Früher Langstrecke, heute Balkonien : Warum ich diesen Sommer nicht verreise – sondern mich richtig erhole

Vamos a la playa? Och, nö. Zum ersten Mal verzichte ich dieses Jahr bewusst auf Sommerurlaub und erhole mich lieber (allein) zu Haus – auf der Suche nach echter Entspannung mit Mikro-Auszeiten. 

Früher war ich alle zwei Monate unterwegs: Backpacking durchs Himalaya-Gebirge, Tempel-Hopping in Kyoto, Trekking am Kilimandscharo – je weiter, wilder und actionreicher, desto besser! Aber dieses Jahr, da habe ich so gar keine Lust, weit weg zu fahren. Ich bin irgendwie: reisemüde. 

Geht das nur mir so oder wird Fliegen immer unbequemer und unzuverlässiger? Vom Thema Flugscham ganz abgesehen. Während in meinen Zwanzigern Billigflüge noch das Ding waren (sorry, ich war jung und brauchte das Geld), gilt heute: Wer’s ernst meint mit Nachhaltigkeit, fliegt nur, wenn es wirklich sein muss. Fernreisen sind längst kein Statussymbol mehr. Und laut einer neuen Umfrage liegt der schönste Strand der Welt sowieso in Europa – auf Teneriffa. Doch selbst der reizt mich nicht.

Alles, was mehr als zwei Stunden Anfahrt oder Hotelübernachtungen beinhaltet, kann mir gestohlen bleiben. Zu teuer, zu anstrengend – vor allem mit Kind. Aber auch als Single würdet ihr mich diesen Sommer nicht in einer griechischen Taverne oder beim Clubbing auf Ibiza antreffen. Was ich wirklich will: echte Erholung. 

Me-Time von 8 bis 15 Uhr 

Gestern habe ich meinen Sohn um acht Uhr morgens in der Kita abgegeben, meinen Mann zur Arbeit verabschiedet – und bin einfach losgefahren. Mein Ziel: ein Day Spa vor den Toren Hamburgs. Ich war die Erste am Drehkreuz, die Erste auf der Liege am Pool, die Erste beim «Morgengruß»-Aufguss in der Sauna. Mit dabei: Handtuch, Sonnencreme, Buch. Sechs Stunden lang war ich niemandes Mutter, Kollegin oder Ehefrau – ich war einfach nur ich.

Beim Schwimmen hörte ich zufällig zwei Frauen reden. Auch sie hatten sich bis Kita-Schluss freigenommen. «Das machen wir jetzt öfter», sagte die eine. Der Stress und die Kosten von Auslandsreisen – das sei es ihr einfach nicht mehr wert. Das habe ich sehr gefühlt.

Holisti-Days statt Sightseeing-Stress

Ich will nicht mehr warten, bis mein Akku leer ist, sondern lieber regelmäßig aufladen. Damit liege ich voll im Trend: Laut Klarna-Umfrage sehnen sich besonders Frauen nach ganzheitlichen Auszeiten – sogenannten Holisti Days – mit Fokus auf mentaler Gesundheit. Ob Digital Detox, Meditation oder einfach mal ausschlafen: Hauptsache runterkommen.

Kein Wunder, denn immer mehr Menschen zeigen Symptome von Burn-out. Berufstätige Frauen trifft es besonders häufig, weil sie noch immer überproportional viel unbezahlte Care-Arbeit leisten. Wer sich über längere Zeit keine Erholung gönnt, erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen – und lebt statistisch sogar etwas kürzer.

Deshalb, liebe Frauen: Gönnt euch Mikro-Auszeiten. Ein Stück Erdbeertorte im Lieblingscafé, ein Yoga-Kurs oder ein Freibad-Besuch – ganz ohne Handy, Verpflichtungen oder Multitasking.

Wenn Urlaub zum Luxus wird

Reisen ist für viele Menschen ohnehin keine Selbstverständlichkeit mehr. Laut Statistischem Bundesamt kann sich jede:r Fünfte in Deutschland dieses Jahr keine einwöchige Urlaubsreise leisten. Umso wichtiger, dass wir unseren Blick dafür schärfen, wie Erholung noch aussehen kann – jenseits von All-Inclusive und Instagram-Sonnenuntergang.

Der wahre Luxus? Niemandem etwas erklären zu müssen. Nur auf den eigenen Rhythmus hören. Mal wieder so richtig runterkommen. Die «stressigste» Entscheidung meines Holisti-Days war, ob ich lieber das Rosen-Peeling oder den Kräuteraufguss mitmache – und welchen Smoothie ich danach bestelle.

Als ich das Spa gegen 15 Uhr verließ, schwebte ich förmlich zum Auto und dachte: bald wieder!

«Im Internet sah das Zimmer viel größer aus!»

Ich denke oft an meinen letzten Sommerurlaub auf Kreta zurück – den ersten mit Baby. Die Kellnerin, die mir beim Abendessen einen «babysit» für meinen Sohn anbot, ließ mich kurz aufhorchen – bis ich kapierte, dass sie vom Hochstuhl sprach, nicht von einer Babysitterin. Der Trip war schön, ja – aber auch wahnsinnig heiß, anstrengend und voller Mini-Krisen: Das Kind schläft schlecht in der fremden Umgebung, das Zimmer sieht nun wirklich nicht aus wie auf dem Foto.

Dieses Jahr kann mir das alles egal sein. Wenn die Fluglotsen streiken oder eine Hitzewelle Südeuropa lahmlegt, bleibe ich einfach liegen. Im Freibad oder auf meiner Terrasse. Manchmal reicht es, wenn niemand etwas von mir will. Nicht mal ich selbst.

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