Der Staat will Kindern schon ab dem sechsten Geburtstag Geld für die Rente schenken – automatisch, ohne dass Eltern etwas beantragen müssen. Doch wer profitiert wirklich, was passiert mit dem Geld, wenn man nichts tut und kann aus diesen 10 Euro im Monat tatsächlich ein fünfstelliges Vermögen werden? Eine Finanzexpertin rechnet uns das einmal vor.
Wie viel Geld bei der Frühstart-Rente für Kinder nach 18 Jahren zusammenkommt und wer wirklich profitiert, erklärt Christina Cassala, Expertin für private Finanzen bei Finanztip.
BRIGITTE: Bekommt mein Kind bald Geld vom Staat, ohne dass ich als Elternteil irgendetwas tun muss?
Christina Cassala: Nach den aktuellen Plänen soll kein Kind die staatliche Förderung verpassen, wenn sich Eltern nicht sofort kümmern. Wenn Eltern entscheiden möchten, wie das Geld angelegt werden soll, müssen sie ein Frühstart-Rentendepot eröffnen, das deutlich mehr Möglichkeiten zur Gestaltung bietet, als die sogenannte Kollektivlösung des Staates. Bei einem individuellen Frühstart-Depot können die Eltern selbst entscheiden, bei welchem Anbieter das Depot geführt werden soll, und können das passende Anlageprodukt wählen. Darüber hinaus können die Eltern, Oma und Opa oder weitere Personen regelmäßig Geld für das Kind einzahlen – maximal bis zu 6.840 Euro pro Jahr. Über viele Jahre gerechnet kann diese Extra-Finanzspritze den Vermögensaufbau deutlich beschleunigen. Für diese Einzahlungen soll es allerdings keinen zusätzlichen Steuervorteil geben. Das Geld bleibt außerdem grundsätzlich bis zum Rentenbeginn des Kindes gesperrt.

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Wenn sich Eltern für die Kollektivvariante entscheiden, geht die Förderung aber nicht verloren, der Staat spannt mit dieser Lösung eine Art Sicherheitsnetz auf. Die staatliche Kollektivlösung nimmt die Arbeit ab und legt das Geld automatisch für die Kinder an. Eltern müssen also nichts veranlassen, haben dadurch gleichzeitig jedoch auch keinen Einfluss darauf, wie das Geld angelegt wird. Die monatlichen Beiträge werden zunächst gemeinsam mit dem Geld anderer Kinder angelegt. Erst später können sie in ein persönliches Depot ihres Kindes übertragen werden.
Wann Kinder keine Förderung bekommen
Was ist die Frühstart-Rente und profitieren jetzt alle Kinder in Deutschland direkt davon?
Jein, denn ob Kinder davon profitieren, hängt von ihrem Geburtsjahrgang ab. Nach dem aktuellen Gesetzentwurf sollen nur Kinder anspruchsberechtigt sein, die im Jahr 2020 oder später geboren wurden. Kinder der Geburtsjahrgänge 2019 und älter gehen dagegen leer aus, obwohl auch sie noch viele Jahrzehnte bis zum Renteneintritt haben. Daraus lässt sich eine gewisse Ungerechtigkeit ableiten, denn ob ein Kind die Förderung zur Frühstart-Rente erhält oder nicht, hängt allein vom Geburtsjahr ab, auch, wenn selbst dieses noch viele Jahrzehnte bis zum Renteneintritt vor sich hat.
Das bedeutet: Ein Kind, das am 31. Dezember 2019 geboren wurde, geht nach den aktuellen Plänen vollständig leer aus. Ein Kind, das nur einen Tag später, am 1. Januar 2020, zur Welt kommt, erhält dagegen insgesamt bis zu 1.440 Euro staatliche Förderung. Obwohl zwischen beiden Kindern nur wenige Stunden Altersunterschied liegen.
Das passiert, wenn Eltern sich nicht kümmern
Was geschieht mit dem Geld, wenn ich gar nichts tue, nichts beantrage, kein Depot eröffne?
Wenn zwischen Kita, Schule und Alltag mit den Kindern die Entscheidung für die individuelle Frühstart-Rente nicht getroffen wird, gehen die Kinder dennoch nicht leer aus. Für diesen Fall hat der Gesetzgeber eine Lösung gefunden. Eröffnen Eltern kein Frühstart-Renten-Depot, fließen die monatlichen Beiträge des Staates zunächst in eine staatliche Kollektivanlage und werden dort für das Kind angelegt. Entscheiden sich die Eltern einige Jahre später doch für ein individuelles Depot, soll das bis dahin angesparte Vermögen einschließlich der erzielten Erträge dorthin übertragen werden. Dennoch gilt: Je früher Eltern selbst aktiv werden, desto mehr profitiert das Kind, denn die Geldanlage kann individuell gestaltet und das Vermögen des Kindes bei Bedarf mit eigenen Sparbeiträgen ergänzt werden.
10 Euro im Monat klingen nach wenig. Lohnt sich das wirklich?
Zehn Euro im Monat wirken in der Tat auf den ersten Blick nicht besonders viel. Der entscheidende Faktor ist jedoch die Zeit. Weil das Geld schon im Kindesalter angelegt wird, kann es über viele Jahrzehnte Rendite erwirtschaften und der Zinseszinseffekt entfaltet seine Wirkung.
Haben Sie eine Modellrechnung?
Ein einfaches Beispiel: Erhält ein Kind vom vollendeten 6. bis zum 18. Geburtstag jeden Monat die staatlichen 10 Euro, zahlt der Staat insgesamt 1.440 Euro ein. Erzielt das Geld während dieser Zeit durchschnittlich 6 Prozent Rendite pro Jahr, könnte daraus bis zur Volljährigkeit ein Vermögen von rund 2.100 Euro werden. Bleibt das Geld anschließend bis zum Renteneintritt investiert, kann daraus je nach Rendite und Kosten langfristig ein Vermögen von rund 25.000 Euro entstehen. Die Rechnung zeigt: Nicht die monatlichen 10 Euro machen den Unterschied, sondern die vielen Jahre, in denen das Geld Zeit hat, für das Kind zu arbeiten. Voraussetzung ist allerdings, dass langfristig eine entsprechende Rendite erzielt wird und das Vermögen bis zum Renteneintritt investiert bleibt.
Ab wann hat mein Kind Zugriff auf das Geld und darf es damit machen, was es will?
- Auch, wenn das Kind mit dem Geld zur Volljährigkeit den Führerschein, ein Auto, eine Weltreise oder die Einrichtung der ersten Wohnung finanzieren möchte, so ist die Frühstart-Rente ausdrücklich für die Altersvorsorge gedacht und unterscheidet sich damit von einem klassischen Spar- oder Tagesgeldkonto.
- Mit dem 18. Geburtstag geht das Depot zwar auf das inzwischen erwachsene Kind über, aber das bedeutet nicht, dass das Geld frei ausgegeben werden kann. Nach den aktuellen Plänen bleibt das angesparte Vermögen an die Regeln der staatlich geförderten Altersvorsorge gebunden und soll in die neue private Altersvorsorge übergehen.
- Für Eltern ist es deshalb wichtig, zu überlegen, welches Sparziel sie verfolgen. Geht es darum, dem Kind später Geld für den Führerschein, das erste Auto, ein Auslandssemester oder den Start ins Berufsleben mitzugeben, eignet sich die Frühstart-Rente nicht. Für solche Ziele sind andere Sparformen sinnvoller, etwa ein Tagesgeldkonto oder ein kostengünstiges Wertpapierdepot ohne Zweckbindung.
Die Frühstart-Rente verfolgt dagegen ein anderes Ziel: Sie soll schon in jungen Jahren den Grundstein für die finanzielle Absicherung im Alter legen. Wer seinem Kind sowohl beim Start ins Erwachsenenleben als auch später im Ruhestand helfen möchte, wird daher oft zwei Töpfe benötigen: einen frei verfügbaren Spartopf für die ersten großen Ausgaben und die Frühstart-Rente als langfristige Altersvorsorge. So lassen sich beide Ziele erreichen, ohne dass das Geld für die Rente schon mit Anfang 20 aufgebraucht wird.
So kann aus 10 Euro pro Monat ein kleines Vermögen werden
Sie rechnen vor, dass aus den staatlichen Beiträgen bis zu 25.000 Euro werden können: Unter welchen Bedingungen klappt das?
Die Aussicht auf rund 25.000 Euro aus ursprünglich 1.440 Euro staatlicher Förderung klingt beeindruckend. Tatsächlich ist das möglich, aber diese Rechnung zeigt vor allem das Potenzial einer sehr langfristigen Geldanlage. Sie ist keine Garantie, sondern eine Modellrechnung unter günstigen Annahmen und offenbart die Kraft des Zinseszinses. Entscheidend sind Zeit, eine solide Rendite und möglichst niedrige Kosten. Treffen diese Voraussetzungen zu, können schon kleine staatliche Einzahlungen über Jahrzehnte zu einem beachtlichen Vermögen anwachsen.
Was kann schiefgehen?
Es müssen jedoch einige, weitere Faktoren zusammenkommen, damit diese Rechnung auch wirklich aufgeht. Zunächst muss die Geldanlage langfristig eine gute Rendite erwirtschaften. Die Modellrechnung geht von durchschnittlich 6 Prozent pro Jahr aus. Das ist keine beliebige Zahl, sondern ein Wert, den breit gestreute Aktienanlagen in der Vergangenheit über sehr lange Zeiträume häufig erzielt haben. Ob das aber auch in Zukunft gelingt, kann ohne den Blick in die Glaskugel heute niemand garantieren.
Ebenso wichtig sind niedrige Kosten. Was Jahr für Jahr an Gebühren für Verwaltung und Geldanlage anfällt, fehlt später beim Vermögensaufbau. Über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten können deshalb schon wenige Zehntelprozent höhere Kosten am Ende mehrere Tausend Euro Unterschied ausmachen. Genau deshalb kritisiert Finanztip die im Gesetzentwurf vorgesehene Kostenobergrenze als zu hoch.
Grundsätzlich gilt: Es ist völlig normal, dass die Kapitalmärkte schwanken. Da heißt es: Ruhe bewahren. Es wird immer wieder Jahre mit Kursverlusten geben, genauso wie Phasen mit hohen Gewinnen. Die Aussicht auf rund 25.000 Euro ist deshalb keine Garantie, sondern eine Modellrechnung unter günstigen Annahmen. Sie zeigt vor allem, welches Potenzial eine langfristige Geldanlage mit niedrigen Kosten haben kann.
Sie sagten, die geplante Kostenobergrenze sei zu hoch. Wie viel Geld verliert mein Kind dadurch konkret?
Der größte Feind des Zinseszinses sind auf lange Sicht nicht Kursschwankungen, sondern dauerhaft hohe Gebühren. Nach dem Gesetzentwurf dürfen Anbieter laufende Kosten von bis zu 0,8 Prozent pro Jahr verlangen. Finanztip hält diese Obergrenze für deutlich zu hoch, weil sich gerade bei einer Geldanlage, die über mehr als 60 Jahre laufen soll, schon kleine Unterschiede bei den Gebühren erhebliche Auswirkungen auf das Endvermögen haben können. Der Grund: Gebühren werden Jahr für Jahr vom Vermögen abgezogen und bremsen so den Zinseszinseffekt. Langfristig sind deshalb nicht kurzfristige Kursschwankungen, sondern dauerhaft hohe Kosten einer der größten Renditekiller.
Das können Eltern jetzt schon tun
Was würden Sie Eltern heute schon raten, die nicht warten wollen, bis das Gesetz in Kraft tritt?
Die geplante Frühstart-Rente kann künftig ein wichtiger Baustein sein, sie ist aber nicht die einzige Möglichkeit, Vermögen für das eigene Kind aufzubauen. Wir von Finanztip raten Eltern vor allem dazu, früh mit dem Sparen zu beginnen. Denn beim Vermögensaufbau ist nicht entscheidend, den perfekten Zeitpunkt zu finden. Viel wichtiger ist, dass das Geld möglichst lange Zeit hat, zu wachsen. Schon Sparraten von zehn, 25 oder 50 Euro im Monat können über viele Jahre einen großen Unterschied machen.
- Welcher Sparweg der richtige ist, hängt vor allem vom Ziel ab. Wer seinem Kind möglichst früh Vermögen aufbauen möchte, kann bereits heute in einem kostengünstigen Wertpapierdepot mit einem weltweit streuenden ETF sparen. Solche ETFs investieren gleichzeitig in Hunderte oder Tausende Unternehmen weltweit und verteilen das Anlagerisiko breit.
- Soll das Geld dagegen später für den Führerschein, das Studium, ein Auslandsjahr oder die erste eigene Wohnung zur Verfügung stehen, empfehlen wir von Finanztip ein Juniordepot. Das angesparte Vermögen gehört dem Kind und kann ab dem 18. Geburtstag frei für diese ersten wichtigen Schritte ins Erwachsenenleben genutzt werden.
- Die Frühstart-Rente verfolgt wiederum ein anderes Ziel. Sie soll den Vermögensaufbau für das Alter fördern. Das Geld bleibt nach den aktuellen Plänen langfristig für die Altersvorsorge gebunden und kann dadurch über Jahrzehnte Rendite erwirtschaften. Gerade diese lange Anlagedauer macht den Zinseszinseffekt so wirkungsvoll. Aus unserer Sicht müssen sich Eltern deshalb nicht zwischen diesen Möglichkeiten entscheiden. Ein ETF-Sparplan oder Juniordepot kann den finanziellen Start ins Erwachsenenleben erleichtern, während die Frühstart-Rente den Grundstein für die Altersvorsorge legt. Beide Wege können sich sinnvoll ergänzen.
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