Für die Liebe auf der Straße: Als Melanie Ben kennenlernt, beschließt sei, obdachlos zu leben – freiwillig

Freiwillig auf die Straße ziehen? Für die meisten wäre das unvorstellbar. Melanie hat sich vor zwhn Jahren bewusst dazu entschieden – aus Liebe. Über eine ganz besondere Beziehung

Es ist November 2016, als Melanie Ben das erste Mal begegnet. Sie ist damals 38, er 51. Sie lernen sich bei einem gemeinsamen Freund kennen, bei dem Ben gerade auf der Couch übernachtet hat, als Melanie zu Besuch kommt. Bens Haare reichen ihm über die Schultern und bedecken beinahe sein Tattoo: Stacheldraht, der sich um seinen Hals wickelt, gestochen von einem Kumpel im Knast.

Er zieht einen Joint aus seiner Tasche und fragt Melanie, ob es für sie in Ordnung sei, wenn er hier rauche. Dass er fragt, beeindruckt Melanie. Bisher sind die Männer in ihrem Leben über sie hinweggegangen. Ein paar Tage später spazieren sie am Rhein entlang. Bei einem weiteren Treffen steckt Ben Melanie einen Zettel zu. Sagt: «Erst lesen, wenn du im Zug bist.» Auf dem Zettel steht ein kleines Gedicht. An die genauen Worte erinnern sich beide nicht mehr, doch die Botschaften werden zur Tradition, und mit jedem Zettel entfaltet sich die Liebe zwischen den beiden ein wenig mehr. Bis Ben Melanie eines Abends fragt: Kannst du dir mehr vorstellen als nur Freundschaft?

Melanie Foto
Nur das Nötigste: Als Melanie auf die Straße zieht, nimmt sie keine Fotos von früher mit – bloß Ballast, findet sie.
© Raik Schache

Ben zieht bei Melanie ein. Bis dahin schlief er mal hier, mal da, oft aber auf den Straßen Bonns. Er lebt von Sozialhilfe. Melanie wohnt damals in einer Einzimmerwohnung, Erdgeschoss, kleine Terrasse in St. Katharinen, einem Dorf am Rande des Westerwalds, rund 40 Kilometer von Bonn entfernt.
Ein halbes Jahr ist alles gut. Melanie und Ben lachen viel, schauen gemeinsam Dokus, die Ben so liebt. Über die Schallmauer durchbrechende Flugzeuge und das Leben im Römischen Reich. Doch dann verliert Melanie ihren Job in einer Bäckerei. Ihr Chef habe lieber Personal über eine Leiharbeitsfirma angestellt, sagt sie. Das Geld vom Amt habe auf sich warten lassen. Sie habe die Miete nicht mehr zahlen können.

Ben Foto
Lange Erfahrung: Ben hat mal Maurer gelernt. Nach einer Trennung zog er vor mehr als 20 Jahren auf die Platte.
© Raik Schache

Für sie ist klar: Sie kann entweder zurück zu ihren Eltern, ohne Ben. Oder mit Ben auf die Straße. «Ich hab nicht mal zwei Minuten überlegt», sagt Melanie. «Ich hab Ben nur gefragt: Was brauch ich?»

Sie packt wie für eine Schulfreizeit: Schlafsack, Kleidung für ein paar Tage, Plastikteller. Fotos nimmt sie keine mit. Die Erinnerungen, sagt sie, seien nur Ballast. In den folgenden Jahren schläft sie neben Ben in U-Bahnstationen. Meist etwas außerhalb der Stadt, da es dort ruhiger ist. Ben bringt Melanie bei, ihre Wertsachen nachts in den «Safe» zu packen, ihre Unterhose, um sie vor Dieben zu schützen. In den ersten Nächten ist ihre Angst so groß, dass sie sich unter ihrem Schlafsack an eine abgebrochene Radioantenne klammert, um sich notfalls verteidigen zu können. Sie beginnt zu betteln, lernt, dass 30 Euro pro Tag für zwei Menschen und einen Hund gerade ausreichen, fährt wiederholt ohne Ticket und muss dafür schließlich ins Gefängnis. Sie lebt in einem Kreislauf aus Wohnungs- und Joblosigkeit, aus dem schwer wieder herauszukommen ist.

Das erste Mal treffen wir Melanie im Sommer 2024, vor der «Peek & Cloppenburg»-Filiale in der Bonner Einkaufsstraße. Im Laufe von vier Tagen erzählt sie uns ihre Geschichte: eine zierliche Frau Ende 40 mit Sommersprossen und ordentlich zurückgekämmten Haaren, die sie mal als Dutt und mal als Zopf gebunden trägt.

Anfangs packt sie wie für eine Schulfreizeit: Schlafsack, Kleidung für ein paar Tage, Plastikteller

Tagsüber sitzt sie vor dem Laden, sammelt, bevor sie ihre Decke ausbreitet, Zigarettenreste und Blätter vom Pflaster. Ihr Büro, wie sie sagt. Ihre Arbeit: sitzen und hoffen, dass jemand auf sie herabsieht. Sie fragt nicht nach Geld. Sie sitzt nur da und liest. Klirren ein paar Münzen in den alten Eisbecher vor Melanie, blickt sie auf, lächelt und sagt: «Danke. Einen schönen Tag wünsche ich dir.» Ihre Stimme klingt sanft, außer sie hustet. Dann hört man die vielen Zigaretten, die sie ohne Filter raucht – «ist billiger». Das Betteln gibt ihrem Tag Struktur.

Ben und Melanie in Bonn
Wind und Wetter: Bonns Straßen sind ihr Zuhause. Ihr Leben findet weitgehend draußen statt, auch bei Regen.
© Raik Schache

«Kauf Süßigkeiten für den Hund», sagt der Mann, der die Münzen in den Becher geworfen hat. Der Hund heißt Filou, er liegt eingerollt an Melanies Füßen. Ein Mischling aus Border Collie und Labrador. Sie holte ihn als Welpe über eine Zeitungsanzeige zu sich. Damals hatte sie noch eine Wohnung. Auf dem Boden der Bonner Innenstadt ist er eine Verbindung zu der Welt da oben. Die meisten Leute halten seinetwegen an, beugen sich herunter, streicheln, so ein Feiner, ei, wie heißt du denn?

Melanie hätte gern wieder einen richtigen Job, doch nach den Jahren Straße glaubt sie nicht mehr daran. So verbringt sie jeden Tag vor dem P & C und stockt damit ihr Bürgergeld auf.
Zwei Stunden sitzt Melanie vor dem Geschäft, da wedelt Filou freudig und fiept. «Der Papa», sagt Melanie mit einem Lächeln. Die Fransen von Bens Lederjacke schwingen bei jedem Schritt. Filou leckt zur Begrüßung stürmisch Bens Nase ab.

Ben stammt aus Moers, ist gelernter Maurer. Sein Leben war lange eine drogendurchzechte Party ohne Regeln. 2002 trennte er sich von seiner Frau und zog auf die Straßen Bonns. «Damals war es noch geil, auf der Straße zu leben», sagt er. Doch mit bald 60 Jahren wünscht sich nun auch der Alt-Punk die Geborgenheit einer Wohnung. Einen Fernseher zum Zocken und Dokus schauen. «Ich will zur Ruhe kommen.»

Ben und Melanie
Halt: Melanie sagt, sie habe die Entscheidung, mit Ben auf der Straße zu leben, nie bereut.
© Raik Schache

Was genau ist dieses Glück, das Melanie bei Ben findet? Melanie sagt: Für die Männer vor ihm sei sie immer «die Macherin» gewesen. Den ersten heiratete sie mit 19, bekam eine Tochter mit ihm, Svenja. Sie habe das Geld verdient, das er verschwendete, während er sie betrog. Nach der Scheidung begann sie zu trinken und hörte erst wieder auf, als Svenja, damals vier, fast die Wohnung abbrannte, weil sie so gern eine heiße Schokolade trinken wollte, die Mutter aber berauscht auf dem Sofa lag. Seit die Feuerwehr in ihrem Wohnzimmer gestanden habe, sei sie trocken, sagt Melanie.

«Ich wollte eigentlich keinen Mann mehr. Aber Ben war hartnäckig, hat immer angerufen, gefragt, getan»

Der zweite Mann in ihrem Leben habe ihr ein weißes Pulver als Medikament gegen ihre Migräne angeboten. Sie habe nicht gewusst, dass es Heroin war. «Ich war naiv», sagt sie. Ihre Tochter, damals neun, wächst von da an bei Melanies Mutter auf.

Nach dem zweiten erfolgreichen Entzug lernt sie Ben kennen. Melanie sagt: «Ich wollte eigentlich keinen Mann mehr. Aber Ben war hartnäckig, hat immer angerufen, gefragt, getan. Ich glaube, hätte er das nicht gemacht, wäre ich heute vielleicht nicht hier.» Ben sei immer ehrlich zu ihr, sagt Melanie. Bei ihm könne sie sich fallen lassen. Wenn er im öffentlichen Bücherschrank ein Exemplar sehe, das er kennt und gut findet, bringe er es Melanie mit. Wie neulich, da habe er ihr alle drei Bände von Noah Gordons «Der Medicus» gebracht. «Ben ist, was kleine Mädchen in einem Mann suchen», sagt Melanie.

Luise mit Raik
Als Luisa Wick (mit Fotograf Raik Schache) Melanie vor zwei Jahren in einem TV-Beitrag sah, beeindruckte sie deren positive Einstellung. Sie wollte mehr über Melanies Leben erfahren – der Startpunkt dieser Reportage.
© Raik Schache

Melanies Mutter ist eine kleine Frau, Mitte 70, mit Kurzhaarschnitt und getönten Brillengläsern. Sie lebt mit ihrem Mann noch immer in dem Haus, in dem Melanie aufwuchs. Sie erzählt, dass sie sich, als ihre Tochter obdachlos wurde, lange gefragt habe, was sie falsch gemacht hat. Es habe einige Monate gedauert, bis sie sich überwinden konnte, Melanie zu besuchen. Sie tranken einen Kaffee im «Stadtbrotbäcker» in Bonn. Heute sagt sie: «Man bleibt eine Mutter, egal, was ist.“»Dennoch habe sie Melanie während all der Zeit nie gefragt, ob sie nach Hause kommen möchte. Und Melanie habe nie gefragt, ob sie dürfte.

Melanie sagt, sie hat ihre Entscheidung, mit Ben auf die Straße zu gehen, «keine einzige Minute» bereut. «Ben ist meine Zukunft. Egal, was kommt, wir ziehen das gemeinsam durch.»

Wie ist es, obdachlos zu sein?

Über eine Million Menschen in Deutschland sind wohnungslos, also ohne festes Mietverhältnis, kommen z. B. bei Bekannten unter; rund 56 .000 sind obdachlos, schlafen draußen oder in Notunterkünften. Für Stadtstreifen e. V. führt Melanie Konrad Gruppen durch Bonn, die wissen wollen, wie der Alltag auf der Straße aussieht (Infos & Buchung: stadtstreifen.org).

Zwei Jahre später treffen wir sie wieder. Sie läuft die Bonner Einkaufsstraße entlang zu ihrem üblichen Platz. Sie trägt das übergroße Sweatshirt mit den Huskys auf dem Rücken, das sie auch vor zwei Jahren trug. Sie sieht müder aus, ihre Fingernägel sind lang, unter ihnen sammelt sich Dreck. Noch während sie routiniert ihr «Büro» aufbaut – Pflastersteine reinigen, Decke ausbreiten, Filous Faltnapf daneben –, sagt sie, das mit Ben sei kompliziert.

«Es ist so», beginnt sie mit einem Seufzer. Sie und Ben hätten die Wintermonate bei seinem jüngsten Sohn verbracht. Auch die Mutter lebe dort mit ihrem Partner, also Bens Ex-Frau. Zwischen ihr und Melanie habe es ständig Streit gegeben wegen kleiner Dinge. Anfang dieses Jahres war dann klar: Melanie muss gehen. Ben blieb. Melanies Vater hat ihr aus Sorge um ihre Sicherheit angeboten, für die restlichen kalten Monate nach Hause zu kommen.

Seit Januar 2026 schläft sie im Zimmer ihrer Tochter Svenja. Es steht seit gut zwei Jahren leer – Svenja ist mit 23 an einem Herzfehler gestorben. So sagt es Melanie, so sagt es ihre Mutter. Mit der Trauer konnte Melanie damals nicht umgehen. Sie habe die Emotionen von sich geschoben, sagt sie. Nur abends, wenn sie mit Ben allein war, habe sie sich getraut zu weinen.

Melanie Stadtführung
Einblicke: Melanie führt Interessierte an Orte, die im Alltag Obdachloser wichtig sind. Treffpunkt ist oft der Bonner Hauptbahnhof.
© Raik Schache

Ben, sagt Melanie, werfe ihr vor, ihn zu betrügen. Er glaubt ihr nicht, wenn sie ihm versichert, dass es keine anderen Männer gibt. Solange sein Grund für die Trennung nicht der Wahrheit entspricht, hält sie an ihm fest: «Er ist mein Mann und bleibt es auch.»

Gegen 16 Uhr kommt Ben auf dem Fahrrad angefahren. Seine Haare flattern im Wind. In den nächsten zwei Stunden soll er auf Filou aufpassen. Melanie wird sieben Menschen durch Bonn führen und ihnen die Stadt aus Sicht einer Obdachlosen zeigen. Diese Führungen gibt sie regelmäßig für den Verein «Stadtstreifen». Im Gespräch lenkt Ben erst von Fragen zu Melanie ab, erzählt lieber davon, wie er Anfang der 80er Kolben und Nadeln vertickt hat, die er umsonst von der AIDS-Initiative bekam, oder wie er sich Alkohol spritzte. Seit Melanie bei ihren Eltern lebe, sagt er dann, habe sie sich kaum gemeldet. Da habe er gemerkt, dass ihre Gefühle nicht mehr dieselben sind. «Ich spür das doch, wenn… Nach so vielen Jahren…» Es habe wehgetan. Sie habe ihm gefehlt. «Wenn wir eine Wohnung gehabt hätten, wäre alles anders gelaufen. Da wären wir für uns gewesen, hätten mehr reden können. Das weiß ich, auf jeden Fall.»

Melanie und Ben haben weiterhin Kontakt. Auch wegen Filou. Die zwei könne man nicht trennen, sagt Melanie. Wie auch die Verbindung zwischen ihr und Ben trotz Trennung fortbesteht. Nach den Jahren auf der Straße möchte sie unbedingt eine Wohnung finden. Und wenn es eines Tages so weit ist, will sie Ben mitnehmen. «Ich lasse ihn nicht zurück», sagt sie.

Nach der Stadtführung stopft Melanie schnell Filous Spielsachen, ihre Decke und ihr Buch in den Rucksack. Sie muss den Bus zu ihren Eltern bekommen. Neben ihr läuft Ben. Er wird heute bei Melanie übernachten.

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