Endlich unnütz: Warum ich mich nicht länger über mein Kümmern definiere

Unsere Autorin kümmerte sich jahrelang um Kinder, Partner und alte Eltern – wie so viele Frauen. Aber was kommt eigentlich danach? Wer ist man, wenn man sich nicht kümmert?

Bis ich nicht mehr gebraucht wurde, dachte ich, das Anstrengendste wäre, permanent von allen gebraucht zu werden. Dann wurden meine Kinder erwachsen.

Sie haben jetzt eigene Leben, Berufe, Haushalte, und ich bin kurz davor, mir einen Hund anzuschaffen; vielleicht sogar einen Mann. Fühle mich versucht, mich wieder nützlich zu machen, wie ich es ein Frauenleben lang gelernt und praktiziert habe. 

Oder – und dazu bin ich jetzt entschlossen – daran zu arbeiten, dass selektive Nutzlosigkeit eine der besten, selbstbestimmtesten Phasen werden kann. So, wie ich einst mit meinen Freunden Schluss gemacht habe, sobald ich das Gefühl hatte, sie könnten mit mir Schluss machen, will ich mich unnützlich machen, ehe andere entscheiden, dass ich es bin. Entering my useless-Ära: Die längste Me-Time meines Lebens.

Ausstieg aus der Sekte der Nützlichen

Sich nach über fünfzig Jahren Dienstbarkeit seinen Gebrauchtwert zu entziehen, ist allerdings derart schwer, als ob man aus einer Sekte austritt, deren fanatischster Prediger sowie aktivster Jünger ich war. Wie liebenswert bleibe ich als neuerweckte Nichtsnutzin – für mich selber wie für meine Mitmenschen?

Der Psychoanalytiker Donald Winnicott unterscheidet zwischen dem falschen Selbst, das sich organisiert, um die Bedürfnisse anderer zu erfüllen, und dem wahren Selbst, das einfach ist, unabhängig von einer Funktion. Besonders Frauen bauen durch frühe Sozialisation zur Fürsorglichkeit ihr Selbstwertgefühl stark auf dem falschen Selbst auf: Ich bin wertvoll, weil ich nützlich bin. Das funktioniert, solange man gebraucht wird. Fällt die Funktion weg – Kinder werden flügge, pflegebedürftige Eltern sterben, der eigene Körper altert, die berufliche Rolle endet – bricht diese Quelle von Selbstwert weg. Und damit ein großer Teil des eigenen Lebens.

Kernschmelze vor der Eistruhe

Als mein Sohn mit 22 Jahren ausgezogen war, freute ich mich anfänglich über verantwortungslose, aufgeräumte Tage und Nächte. Dann kam der erste große Wochenendeinkauf. Im Supermarkt warf ich reflexartig lauter Sachen in den Wagen, die ich nie essen würde: Oh, diese Salamisticks, da wird er sich freuen, ach guck, diese völlig überteuerte Eissorte mit dem rohen Keksteig liebt er, ist im Angebot … und ganz plötzlich überkam mich eine emotionale Kernschmelze. 

Schlagartig fiel mir wieder ein, dass dieses Mal keiner in der Wohnungstür stehen würde, wenn ich Sturm klingelte, um mir die Tüten abzunehmen und in der Küche nach freudigen Überraschungen für sich zu durchsuchen. Mich verließ jede Energie. Ich stand mit hängenden Armen wie ein verlassenes Kind vor der verdammten Eistruhe und weinte. Ließ den Einkaufswagen einfach stehen und ging nach Hause, wo niemand was von mir wollte. Musste erst  alltäglich lernen, mein Eigenleben aus dem bisherigen Familienleben zu bergen.

Simone de Beauvoir hat schon in «Das andere Geschlecht» beschrieben, dass die Frau kulturell nie als autonom gedacht wurde, sondern als Funktion für andere. Ihr gesellschaftlicher Wert bestehe in Fruchtbarkeit, Gebärfähigkeit, Fürsorgefähigkeit, Attraktivität. Da ich altersgerecht keine Kinder mehr kriegen kann, bin ich, brutal gesagt, sogar für Übermutter Natur nutzlos geworden. 

Die panische Reaktion der Gesellschaft darauf: Jetzt bloß nicht die Hände in den Schoß legen, berufliche Zusatzaufgaben übernehmen, später im Rentenalter auf jeden Fall noch einen ehrenamtlichen Job und seine Daseinsberechtigung bei der Betreuung von potenziellen Enkeln erneuern! Sogar ein verpflichtendes „Soziales Jahr oder Verteidigungsdienst“ für Rentner forderte 2025 Ökonom Marcel Fratzscher.

Trümmerfrau, Powerfrau, Pflichtfrau

Ohne Fleiß kein Preis – trotz Fleiß aber auch keiner: Dafür wird Nützlichkeit moralisch und religiös erhöht. Für mich als Tochter von Kriegskindern bedeutete Weiblichkeit sowieso immer zupackende Trümmerfraulichkeit. «Mach dich mal nützlich!», «Hast du nichts zu tun?», «Langes Fädchen, faules Mädchen». 

Dazu kommt, dass ich der Generation von Frauen angehöre, denen die Lüge der Vereinbarkeit von Kindern und Karriere als Privileg verkauft worden ist; als Nachweis ihrer Emanzipation. Aber aus «alles kann» wurde schnell «alles muss»: So konnten wir nicht nur in unserer Rolle als perfekte Mutter versagen, sondern auch als perfekte Angestellte und Unternehmerin, als sexy Gattin, Haushaltsmanagerin, durchtrainierte Freizeitsportlerin. 

Dass die feministische Kaiserin unter ihrem tonnenschweren frauenpolitischen Prunkmantel aus beruflichen und privaten Überstunden komplett nackt und chronisch übermüdet war, verschwiegen wir aus Scham. Strengten uns noch mehr an, weil „alle anderen“ es offensichtlich auch hinkriegten. Wer mal länger nutzlos für andere sein wollte, musste dafür schon eine Depression bekommen – und selbst da hatte man dann überwiegend die Rolle der hochfunktionalen Depressiven. Wer hätte sich sonst um alle gekümmert? 

Das große Nutzlos als verdiente Freiheit

Höchste Zeit, mir einen Außer-Dienstplan zu erstellen. Ja, theoretisch weiß ich, dass Menschen keine Maschinen sind und qua Geburt Existenzberechtigung und Würde besitzen. Praktisch muss ich verinnerlichen, dass das große Nutzlos weder wert- noch sinnlos ist, sondern verdiente Freiheit: nämlich die, selber entscheiden zu können, wieviel, wann und wem ich von Nutzen sein will. 

Als Erkenntnisse und Geschichten noch nicht durch Schrift festgehalten und weitergegeben wurden, hatten ältere Menschen enormen sozialen Wert als lebende Wissensspeicher. Sie wussten die guten Jagdreviere, Heilmethoden, Mythen; kannten essbare Pflanzen und Wetterwechsel. Waren Gedächtnis und Gewissen ihrer Gesellschaft. Auch ich wäre liebend gerne als «weise Alte» nützlich für kommende Generationen. 

Doch die Digital Natives haben dafür so viel Bedarf wie an einem Kaffeeservice samt Sahnegießer und Zuckerdose für zwölf Personen. Vom Liebeskummer bis zum Mauerfall – egal, wie viel ich weiß, KI weiß mehr. Aber sie hat weder etwas sinnlich erlebt, noch meine emotionale Intelligenz. «Lebenserfahrung wird zu wenig geschätzt», sagt auch Psychologe Leon Windscheid, 37, der zusammen mit Comedian Atze Schröder, 60, den psychologischen Podcast «Betreutes Fühlen» macht. «Du hast einen Wert, einfach weil du da bist.» 

Vom Human Doing zum Human Being

Weil ich es mir wert bin, schaffe ich mir jetzt jeden Tag «Glimmer»-Momente: Mache mir in aller Ruhe meinen Espresso und dabei meine Morgengedanken, kaufe mir selbst Blumen, treffe nutzlose Freunde statt zu netzwerken, gehe in die Natur, beobachte das Spiel von Licht und Schatten, das die Blätter der Platanen vor meinem Fenster auf die Vorhänge projizieren, tue all das, was die Freude am Leben erhält. Ich fotografiere Hunde, die vor dem Supermarkt auf Herrchen oder Frauchen warten. Ihre Gesichter erzählen Geschichten von Liebe, Verlustangst, Hoffnung. Hundert Prozent unnütz sind diese Bilder, aber mich machen sie glücklich.

Somit habe ich eine Ausbildung in Eigennutz meines kostbaren Lebens angefangen. Habe das Gefühl, die Aus-, und Rückbildung vom «Human Doing» zum «Human Being» könnte der wichtigste Karriereschritt meines Lebens werden. Und vielleicht ist Es-reicht-tum der wahre Reichtum.

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