Geht das nur mir so?: Gutscheine sind ja nett gemeint, aber …

Gutscheine sind eine ganz schön praktische Art, Zuneigung zu zeigen. Allerdings auch eine ganz schön hilflose, findet Verena Carl. Mit wenigen Ausnahmen.

Hast du mal wieder Lust auf eine Kolumne? Also einen so richtig gut geschriebenen, witzigen, klugen Text über die Dinge des Lebens? So wie du das von uns kennst? Kannst du haben! Diesmal habe ich mir etwas ganz Besonderes überlegt: ein Gutschein für eine Kolumne deiner Wahl. Such dir ein Thema aus, ich weiß ja nicht, was du so magst. Na, was sagest du? Jetzt freu dich doch mal, das ist doch echt nett von mir, und so persönlich!

Wenn du gerade verwirrt überlegst, was du damit anfangen sollst: Das geht nicht nur dir so. Sondern mir auch. Gutscheinesind immer nett gemeint, kommen aber oft nur so semi-nett an. Wenn ich einen geschenkt bekomme, dann gibt es dafür ja nur zwei Gründe: Entweder, mein Gegenüber kennt mich so wenig, dass er oder sie echt keine Ahnung hat, was mir gefallen könnte – oder die Person war einfach zu faul oder zu gestresst, sich Gedanken zu machen.

Ja, auch ich habe schon Gutscheine verschenkt (nicht nur für Kolumnen!). Wenn ich den Kita-Erzieher oder die Sporttrainerin nur beim Bringen und Abholen treffe, weiß ich nicht, welches das bessere Elterngeschenk wäre, das Konzertticket für Ikkimel oder das für Helene Fischer. Ich habe mich auch schon über «Wert-Papiere» gefreut, wenn sich wer was überlegt hat, das mir wirklich guttut. Highlight: ein Nachmittag im Floating-Tank. Das geht nur mit Gutschein, der würde nicht ins Wohnzimmer passen. Wenn dagegen eine Freundin mit einer Plastikkarte von einer Kosmetikkette vor der Tür steht, dann fühle ich mich eher wie ein abgehaktes To-do auf ihrer Liste. 

Leider kriegen auch Kinder irgendwann spitz, dass man Eltern so einen handgekrakelten Zettel auf den Geburtstagstisch legen kann («ich mach 8 Mahl früstük für dich!»). Ich liebe meine Kinder sehr, aber ich traue mich kaum, jemals all ihre Gutscheinschulden seit 2012 einzutreiben. Eine ganze Woche am Stück Küchendienst, diese Laune will ich nicht ausbaden. Noch anstrengender wird es, wenn es die Großeltern betrifft: Dann hängt man den lieben Kleinen von Weihnachten bis Ostern in den Ohren, dass Oma noch was bei ihnen gut hat. Und dann wieder vom Geburtstag bis Weihnachten.

Die Gutschein-Inflation

Aber woher kommt diese Gutschein-Inflation? Wirklich nur Unlust, Zeitnot oder spätkindliche Bastelmüdigkeit? Oder ist das einfach nur ein unschöner Nebeneffekt der Digitalisierung – wissen wir immer weniger, was anderen Freude macht, auch denen, die uns nah sind?

Früher konnte ich zum Beispiel genau sagen, welche Art von Musik meine Freundinnen aktuell mochten, einfach, weil sie im Auto eine CD einschoben – heute verschwinden alle mit Kopfhörern in ihren digitalen Playlists. Man hört für sich allein, schaut (oft) Filme für sich allein, lädt sich Bücher auf den Reader. Klamotten zusammen mit einer Freundin shoppen? Total Nineties, alle lassen liefern. Vielleicht sollten wir das ändern. Uns mehr austauschen. Auch weil wir einander damit ein Geschenk machen, von dem wir alle zu wenig haben. Gemeinsame Zeit.

Aber keine Regel ohne Ausnahme. Manchmal ist ein Gutschein echt eine super Lösung. Oder Geld. Unvergessen, wie wir uns zu unserer Hochzeit vor vielen Jahren einen Zuschuss für die Reisekasse wünschten. Fanden alle Gäste super praktisch, nur eine Freundin lehnte empört ab, das sei voll unpersönlich. Was ich dann von ihr bekam, war ein soziologisches Fachbuch zum Thema Partnerwahl und eine Tafel Schokolade.

Offenbar war ihr nicht so klar, dass ich noch nie besonders scharf auf Schokolade war (im Gegensatz zu ihr) und dass ich den Partner bereits gewählt hatte (Stichwort: Hochzeit). Deshalb jetzt schon ein Hinweis, falls wir unser 25-Jähriges irgendwann groß feiern: Du musst mir nichts schenken, echt jetzt! Aber wenn, dann freue ich mich auch sehr über einen Gutschein für eine Kosmetikkette.

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