Unsere Modekollegin Merle Nolting ist immer auf der Suche nach Design-Schnäppchen und weiß, wie man sichergeht, beim Onlinekauf nicht auf Fälschungen hereinzufallen.
Ich habe schon Haltestellen verpasst und die Nächte durchgemacht, weil ich online nach ganz bestimmten Vintage-Traumteilen jagen musste. Nichts hält bei den Schmetterlingen mit, die ich im Bauch spüre, wenn ich kurz davor bin, das Designerstück zu einem unschlagbaren Preis zu bekommen. Oder – sogar noch besser – eine ausverkaufte Rarität. Im Moment ist das Objekt meiner Begierde etwa eine Tasche von Marc Jacobs aus den Nullerjahren. Problem: Die Produktion der «Stam Bag» wurde vor über zehn Jahren eingestellt und es gibt nur noch eine Re-Edition in einer viel geringeren Farbauswahl für stolze 1800 Euro zu kaufen.
Der Secondhand-Markt im Netz ist also die einzige Chance auf meine taupefarbene Schönheit. Los geht’s: suchen, hoffen, verhandeln, dabei im wahren Leben auf die Haltestelle achten (!) und irgendwann mit gehörigem Bauchkribbeln auf «kaufen» klicken. Klingt eigentlich ganz easy, nur hat der Spaß eine Schwachstelle: Der Markt für gefälschte Designer- und Markenartikel boomt. Besonders betroffen sind Handtaschen, Sneaker sowie Kleidung und Accessoires mit Logo-Print.
3, 2, 1 … reingelegt?
In einer Umfrage unter großen Firmen gaben fast zwei Drittel an, dass Fakes ihrer Produkte über den Onlinehandel in Umlauf geraten. Größtenteils stammen diese Fälschungen aus China, der Türkei und Hongkong, unterliegen also nicht den gängigen EU-Vorgaben. Sprich, sie werden unter ausbeuterischen Bedingungen produziert, oftmals ist sogar Kinderarbeit im Spiel. Von den nicht erfüllten Produkt-Standards ganz zu schweigen: Eine vom NDR beauftragte Laboranalyse ergab, dass viele der gefälschten Kleidungsstücke krebserregende Chemikalien, hormonell wirksame Substanzen und Allergene enthalten, «oftmals weit über den gesetzlichen Grenzwerten». Puh. Hier geht es nicht mehr um einen minderwertigen Reißverschluss, der nach drei Tagen kaputt ist, sondern tatsächlich um die eigene Gesundheit.
Ich möchte im Nachhinein lieber nicht wissen, was ich da wohl am Leib trug, als ich im Teeniealter ein gefälschtes «Hollister»-T-Shirt aus dem Urlaub mitbrachte. Was ich weiß: Ich entschied mich mit voller Absicht dafür, eine Kopie zu kaufen. Das Original war mir einfach zu teuer, der Trend riesengroß. Es wundert daher nicht, dass fast ein Fünftel der befragten jungen Erwachsenen laut einer Studie des Amts der Europäischen Union für geistiges Eigentum (EUIPO) schon gefälschte Modeartikel gewählt hat. Die Nachfrage nach den Fakes ist da, und der Kauf oder Besitz ist nicht strafbar. Doch viele Mode-Fans werden unwissentlich übers Ohr gehauen. Die Plagiate sind teils so gut gemacht, dass sie für den Laien kaum vom Original zu unterscheiden sind. Diese sogenannten Superfakes betreffen besonders Handtaschen von Louis Vuitton, Prada, Gucci und Chanel.
Drum prüfe, wer was Echtes will …
Wenn ich auf dem Flohmarkt, meinem Offline-Jagdgrund, mit der Verkäuferin plaudere und merke, wie schwer es ihr fällt, mir den knallorangen Mohairpulli von Dorothee Schumacher zu verkaufen, ist mir das Echtheitsbeweis genug. In der Anonymität des Internets kann man sich leider nicht so einfach auf das Bauchgefühl verlassen.

Wie erkenne ich also, ob ich es mit einem Fake zu tun habe? Noch dazu, ohne das Produkt in der Hand zu haben und es im Zweifel nach dem Kauf auch nicht zurückgeben zu können?
Dafür gibt es zum Glück eine verlässliche Lösung: Die großen Re-Selling-Plattformen wie Ebay, Vinted oder Vestiaire Collective haben der Schwemme an Plagiaten den Kampf angesagt und bieten hausinterne Prüfservices an. Für einige Produktgruppen wie Handtaschen, Luxus-Uhren und Schmuck ist diese Echtheitszertifizierung sogar die Voraussetzung, um überhaupt verkaufen zu können. Das schafft Transparenz und macht es den Fälschern zunehmend schwer, ihre Fake-Ware im Internet loszuwerden.
Detektiv-Arbeit im Zeichen der Mode
Sieht man den Profis in den Zertifizierungszentren bei der Arbeit zu, fühlt man sich wie in einem Kriminallabor: Mit Lupen, UV-Lampen und genauesten Messgeräten suchen sie systematisch nach Hinweisen, die klar für oder gegen die Authentizität des Artikels sprechen. Aber auch Mängel am Original werden identifiziert. «Ich erhielt die Meldung, dass die Louis-Vuitton-Tasche, die ich bestellen wollte, zwar echt war, aber ein Detail an der Hardware fehlte», berichtet Leonie Weiß, die auf ihrem Instagram-Account (@leonacathrina) regelmäßig ihre neuesten Online-Schnäppchen präsentiert. Mit dieser Info konnte Leonie sich auf den letzten Metern noch problemlos gegen den Kauf entscheiden.
Sollte ich also bald meine Traumtasche finden, kann ich mit gutem Gefühl auf «kaufen» klicken und bekomme endlich wieder genügend Schlaf.
Warum eine Echtheitsprüfung?
Kein Risiko, durch den versehentlichen Kauf einer Fälschung viel Geld zu verlieren. Möglichkeit vom Kauf zurückzutreten. … und Verkäuferin Vertrauensbooster! Das ergibt oft mehr Nachfrage, Stammkundschaft und bessere Preise.

Wie sieht das Prozedere genau aus?
Kirsty Keoghan: Nach dem Kauf wird das Produkt zunächst an uns geschickt. Im Prüfzentrum checken Expert:innen innerhalb von zwei Werktagen genau, ob das Piece authentisch ist und die Angaben in der Artikelbeschreibung stimmen. Passt alles, bekommt es das Echtheitszertifikat und wird erst dann an den oder die Käufer:in weitergeschickt. Luxusuhren gleichen wir außerdem seit Kurzem mit Enquirus ab, dem weltweit größten Register für gestohlene und verlorene Uhren – für noch mehr Sicherheit!
Wer entscheidet, ob ein Artikel geprüft wird – Kaufende, Verkaufende oder eBay?
Je nach Kategorie wird ab einem bestimmten Verkaufspreis automatisch die Echtheitsprüfung von uns angestoßen. Das ist für beide Seiten gebührenfrei. Bei Artikeln, die günstiger sind, können Käufer:innen den Service optional gegen einen kleinen Aufpreis dazu buchen, um sicher zu sein.
Für welche Artikel gibt es die Möglichkeit der Echtheitszertifizierung?
Wir authentifizieren mittlerweile quasi von Kopf bis Fuß: Kleidung, Taschen, Schmuck, Uhren, Schuhe …
Ich habe eine bestimmte Designertasche im Auge. Was sind dabei die Prüfkriterien?
Hier schauen unsere Profis in einem mehrstufigen Prozess genau hin. Sie checken die Tasche visuell und physisch anhand Dutzender Punkte: Stimmen Material, Form, Muster, Farbe und Zubehör? Wir setzen zudem auf eine Kombination aus Technologie und menschlicher Erfahrung.
Könnte man das mit ein bisschen Recherche nicht auch selbst erkennen?
Wenn man sich extrem gut auskennt, fallen einem vielleicht offensichtliche Fehler auf. Aber Fälschungen sind heute oft unfassbar gut gemacht. Um einen Artikel zu authentifizieren, braucht es wirklich dieses tiefe Expert:innenwissen, den täglichen Umgang mit Originalen und die entsprechenden technischen Hilfsmittel.
Woran erkenne ich beim Stöbern, dass ein Artikel geprüft wird?
Bei eBay machen wir das durch ein blaues Häkchen kenntlich.
Quelle: Mode



