…das schrieb uns unsere Leserin Tanja Landau, die ihre Mutter bis zuletzt gepflegt hat. Im zweiten Teil der Miniserie zu unserer Initiative «Care verdient mehr» kommen Menschen zu Wort, die älter werdende Angehörige in Krankheit und Sterben begleiten – auch unter zunehmendem Spardruck im Gesundheitswesen.
«Ich habe meine Mutter viele Jahre lang gepflegt. Nicht, weil es leicht war, sondern weil sie meine Mutter war. Weil ein Mensch, der einen ein Leben lang getragen hat, am Ende nicht allein gelassen werden darf. Vor zwei Wochen ist sie gestorben. Diese Jahre haben mich geprägt und mir gezeigt, wie bedeutend familiärer Zusammenhalt, Verantwortung und menschliche Nähe in schwierigen Lebensphasen sind.
Aber Pflege bedeutet nicht nur Waschen, Helfen oder Organisieren. Pflege bedeutet oft Verzicht: auf Schlaf, auf Freizeit, auf eigene Kraft. Viele Angehörige gehen dabei körperlich und seelisch an ihre Grenzen. Und trotzdem hält genau diese stille Pflege durch Familien unser System überhaupt noch zusammen. Über viele Jahre haben die Bedürfnisse meiner Mutter und die Verantwortung für sie einen großen Teil meines Alltags bestimmt. Immer stand die Frage im Raum: Braucht sie Hilfe, stehen wichtige Termine an? Oft war ich gedanklich bei meiner Mutter, selbst wenn ich einmal nicht vor Ort war. Die Verantwortung begleitet einen dauerhaft und endet nicht mit dem Verlassen der Wohnung.
Das ging an die Substanz. Es gab Phasen, in denen Sorgen, organisatorische Aufgaben und die ständige Erreichbarkeit viel Kraft gekostet haben. Die Pflege bedeutete nicht nur die praktische Unterstützung im Alltag, sondern auch emotionalen Einsatz über viele Jahre. Doch trotz aller Herausforderungen habe ich das nie nur als Belastung empfunden. Rückblickend bleibt vor allem die Gewissheit, für einen nahestehenden Menschen da gewesen zu sein.
Als meine Mutter am Ende ihres Lebens mehrfach ins Krankenhaus kam, haben wir als Angehörige das Spannungsfeld zwischen medizinischer Notwendigkeit und Kostendruck hautnah miterlebt. Dieses Gefühl werde ich nie vergessen. Das geht ausdrücklich nicht gegen einzelne Krankenhäuser, Ärztinnen, Ärzte oder Pflegekräfte, im Gegenteil: Ich habe dort viele engagierte Menschen erlebt. Dennoch ist mein Eindruck, dass die Rahmenbedingungen im Gesundheitswesen vielfach sehr herausfordernd sind – sowohl für die Patientinnen und Patienten als auch für die Mitarbeitenden. Aber meine Mutter war kein Kostenfaktor. Sie war ein Mensch. Ein Mensch mit einem ganzen Leben, mit Erinnerungen, Gefühlen, Arbeit und Liebe.
Ich frage mich: Warum soll immer gespart werden bei alten Menschen, bei Pflegebedürftigen und Kranken – aber nicht bei Milliardenvermögen? Warum wird von Angehörigen erwartet, jahrelang auf ihre Gesundheit und ihr Leben zu verzichten, während große Vermögen kaum stärker belastet werden?
Ich finde: Wer sehr viel hat, sollte auch mehr Verantwortung für diese Gesellschaft tragen. Durch gerechtere Steuern auf große Vermögen und hohe Erbschaften könnte man Pflegekräfte besser bezahlen, Angehörige entlasten und Krankenhäuser von diesem unmenschlichen Kostendruck befreien.
Es geht dabei nicht um Neid. Es geht um Würde. Um Menschlichkeit. Und um die Frage, in welcher Gesellschaft wir leben wollen. Denn jeder Mensch wird irgendwann alt, krank oder hilfsbedürftig. Ein reiches Land müsste in der Lage sein, alten Menschen ein würdiges Lebensende zu ermöglichen. Wie wir mit den Schwächsten umgehen, zeigt, wer wir wirklich sind.“
Tanja Landau, per E-Mail
«Ich bin nicht nur Pflegende, ich habe auch noch ein Leben!»
«Von 2013 bis 2025 hatte ich immer einen Pflegefall an Bord, obwohl ich immer berufstätig war, als Buchhändlerin in meiner eigenen Buchhandlung. Zwei alte Leute sind unter meinen Händen hohe 80 geworden und jeweils gut gestorben, den Dritten habe ich letzten Herbst ins Pflegeheim überstellt, weil man einen Bettlägerigen schlecht ins Hinterzimmer der Buchhandlung packen kann.
Das ist aber alles in Ordnung. Mein Punkt: Wenn man zu lange pflegt, muss man echt aufpassen, auch noch für die anderen Kompetenzen wahrgenommen zu werden. Ich war stets Buchhändlerin und Autorin, nicht: die Pflegende, die auch noch ein paar Stunden im Buchladen herumsitzt. Der zweite Punkt: Die Rücksichtnahme auf die räumliche Angebundenheit. Es hat mich früher massiv behindert, dass ich nicht reisen konnte. Die Pandemie war in dem Zusammenhang extrem förderlich; durch Zoom und Webex und all die anderen Formate konnte ich mich der Buchwelt wieder anschließen.»
Martina Bergmann (Autorin von «Mein Leben mit Martha», 2019, Eisele Verlag), per E-Mail
„Wir kümmern uns um den Großvater und um den Enkel“
«Mein Mann pflegt seinen 86-jährigen Vater, der Pflegegrad 3 hat, und gemeinsam pflegen wir unseren 21-jährigen Sohn, der aufgrund einer Corona-Infektion an ME/CFS erkrankt ist. Dadurch erleben wir jeden Tag zwei völlig unterschiedliche Pflegesituationen. Und wir stellen immer wieder fest, dass die Einteilung der Pflegegrade unserer Realität nicht gerecht wird. Liam braucht in vielen Momenten deutlich mehr Unterstützung, Begleitung und ständige Präsenz als sein Großvater – und dennoch wird das im System anders bewertet. ME/CFS ist in unserem Gesundheitssystem nicht vorgesehen.
Offiziell hat Liam Pflegegrad 2. Doch diese Zahl wird dem, was unser Leben tatsächlich bestimmt, kaum gerecht. Seine Beschwerden wechseln ständig, manchmal sogar innerhalb weniger Stunden. An manchen Tagen steht die extreme Erschöpfung im Vordergrund, an anderen die Übelkeit, das Herzrasen oder eine starke Reizüberflutung durch Licht, Geräusche oder Gespräche, usw. und manchmal sind alle Beschwerden gleichzeitig da. Dinge, die für andere Menschen selbstverständlich sind, können für Liam schnell zu viel werden. Das heißt, wir müssen permanent flexibel darauf reagieren können.
Pflege bedeutet für uns somit viel mehr als nur Unterstützung im klassischen Sinn. Pflege bedeutet, jederzeit dazusein und flexibel auf seinen Zustand zu reagieren. Wir kochen für ihn auf Abruf und bringen ihm das Essen ans Bett, damit er sich hier Energie sparen kann. Wir kümmern uns um seine Medikamente, halten sein Zimmer sauber und achten darauf, dass seine Umgebung ruhig und reizarm bleibt. Das alles ist nicht planbar und schwankt, sodass man dann putzen muss, wenn es ihm einigermaßen gut geht. Folglich kann man sich auch keine Putzhilfe holen, die einen hier entlasten könnte, denn die müsste auf Abruf bereitstehen, was ja nicht möglich ist.
Manchmal bedeutet Pflege auch, nachts wach zu sein. Liam ruft uns auch manchmal nachts über sein Handy an, wenn er Kreislaufprobleme hat, und dann ist man schnell mal zwei Stunden wach, kontrolliert engmaschig Puls und Blutdruck und geht erst wieder ins Bett, wenn die Lage wieder stabil ist.
Um diese Pflege überhaupt leisten zu können, habe ich meine Arbeit deutlich reduziert. Anders wäre es nicht möglich, Liam im Alltag so zu unterstützen, wie er es braucht. Dass wir das in dieser Form schaffen, liegt auch daran, dass mein Mann im Homeoffice arbeiten kann. Das ist für uns ein großes Glück, denn nur dadurch können wir uns im Alltag abwechseln und schnell reagieren, wenn Liam Unterstützung braucht. Ohne diese Möglichkeit müsste ich meine Arbeit vermutlich noch weiter reduzieren.
Hinzu kommt etwas, was man kaum in Zahlen oder Pflegegrade fassen kann: Es ist emotional nicht vergleichbar, das eigene junge Kind zu pflegen oder einen hochbetagten Menschen zu begleiten. Wenn ein Mensch mit 86 Jahren Hilfe braucht oder Dinge nicht mehr tun kann, gehört das in gewisser Weise zum natürlichen Lauf des Lebens. Aber seinen 21-jährigen Sohn so krank zu sehen, zu sehen, was ihm alles genommen wurde und wie sehr sein Leben eingeschränkt ist, ist emotional eine ganz andere, deutlich schwerere Belastung für die ganze Familie.»
Tanja Schal, per E-Mail
„Alle sollten dieselbe Unterstützung bekommen wie Beamte“
«Beamte sind durch ihre Beihilfe und ihre Pensionen in der Lage, sich die besten Pflegeheime zu leisten und bekommen finanziell großzügige Unterstützung. Das fordere ich für alle!»
Sabine Saur, per E-Mail
Quelle: .



