Gelähmt nach Reitunfall: Wie sich Gianna trotzdem zurück in den Sattel kämpfte

Sie wollte nur das Pferd einer Bekannten reiten – seitdem sitzt Gianna Regenbrecht im Rollstuhl. Wie sie sich zurück in den Sattel kämpfte und was ihre Familie dazu sagt. 

Dieser Text erschien zuerst in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung

Flori, die große, schwarze Stute, setzt die Schritte präzise, tanzt durch den weißen Sand, schnaubt. GiannaRegenbrecht (32) sitzt sicher in dem Sattel, auf dem Strasssteine glitzern, und klopft ihrem Pferd auf den Hals. «Gut gemacht», lobt sie. Training einer Dressurreiterin. Wenige Meter abseits des Reitplatzes hinter einer Hecke steht ganz verlassen das, was noch zu Gianna Regenbrechts Leben gehört: ihr Rollstuhl. Auf den ist sie angewiesen – wegen eines Reitunfalls.

Die Geschichte von einer, die unermüdlich kämpfte, um wieder reiten zu können. Um wieder die zu sein, die sie war.

Reitunfall: Lendenwirbel zersplittert

Sie hatte damals, so erzählt sie das, nur einem anderen Mädchen einen Gefallen tun wollen, das sie um Hilfe im Umgang mit seinem Pferd gebeten hatte. 20 Jahre alt war Gianna Regenbrecht zu dem Zeitpunkt, als sie sich auf den Rücken des für sie fremden Tieres schwang. Sie erinnere sich kaum an den Tag, sagt sie. Vieles, was sie darüber wisse, resultiere aus Erzählungen.

Das Pferd habe sich erschrocken, sei plötzlich in die Höhe gestiegen und nach hinten gestürzt. Gianna Regenbrecht geriet unter das Tier. Hunderte Kilo schwer. Ihr zweiter Lendenwirbel sei zersplittert, das Rückenmark vom Knochen durchlöchert worden. «Was ich sehr genau erinnere, ist, dass ich da im Sand gelegen habe und wusste, dass es schlimm ist.» Wie schlimm? «Dem Sanitäter habe ich gesagt, dass ich meine Beine nicht mehr spüre.»

Für mich war völlig klar, dass ich wieder würde laufen können.

2. Februar 2014. Ein Datum, das ihr Leben teilt in ein Davor und ein Danach. Sie sieht das eigentlich auch so. Wie könnte sie auch nicht? Sie sagt, dass sich ihr «Leben komplett geändert» habe. Andererseits will sie, so wirkt das, die Deutungshoheit über diesen Tag behalten. Nicht als etwas, das alles, was dann kommt, so schwarz aussehen lässt wie Floris Fell. Sondern als etwas, das sie annehmen und bewältigen musste. Als etwas, das ihr die Tür zu einer anderen spannenden Welt aufgestoßen hat.

«Mein Alltag ist manchmal echt anstrengend», bemerkt die gebürtige Lippstädterin. «Aber wenn ich den Unfall nicht gehabt hätte, würde ich jetzt nicht den Bundesadler auf der Schulter tragen, hätte vielleicht nicht so tolle Menschen kennengelernt und so abgefahrene Sachen erlebt», sagt sie. Sie gehört zu Deutschlands besten Para-Reiterinnen, ist Kader-Athletin und zum Beispiel bei der Weltmeisterschaft 2022 für Deutschland gestartet. In diesem Jahr ist die Weltmeisterschaft in Aachen. 2028, das ist ihr großes Ziel, will sie zu den Paralympischen Spielen in Los Angeles/USA. Derzeit bereitet sie sich auf den Start bei den Deutschen Meisterschaften (3. bis 7. Juni) in Balve (Sauerland) vor.

Die Liebe zu den Pferden und zum Reitsport habe sie vom Opa, sagt sie. Der sei früher mit ihr losgezogen, habe sie zum Reiten gebracht und in Lippstadt im Verein angemeldet. Bei Turnieren sei sie gestartet, habe auch Pferde für andere geritten. Wie an jenem Tag im Februar 2014.

Mit dem Hubschrauber wurde sie damals nach Hamm in die Klinik geflogen: sechs Stunden Not-OP. Eine Woche später: ein weiterer zehnstündiger Eingriff. Zehn Tage Intensivstation, 100 Tage Krankenhaus, anschließend sechs Wochen Reha. Die eingesetzten Metallstangen stabilisieren sie bis heute, ihr zweiter Lendenwirbel ist aus Titan. Das Gefühl in den Beinen ist nie ganz zurückgekommen. Diagnose: inkomplette Querschnittslähmung.

Sie sagt, dass es den einen Moment nicht gegeben habe – und wenn doch, dann hätten Schmerzmittel die Erinnerung vernebelt. Den einen Moment, an dem ein Arzt an ihrem Bett gestanden hätte, um ihr mitzuteilen, dass sie querschnittsgelähmt sei. Die Mediziner, das erinnert sie, hätten ihr gesagt, dass sehr wohl Gefühl zurückkehren könne in die Beine – und die Chance dafür sei in den ersten zwei Jahren nach dem Unfall am größten. «Ab dem Moment habe ich alle richtig wild gemacht und gesagt, dass jetzt richtig geackert wird», erinnert sie sich. «Für mich war völlig klar, dass ich wieder würde laufen können.» Sie kann es bis heute nicht so wie früher.

Gianna mit Nico
Kuscheleinheit: Gianna Regenbrecht in der Box mit ihrem Pferd Nico.
© FUNKE Foto Services / Socrates Tassos

Ein paar Schritte kann sie machen, wenn sie sich irgendwo abstützen oder festhalten kann. Eigenständig hinstellen, den Rollstuhl ins Auto hieven, zur Fahrerseite gelangen, einsteigen – das gehe zum Beispiel so eben, sagt sie. Nach acht Wochen im Krankenhaus habe sie den großen Zeh erstmals wieder bewegen können. Nach und nach lernte sie, weitere Muskeln wieder anzusteuern. Mühsam, langsam. Frust und Tränen. Anstrengung und Erfolge. Eine Achterbahn der Gefühle in den ersten zwei Jahren.

Es konnte ihr nicht schnell genug gehen

«An manchen Tagen hätte ich mir am liebsten die Decke über den Kopf gezogen. Tage, an denen ich mich schon gefragt habe, was ich da eigentlich mache. Ich habe trainiert und trainiert, aber es konnte mir nicht schnell genug gehen.» Dabei kehrte immer mehr Gefühl zurück. Gleichzeitig sei ihr nach und nach klar geworden, dass ihr Leben fortan anders aussehen würde, dass sie manche Dinge nicht mehr würde tun können. «Ich konnte es am Anfang überhaupt nicht leiden, mich im Rollstuhl im Spiegel zu sehen», sagt sie. Dennoch will sie sich nicht vorschreiben lassen, was geht und was nicht.

Mit ihrem Freund machte sie einen Rucksacktrip nach Kambodscha, mit Freunden fuhr sie auf ein dreitägiges Festival, sie ging auf Städtetrips und reiste in den Winterurlaub: Mono-Ski. «Ich habe erst immer Angst gehabt, dass ich meinen Freunden zur Last falle. Aber wir haben alles gemeinsam ausprobiert und es mit Humor genommen, wenn es nicht funktioniert hat.»

Grenzen kennen, Grenzen verschieben – darum geht es ihr

Seit zwei Jahren lebt sie nun mit ihrem Freund Marius, der schon vor dem Unfall an ihrer Seite war, in Warendorf, weil ihre Pferde dort am Bundesstützpunkt stehen. Sie studiert Humanmedizin in Münster, neuntes Semester. Auch, um besser zu verstehen, was da in ihrem Körper passiert und nicht passiert. Die meiste Zeit aber verbringt sie derzeit mit den Pferden. Neben Flori sind da noch Nico und Tommy. Der eine, Tommy, sagt Gianna Regenbrecht, sei Typ Schönling, zart besaitet, brauche Aufmerksamkeit. Nico sei ein Routinier und voller Ehrgeiz. «Er würde nie zugeben, dass er nicht mehr kann.» Vielleicht hat er das gemeinsam mit seiner Reiterin. Sie sagt: «Man muss seine eigenen Grenzen ganz persönlich austesten, um sie dann verschieben zu können.» Das ist ihr Motto.

Dressur mit Flori
Im Dressur-Viereck mit Flori: Para-Sportlerin Gianna Regenbrecht beim täglichen Training am Stützpunkt in Warendorf.
© FUNKE Foto Services / Socrates Tassos

Alle Pferde, die sie nur reitet, nicht besitzt, müssen täglich betreut und geritten werden. Gianna Regenbrecht hat ein ganzes Team hinter sich, hat zwei Bereiterinnen, die beim Training der Pferde unterstützen, und Helferinnen im Stall beim Putzen und Misten. Der finanzielle Aufwand ist erheblich. Sie hat Sponsoren, erhält Sportförderung und Unterstützung von der Sportstiftung NRW und der Stiftung deutscher Pferdesport.

Mit dem Rollstuhl rollt die 32-Jährige in die Box zu Nico, schiebt die Räder kräftig über die Hügel aus weichen Spänen auf dem Boden. Ihre Arbeitshöhe: Pferdebauch. Hoch über ihr: der Kopf des imposanten Tieres. Wie kann sie sich wieder Pferden aussetzen? Wie kann sie wieder reiten? Sie hat die Fragen oft gehört. «Das ist für jemanden, der nicht reitet, vielleicht nicht zu verstehen. Selbst meine Familie hat sich gefragt: Warum tut sie das?» Tja: warum eigentlich?

Gianna Regenbrecht mit ihrem Pferd im Stall
Vorbereitung aufs Training: Gianna Regenbrecht bringt bei Flori Bandagen an.
© FUNKE Foto Services / Socrates Tassos

Die verblasste Erinnerung an den Tag helfe ihr, sagt sie. Als sie hörte, dass Hippotherapie ihr helfen könne, habe sie sofort zurück aufs Pferd gewollt. Die Bewegungen, die das Becken dabei macht, rufen Bewegungsmuster des Gehens im Gehirn ab. «Als das gut geklappt hat, habe ich mir überlegt, dass ich eigentlich auch wieder richtig reiten könnte», lacht sie. Ihrer Familie habe sie davon nichts erzählt. Die ersten Versuche habe sie mit ihrer Trainerin heimlich gemacht. Beim Abendessen habe sie ihrer Mutter das Handy mit einem Video davon rübergeschoben. «Schau mal…». Der Papa, der heute ihr größter Fan sei, habe das zunächst gar nicht leiden können.

Steigbügel Gianna Regenbrecht
Spezielle Steigbügel verhindern, dass Gianna Regenbrecht während des Reitens herausrutscht.
© FUNKE Foto Services / Socrates Tassos

Beim Aufsteigen braucht sie Hilfe. Sie rutscht in ihrem Rollstuhl ganz nach vorn, stellt sich hin, ihr Freund drückt sie hoch auf den Pferderücken. Mit den Armen hilft sie ihren Beinen in die richtige Position. Gianna Regenbrecht hat besondere Steigbügel, aus denen sie nicht herausgleiten kann. Zwei Verschlüsse um die Oberschenkel geben ihr Halt – und sie hat jeweils eine Gerte in jeder Hand, mit denen sie dem Pferd Impulse gibt. «Meine Ersatzbeine», sagt sie, weil die Kraft in den Beinen nicht ausreicht, sie auf das Pferd zu übertragen. «Ich reite ganz viel aus meiner Spannung im Oberkörper heraus.» Deswegen mache sie viel Krafttraining. Sie habe das Reiten neu lernen müssen.

Ihre Pferde müssen lernen, sie zu verstehen

2016, zwei Jahre nach dem Unfall, kaufte sie ihr erstes eigenes Pferd. Ein junges Pferd, das sie mit ihrer Trainerin Claudia Lange selber ausbildete und zum Para-Turnierpferd machte. Mittlerweile reitet sie Pferde, die internationalen Ansprüchen genügen. Doch eines ist immer gleich: Jedes Pferd habe eine gute Grundausbildung. «Die haben sozusagen alle richtig gut Deutsch gelernt, aber ich muss ihnen meinen Dialekt beibringen. Ich muss ihnen Schritt für Schritt erklären, wie ich was meine. Ich bin darauf angewiesen, dass mich die Pferde richtig gut kennen.»

Die Liebe zu den Pferden und zum Reitsport – die sei nie erloschen, sagt Gianna Regenbrecht kurz bevor sie im Rollstuhl sitzend Flori die Beine bandagiert. «Wenn ich nicht mehr reiten könnte, dann würde es mir richtig schlecht gehen. Reiten zu können bedeutet für mich viel mentale Stärke, Selbstbewusstsein, ein Stück Normalität.» Sie macht eine kurze Pause. «Es gibt vielleicht mein altes und mein neues Leben. Aber das alles ist mein Leben.» Und das will sie auskosten. 

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