Beim Anschauen des Dokumentarfilms «Was haben wir gelacht» bleibt einem jedes Lachen im Hals stecken. Nein, die männerdominierte TV-Welt der 90er Jahre war für Frauen kein bisschen komisch. Was hat sich geändert? Die Filmemacherin Isabel Schneider im BRIGITTE-Interview.
BRIGITTE: Der Anstoß zu diesem Projekt kam von dir, nachdem du einen Archivausschnitt von Hella von Sinnen im Kölner Karneval gesehen hast. Was hat dich daran so fasziniert?
Isabel Schneider: Sie erzählt dort als junge Frau von ihrer Erfahrung im Karneval, dass sie auf Herrensitzungen ausgebuht wurde, weil sie eben keine frauenfeindlichen Witze gemacht hat. Das war eine neue Perspektive auf das ganze Thema Humor und Unterhaltung, die ich so bisher nicht kannte. Mit der Szene im Hinterkopf wurde mir klar, dass Frauen bei diesem Thema zu selten gehört wurden, obwohl sie dabei waren. Daraus entstand bei mir die Idee, einen Film zu machen zu der Frage: Was hat Humor mit Macht und Gleichberechtigung zu tun? Mit der Idee bin dann zu meiner Kollegin Eva Müller, da ich ihre Filme immer schon toll fand, und wir haben uns zusammengetan. Im Machen hat es dann sehr geholfen, dass wir mit den Augen unterschiedlicher Generationen auf dieses Thema geschaut haben.
Für viele aus älteren Generationen war es wohl ein Stück weit normal, wie Frauen damals im Fernsehen behandelt wurden. So erzählt es auch Esther Schweins im Film…
Ja, sie sagt: «Es ging uns Frauen damals so», weil das eben eine universelle Erfahrung von Frauen im Fernsehen war. Auch heute noch machen gerade junge Frauen solche Erfahrungen, nur erleben die meisten das nicht vor einem Millionenpublikum, sondern in privaten Räumen.
Wie kam es zu der Auswahl der Protagonistinnen?

© Polina Ivanova
Wir sagen immer scherzhaft: Ohne Maren Kroymann und Hella von Sinnen hätten wir den Film gar nicht machen brauchen. Bei Maren Kroymann war es so, als hätte jahrelang ein rotes Telefon in ihrem Wohnzimmer gestanden und sie hätte auf unseren Anruf gewartet, um endlich mal einen Film zu diesem Thema zu machen. Das ist ohne Frage ihr Lebensthema. Genauso bei Hella von Sinnen: Sie hat durch ihr Auftreten ein grundlegend anderes Frauenbild ins deutsche Fernsehen gebracht. Wie Gaby Köster im Film kommentiert: «Das war damals eine Revolution.» Aber auch unsere anderen Protagonistinnen waren, jede auf ihre Weise, prägend für das deutsche Unterhaltungsfernsehen in den 90er und 00er Jahren. Wir waren daher sehr glücklich, dass alle mehr oder weniger direkt zugesagt haben.
Wie war es für die Frauen, über ihre Erfahrungen im Unterhaltungsfernsehen in dieser Zeit zu sprechen?
Wir haben gemerkt, dass diese Zeit sie bis heute bewegt und es keineswegs ein abgeschlossenes Thema ist. Unsere Interviewpartnerinnen hatten die Ausschnitte teilweise seit der Ausstrahlung nicht mehr gesehen. Und dementsprechend emotional war auch die Reaktion darauf. Das geht vielen Zuschauer*innen ähnlich. Es ist, als läge ein Schleier über dieser Zeit, und vielen ist heute nicht mehr bewusst, was damals alles über den Sender ging. Unser Film führt da ein Stück weit zu einer Entzauberung und ist dabei auch eine Einladung zur Selbstreflexion: War das überhaupt alles so lustig, worüber wir gelacht haben damals, und auf wessen Kosten haben wir überhaupt gelacht?
Harald Schmidt, Thomas Gottschalk, Rudi Carrell – eine ganze Generation wurde durch sie humoristisch sozialisiert. Wieso stellt euer Film trotzdem die Perspektive von Frauen ins Zentrum?
Diese Zeit wurde ohne Frage stark geprägt von den männlichen Entertainern, die auch im Film vorkommen. Sie stehen auch für viel Positives, was sie in der Unterhaltungslandschaft geschaffen haben. Es ging uns nicht darum, zu sagen, alles, was Männer damals gemacht haben, war per se schlecht. Vielmehr ging es um eine realistische, ehrliche Betrachtung der Zeit, wie sie damals war. Und hier gibt unser Film eben bewusst Frauen, die damals dabei waren, eine Stimme, um ihre Perspektive in den Mittelpunkt zu rücken. Denn die wurde bisher kaum gehört zu diesem Thema.
Habt ihr schon von Männern Reaktionen auf den Film bekommen?
Viele Männer, die den Film gesehen haben, sagen danach, dass sie das auch total unangenehm finden, dabei zuzuschauen, wie Frauen damals zum Teil vor laufender Kamera behandelt wurden. Hierbei geht es, wie gesagt, nicht darum, mit Männern abzurechnen oder dergleichen. Es ging uns darum, ein ehrliches Bild dieser Zeit und dabei etwas Strukturelles zu zeigen: dass die Erfahrungen von Frauen im Fernsehen damals keine Einzelfälle waren. Und das einmal so kondensiert zu sehen – die Erfahrungen von diesen Frauen, wie sie das heute auf ihrer Lebenserfahrung heraus reflektieren und da heute draufschauen –, das berührt auch Männer. Und ganz nebenbei: Auch die Frauen in unserem Film gehen in die Selbstreflexion und sagen, dass sie manche Witze von damals heute nicht mehr so machen würden. Im besten Fall können da alle – Männer wie Frauen – draufschauen und sagen: Wir wissen es heute besser, wir haben dazugelernt.
Welche Rollen waren damals für Frauen vorgesehen im Unterhaltungsfernsehen?
Unsere Recherche hat gezeigt: Frauen waren oft Beiwerk, sollten die Witze der Männer belachen, statt selbst welche zu machen, wurden auf ihr Aussehen reduziert. Maren Kroymann sagt es auch im Film: «Wir sollen nett sein, die Leute sollen lächeln, wenn sie uns nur sehen». Oder wie Bettina Böttinger es formuliert: «Frauen haben damals durchlächeln müssen.»
Warum war es so schwer, mit diesem Frauenbild vor laufender Kamera zu brechen?
In der Unterhaltung wird uns ja ein Stück weit eine heile Welt vorgespielt. «The show must go on» heißt es ja nicht umsonst. Wir lassen uns alle sehr gerne davontragen. Wenn man da sagt: «Das fand ich aber gerade gar nicht lustig, und jetzt bin ich mal kurz ganz ernst» – dann ist das ein Stimmungskiller. Das ist das, was Bettina Böttinger gegenüber Harald Schmidt macht. Sie teilt ihre authentischen Gefühle: «Das hat mich verletzt.» Das hat man sich damals oft nicht getraut.
Umso bewundernswerter ist auch der Umgang von Hella von Sinnen mit solchen Situationen.
Ja! Es hat was Verbindendes, wenn man in Momenten wie den im Film gezeigten mitfühlt, sagen uns viele Zuschauerinnen, aber gleichzeitig eben auch etwas sehr Bekräftigendes, eine Hella von Sinnen zu sehen, die sowas nicht unwidersprochen stehen lässt.
Warum kommt ein Film wie dieser erst jetzt?
Das war eine häufige Reaktion, als wir mit der Arbeit zu diesem Film begonnen haben: Warum gibt es diesen Film eigentlich noch nicht? Ich glaube, Unterhaltungsfernsehen oder Humor wurden lange als etwas Irrelevantes abgetan. Aber in jedem Spaß steckt eben auch ein bisschen Ernst und darin transportiert sich ja auch eine Weltsicht. Wenn da nur die Perspektive von Männern vorkommt und Frauen und ihre Sicht auf die Dinge ständig unterrepräsentiert sind, macht das was mit einer Gesellschaft.
Was haben wir dadurch vielleicht verpasst?
Wir könnten heute vielleicht offener mit Themen wie Periode, Mutterschaft, Geburt umgehen – Themen, die immer noch tabuisiert werden –, wenn wir da in Unterhaltungssendungen mehr gemeinsam drüber gelacht hätten. Wenn wir diese Themen öfter mit Humor bearbeitet hätten.
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