Fühlst du dich auch maßlos überfordert mit all der Auswahl und den Möglichkeiten, egal ob im Supermarkt oder im Leben? Das Phänomen nennt sich «Choice Overload», Entscheidungsüberlastung – und wird immer größer.
Mit 14 trug ich rote Riemchenballerinas, die ich in einem Laden in meiner Heimatstadt gekauft hatte, in dem es sehr viele Schuhe, aber nur ein Paar rote Riemchenballerinas gab. Meins. Diesen Herbst möchte ich genau solche Ballerinas wieder tragen, nur zwei Nummern größer.
Den Laden gibt es heute zwar nicht mehr, aber es gibt ja das Internet, denke ich, und beginne einen ausgiebigen Onlineshopping-Trip, der sich schnell als etwas zu ausgiebig herausstellt, denn: Rote Riemchenballerinas sind nicht mehr gleich rote Riemchenballerinas. Es gibt zinnoberrote, scharlachrote, feuerrote, welche aus Glattleder, Veloursleder oder Mesh, und als ich lese, dass es auch vegane Ballerinas aus Ananasfaser gibt, bin ich völlig am Ende.
Von der Entscheidungsüberlastung zur Entscheidungsmüdigkeit
Dabei wusste ich doch genau, was ich suche. Jetzt aber frage ich mich: Will ich überhaupt Ballerinas? Oder suche ich in Wahrheit Mary-Janes? Oder – Moment mal – Mokassins sind eigentlich auch nicht schlecht. Ich speichere 20 Paar Schuhe in meinem Warenkorb, nur um ihn wieder zu leeren, meinen Laptop genervt zuzuklappen und für den Rest des Abends auf meine ausgelatschten Turnschuhe im Flur zu schielen.
Was mir nicht nur beim Onlineshopping, sondern auch vor dem Marmeladenregal und der Mediathek passiert, nennt man Entscheidungsüberlastung. Ich könnte, dürfte, sollte, müsste – und mache am Ende gar nichts. Die Auswahlmöglichkeiten sind so gigantisch, dass wir selbst mit winzigen Entscheidungen überfordert sind. Langfristig gesehen kann daraus sogar eine Entscheidungsmüdigkeit werden: Dann möchte man gar nichts mehr entscheiden. Und statt einem Gefühl von Freiheit empfindet man bloß noch: Stress.
Choice Overload: Welcher Entscheidungstyp bist du?
«Das spiegelt die enorme Komplexität unseres ganz normalen Alltags wider», sagt Dr. Jennifer Musial von der Universität Duisburg-Essen. Sie beschäftigt sich in ihrer Forschung mit dem «Choice Overload» und weiß: «Bei der Entscheidungsauswahl geht es nicht bloß um die Anzahl an Produkten oder Möglichkeiten. Es geht auch um die einzelnen Produkteigenschaften, die wir vergleichen müssen. Und dieser Vergleichsprozess steigert sich ins Unermessliche.» Was in unseren Köpfen passiert, ist eine Überlastung des Arbeitsgedächtnisses. «Wir sind nur in der Lage, eine begrenzte Anzahl an Informationen vorübergehend im Arbeitsgedächtnis zu speichern. Bei zu vielen Möglichkeiten sind wir kognitiv überfordert.»
Dabei unterscheidet Musial zwischen zwei grundlegenden Entscheidungstypen: Besonders die sogenannten Maximizer haben mit zu vielen Möglichkeiten ihre Probleme, weil sie immer nach der besten Option streben. Ihnen gegenüber stehen die Satisficer: Sie geben sich mit einer Option zufrieden, die ihnen gut genug erscheint. «Das führt dazu, dass die Satisficer nach der Entscheidung oftmals viel entspannter, viel zufriedener sind», sagt Musial.
Wenn unser System einfach abstürzt
Viele Maximizer dagegen reagieren, wie ich, mit einem Kaufabbruch – das System stürzt ab, Überlastung. Danach geht es mir kurz besser, bis ich merke: Meine To-Do Liste ist nicht kürzer geworden, die Ballerinas stehen immer noch drauf. Ich bin frustriert. Andere Maximizer hätten sich trotz der Überforderung aus Zeitdruck vielleicht entschieden und empfänden nun Reue. «Nach der Entscheidung denken Maximizer ständig, dass ein anderes Produkt doch besser gewesen wäre. Vielleicht fängt man sogar an, nochmal zu recherchieren und empfindet großen Stress. Der Choice Overload hat dadurch auch eine emotionale Komponente, die auf psychologischer Ebene enorm belastend sein kann.»
Im Falle der Riemchenballerinas kann es helfen, die Produkteigenschaften zu filtern und sich klarzumachen: Was suche ich eigentlich? In meinem Fall hilft die Orientierung am konkreten Vorbild, dem Schuh von 2008. «Auch eine persönliche Empfehlung kann ein guter Anker oder eine kognitive Abkürzung sein», sagt Musial. «Es kann aber auch helfen, sich bewusst vor Augen zu führen, dass es nur um eine einzelne Entscheidung geht, die mein Leben vielleicht gar nicht so ganz schrecklich verändern wird. Und dass sie vielleicht auch nicht irreversibel ist. Das nimmt den Druck raus und schafft Distanz.“
Was möchte ich werden, wo möchte ich leben, wer möchte ich sein?
Aber was, wenn es nicht bloß um Orangen- oder Erdbeermarmelade geht, sondern um Fragen wie: Wie möchte ich leben, wer möchte ich sein, was möchte ich tun? Schließlich werden auch bei lebensverändernden Entscheidungen die Möglichkeiten immer mehr. Und wenn vieles möglich ist, muss ich dann immer den besten Weg gehen? Und was bitte ist der beste Weg? «Der grundlegenden Haltung des Maximizens ist das Konzept des Perfektionismus vorgelagert», sagt Musial. «Wer perfektionistisch veranlagt ist und danach strebt, bloß keine Fehler zu machen, den kann das Ganze richtig quälen.»
Früher war alles besser – dieser Gedanke schleicht sich bei mir ein, wenn ich mich an den einen Laden mit dem einen Paar Schuhe zurückerinnere. Dabei ist es ein Privileg, dass wir die Möglichkeit haben, die kleinsten Dinge – bis hin zu den ganz großen – aus einem riesigen Pool an Möglichkeiten wählen zu können. «Wir leben in einer Zeit und in einer Gesellschaft, in der es uns grundsätzlich erst mal an nichts fehlt. Die Freiheit, zu wählen, hatten wir nicht immer, viele Menschen auf der Welt haben sie gar nicht», erinnert Musial. Sich das vor Augen zu führen, kann den Fokus verändern – und verwandelt den Entscheidungsstress vielleicht nicht sofort in ein Gefühl von Freiheit, aber vielleicht in eines von Dankbarkeit.
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