Eine Studie belegt : Junge Menschen fühlen sich durch die Wahl ihrer Outfits bewertet

Im Netz ist ein neuer Begriff aufgetaucht: Die sogenannte “Outfit Anxiety“. Alle sprechen darüber – aber was steckt eigentlich dahinter?  

Dass die Millennials und die Gen Z anders ticken als die Generationen davor, ist bekannt. Doch eine Sache hat sich besonders verändert: Junge Menschen kämpfen heute mit ganz neuen Ängsten. “Social Anxiety“, «Fomo» (Fear of Missing Out – zu Deutsch: die Angst etwas zu verpassen) oder “Cringe Anxiety“ zählen zu den gängigen Begriffen ihrer Generation. Sie haben also Angst, vor der sozialen Überforderung, wenn man zu viel dabei ist, wenn man nicht dabei ist oder wenn man dabei ist und sich vermeintlich “komisch“ oder “unbeholfen“ verhält. Als wäre das noch nicht genug, ist jetzt ganz frisch eine weitere Angst aufgetaucht, die das Netz unsicher macht: die sogenannte “Outfit Anxiety“

Was bedeutet «Outfit Anxiety»?

Die neue Begrifflichkeit besitzt eine doppelte Dynamik: Einerseits beschreibt sie das Phänomen der Überforderung und mentalen Belastung, die junge Menschen erleiden, wenn sie entscheiden sollen, was sie anziehen. Auf der anderen Seite – und untrennbar damit verbunden – drückt sie die Angst aus, wie der gestylte Look auf andere wirkt. Diese problematische Entwicklung zeigt auch eine Studie von H&M, für die 1000 Deutsche zwischen 18 und 35 Jahren befragt wurden: 54 Prozent geben an, das Gefühl zu haben, aufgrund ihrer Kleidung von anderen beurteilt zu werden. Paradoxerweise ergibt sich aus der gleichen Studie, dass 75 Prozent der Befragten mit Mode ihr Selbstvertrauen stärken. Damit drängt sich die Frage auf, wie es möglich ist, dass durch Kleidung so starke Unsicherheiten geschürt werden und sie gleichzeitig als psychologischer Booster dient.

© Jason McCawley

Der modische Druck in der digitalen Welt 

Während frühere Generationen noch rein analog aufwuchsen, gingen die späten Millennials als erste Teenager mit einem eigenen Handy und Internet in die Geschichte ein. Damit etablierten sich auch die ersten sozialen Netzwerke wie MySpace oder Facebook. Sie schufen einen neuen digitalen Raum, in dem plötzlich alles geteilt wurde. Mittlerweile spielt sich ein Großteil des gesellschaftlichen Lebens auf solchen Social-Media-Plattformen ab – und diese lieben vor allem eins: Mode. Kleidung spielt in der virtuellen Welt, in der die physische soziale Interaktion auf ein Minimum reduziert ist, eine übergeordnete Rolle. Permanent teilt man Outfits mit den Follower:innen. Dabei ist es gar nicht so leicht, die richtige Balance zu finden: Auf der einen Seite sollen die Looks trendbewusst sein, auf der anderen Seite ist bloßes Kopieren verpönt. Kreativität und Individualität sind gefragt – aber bitte nicht zu viel davon. Gefällt ein Look, hagelt es Likes und positive Kommentare, die das Selbstvertrauen stärken. Gefällt er nicht, bleiben sie aus, was einer digitalen Bestrafung gleichkommt. Bis die ersten Reaktionen jedoch eintreffen und für Klarheit sorgen, lebt man im Ungewissen, ob man den modischen Nerv getroffen hat.

Trends auf der Überholspur 

Eine weitere Nebenerscheinung der sozialen Netzwerke ist die extreme Schnelllebigkeit von Trends. Heutzutage taucht ein Großteil der Trends aus dem Nichts auf und verschwindet so still und leise, wie er gekommen ist. Ländergrenzen existieren durch die zahlreichen Verbindungen im Internet kaum mehr: Aus jedem Kulturkreis entspringen permanent neue Strömungen, die es auf die internationale digitale Bühne schaffen. So ist es kaum möglich, den Überblick darüber zu behalten, welcher Trend aktuell ist. Die Entscheidung, ob das, was man trägt, noch in oder schon wieder out ist, ist damit eine tägliche Herausforderung.

Zwischen Hype und Reizüberflutung

Außerdem hat sich die Überschaubarkeit der Modewelt grundlegend verändert. Während man damals mit dem Tragen einer der vergleichsweise wenigen angesagten Marken als «trendig“ galt, ist die Orientierung mittlerweile etwas schwieriger. Durch das Internet hat nahezu jede Marke die Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen. In Kombination mit den grenzenlosen Möglichkeiten des Online-Handels hat dies zu einer kaum überschaubaren Vielzahl neuer Modelabels geführt. Viele von ihnen werben damit, den nächsten großen Trend für den Kleiderschrank anzubieten. Auch die Orientierungspunkte haben sich verschoben: Früher lebten einzelne It-Girls wie Paris Hilton oder Nicole Richie in Magazinen vor, was angesagt ist. Heute übernehmen die Funktion der Stilvorbilder immer häufiger Influencer:innen, die ihre Follower:innen in ihren unzähligen Videos direkt ansprechen. Wann es sich dabei aber um einen geschickten Werbedeal und wann um eine echte Empfehlung handelt, ist kaum mehr ersichtlich. Bei dieser durchgehenden Konfrontation neuer «Must-haves» ist es nicht verwunderlich, dass es schnell zu einer Reizüberflutung und Orientierungsschwierigkeit kommen kann, die die Entstehung der «Outfit-Anxiety» begünstigen.

It-Girl Paris Hilton inspirierte in den frühen 2000ern mit ihren ikonischen Looks. 
It-Girl Paris Hilton inspirierte in den frühen 2000ern mit ihren ikonischen Looks.
© Avalon.red

Und jetzt? 

Das Phänomen der «Outfit-Anxiety“ spiegelt damit eine wichtige gesellschaftliche Entwicklung wider, die sich besonders in den jüngeren Generationen deutlich abzeichnet. Zwischen Social Media, schnelllebigen Trends und unzähligen Kaufanreizen wird es immer schwieriger, sich einfach anzuziehen, ohne darüber nachzudenken, wie andere darauf reagieren könnten. Umso wichtiger ist es, sich ab und an daran zu erinnern, dass Mode Spaß machen soll. Macht es das einmal nicht, ist es immer eine gute Option, das Handy wegzulegen und sich treue Basics anzuziehen, in denen man sich nie unwohl fühlt.

Verwendete Quellen: Watson.de

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