum des Gehirns, schüttet dabei kontinuierlich das Stresshormon Cortisol aus. Studien aus der Verhaltensökonomie der Harvard University und der Princeton University zeigen, dass diese existenzielle Belastung die kognitive Leistungsfähigkeit erheblich einschränkt. Dieses Phänomen wird als «Mental Bandwidth» bezeichnet. Die geistige Leistungsfähigkeit kann dabei vorübergehend um bis zu 13 IQ-Punkte sinken. Dieser Zustand führt zu einer neuronalen Erschöpfung, die logisches Denken, Impulskontrolle und langfristige Planung erschwert. Betroffene geraten dadurch in eine biologische Stressspirale.

Wie Geldsorgen unserer Psyche gefährlich werden können

Kertu-Liina Lehismäe ist Finanzexpertin & Marketingleiterin bei der Investmentplattform Mintos. 
Kertu-Liina Lehismäe ist Finanzexpertin & Marketingleiterin bei der Investmentplattform Mintos.
© Mintos

Der Gender Wealth Gap ist bekannt, aber welche psychologischen Langzeitfolgen hat er, die wir bisher kaum benennen?

Die Auswirkungen auf die psychische Gesundheit sind enorm. Untersuchungen der Columbia University zeigen, dass Frauen, die weniger verdienen und besitzen als Männer, ein 2,5-fach höheres Risiko für Depressionen und ein vierfach höheres Risiko für Angststörungen haben. Ein wesentlicher Grund dafür ist ein schädlicher Prozess der Verinnerlichung. Viele Frauen interpretieren strukturelle Ungleichheiten fälschlicherweise als persönliches Versagen oder mangelnde Kompetenz. Dadurch wird das Selbstwertgefühl langfristig geschwächt.

Diese dauerhafte finanzielle Verletzlichkeit führt im Laufe des Lebens zu emotionaler Erschöpfung. Laut dem globalen Finanzreport der Beratungsgesellschaft Nudge erleben Frauen aufgrund fehlender finanzieller Rücklagen doppelt so häufig Gefühle von Scham, Angst und Wut in Bezug auf ihre Finanzen wie Männer. Diese Belastung äußert sich häufig in körperlichen Symptomen wie chronischen Schlafstörungen oder Migräne. Langfristig kann daraus eine erlernte Hilflosigkeit entstehen sowie eine deutlich geringere Bereitschaft, beim Investieren Risiken einzugehen. 

Da viele Frauen ihren finanziellen Spielraum durch unbezahlte Care-Arbeit oder Teilzeitphasen als dauerhaft fragil erleben, entwickelt sich häufig eine tief verankerte Risikoaversion. Aus Angst vor Verlusten bleiben sie passiv, wodurch sich die Vermögenslücke im Alter weiter vergrößert. Eine Möglichkeit, dieser strukturellen Risikoaversion entgegenzuwirken, besteht darin, die Einstiegshürden zu senken. Bereits ab 50 Euro investieren zu können und transparente Anlageprodukte mit überschaubaren Laufzeiten anzubieten, ist ein konkreter Ansatz, den wir auch bei Mintos verfolgen.

VIele Frauen und Alleinerziehende leben am finanziellen Limit. An Sparen ist da kaum zu denken. Was raten Sie, wenn der finanzielle Spielraum gleich null ist?

Wenn das Geld extrem knapp ist, wäre der Rat, zu investieren, schlicht realitätsfern. In dieser Situation geht es zunächst darum, die eigene Existenz zu sichern und die finanzielle Abwärtsspirale zu stoppen: 

  • Der erste Schritt besteht in einer schonungslos ehrlichen Bestandsaufnahme. Wer mindestens drei Monate lang ein detailliertes Haushaltsbuch führt, entdeckt oft unbewusste Kleinausgaben und gewinnt ein Stück Kontrolle zurück.
  • Parallel dazu sollte unbedingt geprüft werden, welche staatlichen Leistungen in Anspruch genommen werden können. Viele Betroffene beantragen aus Scham oder wegen bürokratischer Hürden nicht einmal die Unterstützung, auf die sie Anspruch haben. Dazu gehören beispielsweise Wohngeld, Kinderzuschlag oder Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket.
  • Der wichtigste Hebel in dieser Phase ist jedoch der Aufbau eines Unterstützungsnetzwerks. Beratungsstellen wie Caritas, Pro Familia oder Verbände für Alleinerziehende bieten nicht nur kostenlose Budgetberatung, sondern helfen auch ganz praktisch bei Anträgen und der Durchsetzung von Unterhaltsansprüchen. Erst wenn diese Grundlage geschaffen ist und Schulden vermieden oder abgebaut werden, entsteht nach und nach wieder der finanzielle und mentale Raum, um über den Aufbau eines ersten Notgroschens nachzudenken.

So kannst du entlastet werden

Wie hilft ein smartes Geld-System dabei, die täglichen Geldsorgen loszulassen?

Ein intelligentes Geld-System reduziert den täglichen Finanzstress, weil es Gewohnheiten automatisiert und dadurch weniger Willenskraft erfordert. Es nutzt das Prinzip: Was man nicht ständig sieht, beschäftigt einen auch weniger.

Das Herzstück bildet das sogenannte Drei-Konten-Modell. Sobald das Gehalt auf dem Girokonto eingeht, werden Fixkosten, Rücklagen auf dem Sparkonto sowie ein automatisierter Anlagebetrag beispielsweise in diversifizierte Kredite, Anleihen oder ETFs über automatisierte Investmentstrategien verteilt. Dafür sind keine laufenden Entscheidungen notwendig.

Wie viel Zeit brauche ich wirklich dafür?

Der entscheidende psychologische Effekt besteht darin, dass das verbleibende Geld auf dem Girokonto ohne schlechtes Gewissen für Konsum genutzt werden kann. Die wichtigen Ziele für Sicherheit und Zukunft wurden bereits automatisch berücksichtigt. Die Einrichtung eines solchen Systems erfordert zunächst etwas Zeit, um Verträge zu prüfen und Daueraufträge einzurichten. Im Alltag reduziert sich der Aufwand anschließend auf etwa 15 Minuten pro Monat. Dann genügt es, kurz zu kontrollieren, ob alle Buchungen korrekt ausgeführt wurden.

Wer sich stärker einbringen möchte, kann einzelne Investments prüfen, die Verteilung anpassen oder gezielt bestimmte Anlageklassen auswählen. Verschiedene Plattformen bieten dafür volle Transparenz und Kontrolle. Ein intelligentes Finanzsystem zeigt, dass erfolgreicher Vermögensaufbau für Frauen weder mathematisches Genie noch stundenlange Beschäftigung mit Finanzen voraussetzt. Entscheidend ist vielmehr eine einmal sinnvoll eingerichtete Struktur, die dauerhaft mentale Belastung reduziert.

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