Die Autorin Alexandra Zykunov versucht, ihren Sohn und ihre Tochter gleichberechtigt zu erziehen. Eigentlich eine tolle Idee – wenn nur der Alltag nicht ständig dazwischenkommen würde.
Da denkst du, du machst es einigermaßen richtig: Erzählst der Tochter, dass sie später alles werden kann, was sie will, und raufen, fluchen und mit löchrigen Jeans nach Hause kommen darf. Auch dem Sohn liegst du in den Ohren, dass er weinen darf, kuscheln, backen und sich als Prinzessin verkleiden, wenn er es denn möchte. Und dann erklärt er dir eines Tages, dass er doch lieber wie sein Fußballidol werden möchte – dem Gewalt gegen Frauen vorgeworfen wird. Oder gleich Gangsta-Rapper.
Und du möchtest am liebsten alles hinschmeißen. Kommt man mit feministischer Erziehung heute überhaupt gegen den ganzen YouTube-Social-Media-Wahnsinn an?
Meine Tochter will nur Barbies, Rosa und Glitzer – was habe ich falsch gemacht?
Klare Antwort: gar nichts. Ziel feministischer Erziehung ist ja nicht, den Söhnen alle Autos, Fußbälle und Schwerter wegzunehmen und sie stattdessen den Töchtern in die Hände zu drücken, während man ihnen wiederum wie so ein Gender-Grinch alle Barbies, Glitzerröcke und Teeservices klaut. Es bedeutet viel mehr, allen Geschlechtern alle Spielsachen anzubieten. Und wenn wir allen alles anbieten, kann es schon mal passieren, dass die Tochter – und zwar meine – nur noch Barbies will. Anatomisch unmögliche, oberdünne, atombrüstige Barbies.
Das heißt aber nicht, dass sie damit schon ihre Tradwifekarriere plant. Denn erstens ist so eine Rosa-Hellblau-Phase im Kindergartenalter völlig normal. Kitakinder beobachten einfach sehr genau und werden dann oft selbst zu den strengsten Wächter:innen rollenkonformen Verhaltens. Ab der Grundschule verwächst sich das oft wieder. Und zweitens sollten wir verstehen, dass wir mit dem gut gemeinten Rosa-Embargo ungewollt selbst sexistische Klischees befeuern.

Wie meine ich das?
Wenn wir unseren Töchtern mit den besten Absichten vermitteln, sie sollten sich mehr «wie Jungs» benehmen, raufen und kleiden, sagen wir ihnen damit auch, dass das Leben von eben diesen Jungs und später Männern der Maßstab schlechthin ist: «Kletter wie ein Junge, sei wild wie ein Junge, sag deine Meinung wie ein Junge» – alles richtig und wichtig, nur wohin führt das? «Wirf wie ein Junge, renn wie ein Junge – (Na, tut es schon weh?) –, unterbrich wie ein Junge oder später auch Mann, reiße Witze wie ein Mann, mach Karriere auf Kosten anderer Frauen wie ein Mann, kümmere dich nicht um Babys, Alte oder Care-Arbeit wie ein Mann, gehe seltener zum Arzt, sprich nie über deine Gefühle und führe ein aggressiveres, einsameres und gefährlicheres Leben wie ein Mann.»
Klar, überspitze ich jetzt ein bisschen. Trotzdem sollten wir uns fragen, ob wir mit dieser Rosa-Aversion in den Kinderzimmern nicht im Umkehrschluss ungewollt alles «Mädchenhafte» abwerten. Und ob unser Ziel für 40 Millionen Mädchen und Frauen wirklich sein sollte, mehr wie ein Junge und Mann zu leben, oder – wenn wir schon so pauschal argumentieren – ob nicht lieber 40 Millionen Jungen und Männer sich mehr wie Mädchen und Frauen verhalten sollten. Ich sag’s ja nur.
Wie erkläre ich meinem Sohn das Patriarchat so, dass er sich nicht vorverurteilt fühlt?
«Hallo Alexandra», schrieb mir eine Mutter, «mein Sohn ist zehn, ich erziehe ihn feministisch, kläre auf. Letztens fing er an zu weinen und sagte: ‚Mama, ich werde auch ein Mann und ich bin nicht schuld, aber ich fühle mich immer schlecht, wenn du mir solche Zusammenhänge erklärst! Magst du keine Jungs?'» Oh, wie ich diese Nachricht fühle! Schließlich brauchen wir im Kampf um Gleichberechtigung Jungs und Männer doch genauso. Und so frage auch ich mich: Überfordere ich meinen 13-jährigen Sohn mit all meinen Übersetzungen misogyner Raptexte, mit meinem chronischen Auf-Pause-drücken-und-Erklären, warum der Prinz die Prinzessin nicht ungefragt hätte küssen dürfen, und mit meinen Sonntagsreden, wie vielen WM-Spielern aktuell häusliche Gewalt vorgeworfen wird? An alle «Boy-Moms», denen es genauso geht:
Erstens: «Mein Sohn ist kein Alpha-Bro, mein Sohn ist kein Alpha-Bro» – ein Satz, den ich mantramäßig immer wieder runterbete, wenn er seine prügelnden Lieblingsfußballer mal wieder zu verteidigen versucht. Oder mir erklärt, dass nur weil sein Lieblingsrapper frauenverachtend singt, das nicht heißt, dass er auch frauenverachtend ist. «Er ist ein Kind, er ist ein Kind», murmele ich dann vor mich hin, er hat (noch) keiner Frau hinterher gepfiffen, hat keine Karrieren auf dem Rücken von Frauen aufgebaut und sie auch nicht mit all der Care-Arbeit zu Hause sitzen lassen. Unsere Söhne sind immer noch Kinder und hatten durch das Patriarchat bisher eher Nachteile als Vorteile – diesen Nährboden sollten wir unbedingt klug ausnutzen.
Zweitens: Den Fokus nicht nur darauf legen, was Jungs nicht machen dürfen («Pfeife keinem Mädchen hinterher, unterbrich sie nicht» etc.), sondern betonen, was sie sehr wohl tun dürfen: «Mit Kumpels kuscheln, Freude spüren, Mitgefühl und Verbundenheit. Du musst nicht immer stark sein, darfst zweifeln, um Hilfe bitten und vieles mehr, das all den Papas und Opas früher nicht erlaubt war – dir aber schon.»
Drittens: Nicht schon jetzt Angst haben, dass Söhne später automatisch zu «toxischen Männern» werden, sondern sich klarmachen, dass alle Kinder von Natur aus fürsorgliche Wesen sein wollen. Und wenn wir gerade unseren Söhnen stets empathisch, fürsorglich und vor allem gewaltfrei begegnen, trauen sie sich später auch viel eher, sexistische Inhalte auf Social Media oder gewaltverherrlichende «Jokes» ihrer Kumpels zu hinterfragen.
«Ich will nicht mit ihr spielen, sie ist so dick»
Ja, diesen Satz knallte mir meine damals fünfjährige Tochter auf dem Spielplatz vor den Latz. Und ja, ich wäre am liebsten im Sandkasten versunken. Denn leider ist es egal, wie viele Bücher, Spielsachen und Filme mit diversen Heldinnen und Helden, Hautfarben und Körperbildern wir anbieten (womit wir trotzdem nicht aufhören sollten) – spätestens mit fünf haben sie typische Diskriminierungen klar verinnerlicht. Studien zeigen sogar, dass schon Wickelkinder (!) mit schlanken Personen lieber spielen als mit dicken.
Wie kommt man dagegen an?
Keine Komplimente: Erwachsene loben auch heute noch kleine Mädchen mehr fürs Aussehen, Jungs für Taten. Hier also gern auf unsere Zungen beißen – und auf die der Verwandten gleich mit.
Keine Kommentare: Überhaupt sollten wir Körper einfach gar nicht mehr kommentieren. Weder bei TV-Moderatorinnen, noch den Serienhelden. Ja, selbst bei Komplimenten. Warum? Weil Kinder schnell merken, dass es vor allem weibliche Körper sind, die bewertet werden und die für uns alle offenbar immer noch einen «Unterhaltungswert» bieten. Unterhaltungswert? Der Körper meiner Tochter? Nur über meine feministische Leiche!
Kein Selbst-Shaming: «Mama, ich liebe deinen knuddeligen Schwabbel-Bauch so sehr!» Ich muss tief Luft holen, während ich das Zitat meiner Tochter in ein Magazin tippe. Dabei meint sie es als ein Riesenkompliment. Denn viel mehr als durch Social Media schauen sich unsere Kinder ihr gesundes Körpergefühl bei uns Eltern ab. Erfreuen wir uns an unserem «Schwabbel», so wie sie es tun? Halten wir Diät vor dem Strandurlaub? Machen wir uns morgens «erst mal hübsch»? Gratulieren wir der Freundin auf der Straße, wie «toll sie abgenommen hat», und sagen beiläufig, dass wir über die Feiertage «leider ganz schön zugenommen haben»? Keine Panik: Wir müssen jetzt nicht jeder unserer Dellen eine Liebeserklärung machen, aber etwas liebevoller mit uns selbst sollten wir schon sein. Denn wir werden dabei von entzückenden kleinen Augen und Ohren beobachtet.

© Ullstein Verlag
Persönlicher Pro-Tipp: Ich hüpfe seit Jahren regelmäßig bauchfrei und in kurzer Pyjamahose vor meinen Kindern durch die Wohnung, um schon jetzt gegen die SkinnyTok-Körperbilder, die auf meine Kinder einprasseln werden, anzutanzen. Es müssen aber auch keine halbnackten Rage-Dances im Hausflur sein – regelmäßige Freibadbesuche mit den Kindern tun es auch. Nirgendwo sonst sieht man so viele filterlose unterschiedliche Körper.
Die Pause-Taste drücken? Leider alternativlos
Ich bin ehrlich: Keine Ahnung, ob das alles etwas bringt. Meine Monologe, meine Erklärungen, mein schneller Finger auf der Pausetaste: Warum der eine Junge bei «Bibi und Tina» Bibi nicht hätte hinterpfeifen sollen und wieso der Held der bewusstlosen Prinzessin nicht einfach Küsse aufdrängen darf; warum die Superhelden immer supermuskulös, superweiß und superhetero sein müssen; und wieso die Heldinnen ihr Hirn sofort ins Klo spülen, sobald ein Sunnyboy vorbeischlurft – und wie ich diese ganzen Hörspiele und Podcasts, Serien und Filme, Reels und TikToks und das ganze verdammte Internet manchmal einfach nur abfackeln möchte. Wie gut, dass ich damit nicht allein bin und sich viele Millionen Eltern täglich auf denselben Weg machen. Was wäre auch die Alternative? Eben.
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