Comfort Watching: Zum 10. Mal "Friends" – Warum ich immer wieder dieselbe Serie schaue

Tausende Serien stehen zur Auswahl. Und trotzdem landen wir immer wieder bei denselben alten Bekannten. Unsere Autorin hat «Friends» schon unzählige Male gesehen – und kann einfach nicht genug bekommen. Warum uns vertraute Serien so guttun.

Der Herbst ist da, die Tage werden kürzer, die Fernsehabende länger. Für mich gibt es nach einem stressigen Arbeitstag kaum etwas Schöneres, als mich mit einer Decke, einer Tasse Tee und der Fernbedienung aufs Sofa zu verkrümeln. Wäre da nicht eine Sache, die meiner wohlverdienten Entspannung regelmäßig im Weg steht: die Frage, was ich eigentlich schauen soll.

An Auswahl mangelt es jedenfalls nicht. Allein Netflix bietet in Deutschland laut Streaming-Guide JustWatch mehr als 3.000 Serien und über 5.000 Filme. Und weil ich meiner Serienleidenschaft nicht nur mit einem, sondern gleich mit mehreren Streaming-Abos fröne, ist die Auswahl praktisch grenzenlos.

Irgendwann bin ich fix und guckfertig, habe aber noch immer nichts gefunden, was zu meiner Stimmung passt. Bis ich wieder ganz nach oben scrolle, zur Kategorie «Noch einmal schauen». Und da wartet sie, meine alte Bekannte: «Friends». Zehn Staffeln, 236 Folgen und rund 85 Stunden New Yorker Großstadtcharme für Herbstmäuse wie mich. Mit Rachel, Monica, Phoebe, Ross, Joey und Chandler habe ich schließlich schon so manchen verregneten Abend verbracht. Ach, was soll’s. Klick, Folge eins!

Kenn ich schon, guck ich trotzdem

Was für mich «Friends» ist, ist für eine Freundin «Sex and the City», für einen Kollegen «The Office» und für gefühlt den halben Rest der Welt «Gilmore Girls» – die inoffizielle Königin aller Herbstserien. Fast alle haben diese eine Serie, zu der sie immer wieder zurückkehren, obwohl unzählige neue Geschichten auf ihre Entdeckung warten. 

Für dieses Phänomen gibt es sogar einen Namen: Comfort Watching (zu Deutsch etwa «Wohlfühl-Fernsehen»). Gemeint ist das bewusste Wiederanschauen vertrauter Filme und Serien, weil sie uns ein gutes Gefühl geben. Eine Art Comfort Food für die Augen, nur ohne anschließendes Food-Koma.

Aber warum zieht es uns so oft zurück zum Altbekannten? Und warum fühlt sich die zehnte Wiederholung manchmal sogar besser an als eine brandneue Serie?

Zu müde für einen neuen Plot

Ein Grund für meine abendliche Serien-Endlosschleife dürfte ziemlich banal sein: Nach einem Tag voller Mails, Meetings und To-do-Listen möchte ich nicht auch noch eine halbe Stunde damit verbringen, die perfekte Unterhaltung auszuwählen. Ich bin schlichtweg entscheidungsmüde.

Und selbst wenn die Wahl endlich getroffen ist, wartet die nächste Herausforderung: neue Figuren kennenlernen, Zusammenhänge verstehen, möglichst keine wichtige Wendung verpassen. Wer hat wen betrogen? Warum ist dieser Mann plötzlich verschwunden? Und waren das jetzt drei oder vier verschiedene Zeitebenen?

Bei «Friends» muss ich dagegen nicht mehr herausfinden, wer mit wem zusammen ist und warum Rachel schon wieder Liebeskummer hat. Das weiß ich längst. Die Handlung ist vertraut und mein Gehirn darf sich zurücklehnen.

Dass das mehr ist als eine persönliche Marotte, legt eine Studieder Psychologin Jaye Derrick von der University at Buffalo nahe. Sie fand heraus, dass Menschen gerade nach mental fordernden Tagen besonders gern in bekannte Serien- und Filmwelten eintauchen. Und das kann tatsächlich erholsam wirken: Die vertrauten Geschichten halfen den Studienteilnehmenden unter anderem dabei, negative Gefühle abzubauen und neue mentale Energie zu schöpfen.

Spoiler? Immer her damit!

Noch etwas macht alte Lieblingsserien so angenehm: Sie überraschen uns nicht. Klingt langweilig, ist aber manchmal genau das, was wir brauchen. Wir wissen, welche Katastrophen die Figuren erwarten, welche Paare zusammenfinden und dass am Ende meistens wieder alles halbwegs in Ordnung ist.

Diese Vorhersehbarkeit kann besonders in stressigen und unsicheren Phasen wohltuend sein. Während im echten Leben ständig etwas Unvorhergesehenes passieren kann, behalten wir beim Comfort Watching zumindest über die Handlung den Überblick. Das kann ein Gefühl von Sicherheit und Kontrolle vermitteln.

Praktischer Nebeneffekt: Wenn ich zwischendurch «nur mal kurz» aufs Handy schaue, muss ich nicht gleich fünf Minuten zurückspulen, weil ich den entscheidenden Plot-Twist verpasst habe. Wobei das keine Empfehlung fürs berüchtigte Double-Screening sein soll. Ich arbeite dran.

Alte Folgen, alte Gefühle

Bei mir kommt noch etwas hinzu: Wenn ich «Friends» einschalte, lande ich gedanklich oft wieder in meiner Studienzeit. Damals habe ich die Serie zum ersten Mal richtig durchgesuchtet. Und obwohl ich sie seither immer wieder gesehen habe, verbinde ich sie bis heute mit diesen Jahren: langen Abenden mit Freundinnen, Partys, Dates und einer Zeit, in der sich vieles noch ziemlich offen anfühlte.

Und genau das macht Comfort Watching für viele Menschen so besonders. Wir schauen nicht nur unseren Lieblingsfiguren zu, sondern erinnern uns nebenbei an unser eigenes Leben. An die erste eigene Wohnung, eine vergangene Beziehung oder die Nachmittage, an denen wir nach der Schule vor dem Fernseher saßen. Manchmal genügt schon eine vertraute Titelmelodie für eine kleine Zeitreise.

Solche nostalgischen Erinnerungen können positive Gefühle auslösen und unser Wohlbefinden unterstützen. Die Serie wird gewissermaßen zum persönlichen Fotoalbum – nur mit deutlich mehr Episoden und gutem Soundtrack inklusive.

Meine «Friends» sind immer für mich da

Und dann ist da noch dieses Gefühl, die Figuren persönlich zu kennen. Schließlich habe ich über Jahre so viel Zeit mit ihnen verbracht, dass mir Monicas Kontrollzwang, Phoebes schräge Einfälle und Chandlers schlechte Witze fast so vertraut sind wie die Eigenheiten meiner echten Freunde. Nur dass die sechs aus New York immer Zeit für mich haben. Und niemand beleidigt ist, wenn ich mich zwei Wochen nicht melde.

Die Psychologie spricht hier von parasozialen Beziehungen: einseitigen Bindungen, die wir zu Medienfiguren aufbauen. Dass diese durchaus positive Effekte haben können, zeigte eine Untersuchung aus dem Jahr 2009. Die Daten lieferten Hinweise darauf, dass Lieblingsserien unser Gefühl von Zugehörigkeit stärken und Einsamkeitsgefühle abmildern können. 

Natürlich ersetzen Serienfiguren keine echten Freundschaften. Aber sie können uns für eine Weile das Gefühl geben, in vertrauter Gesellschaft zu sein.

Wohlfühlen auf Wiederholung

Comfort Watching ist also keineswegs bloß ein Zeichen mangelnder Abenteuerlust. Es kann uns helfen, abzuschalten, schöne Erinnerungen hervorzuholen und nach einem langen Tag runterzukommen. Eine kleine Form der emotionalen Selbstfürsorge, gewissermaßen. Nur mit weniger Aufwand als Yoga und ohne dass man dafür das Sofa verlassen muss.

Problematisch wird es höchstens, wenn aus der gelegentlichen Wohlfühlfolge regelmäßig eine durchwachte Nacht wird oder wir uns so sehr in unsere Serienwelten zurückziehen, dass das echte Leben zu kurz kommt.

Ich jedenfalls finde, dass ich meine vielen Streaming-Abos ruhig mal wieder für etwas Neues nutzen könnte. Schließlich gibt es da draußen noch jede Menge großartige Serien zu entdecken. Vielleicht schaue ich gleich mal, was Netflix mir unter «Weil Sie ‚Friends‘ angesehen haben» empfiehlt.

Aber erst noch eine Folge. Die, in der Ross und Rachel endlich zusammenkommen – einfach zu schön!

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