Belle Burdens Memoir «Fremde» hat in den USA einen Hype ausgelöst. Nun ist das Buch auf Deutsch erschienen. Warum ihre Geschichte uns alle betrifft.

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Für viele Menschen, die sich ernsthaft mit Partnerschaft und den großen Versprechen des Lebens auseinandersetzen, ist eine unbequeme Erkenntnis irgendwann unausweichlich: Nichts ist sicher. Auch die Liebe nicht. Menschen verändern sich, Gefühle verändern sich, Beziehungen können enden. Sich das einzugestehen, ist nicht zynisch. Es ist eine Form von Freiheit. Denn wer erkennt, dass eine Partnerschaft nicht für alle Zeiten garantiert ist, kann sich fragen: Wie möchte ich lieben und leben, ohne mich selbst dabei zu verlieren?
Das Memoir «Fremde. Die Geschichte einer Ehe» von Belle Burden erzählt genau davon. Burden war 50, seit 21 Jahren verheiratet und Mutter von drei Kindern. Anfang 2020, in den ersten Monaten der Corona-Pandemie, lebte die Familie im Ferienhaus auf Martha’s Vineyard, einer Insel in Massachusetts. Dort erklärte ihr Mann, dass er die Ehe beenden wolle. Er hatte eine Affäre, packte seine Sachen und ging. Belles Welt brach zusammen. Und aus dem vertrauten Partner wurde ein Mensch, den Burden kaum wiedererkannte. Ein Fremder.
Immer mehr Paare trennen sich in der zweiten Lebenshälfte
Burdens Geschichte steht für ein Phänomen, das in den USA als «Grey Divorce» bezeichnet wird: Scheidungen von Paaren ab 50. Untersuchungen der Soziologin Susan L. Brown zeigen: Heute sind 36 Prozent der Menschen in den USA, die sich scheiden lassen, 50 Jahre oder älter. Die einzige Altersgruppe mit einer steigenden Scheidungsrate sind Menschen ab 65 Jahren. Und auch in Deutschland werden Scheidungen im höheren Alter häufiger. Das zeigt sich am gestiegenen Durchschnittsalter der Geschiedenen: 2022 waren Frauen bei der Scheidung im Schnitt 44,7 Jahre und Männer 47,8 Jahre alt – so alt wie nie zuvor.
Finanzielle Abhängigkeit
Belle Burden stammt aus einer wohlhabenden New Yorker Familie, ihre Großmutter Babe Paley gehörte zum Freundeskreis von Truman Capote und Jacqueline Kennedy, ihr Vater entstammte der Vanderbilt-Dynastie. Sie lebte in einem hochprivilegierten Umfeld und verfügte offenbar über erhebliches Vermögen. Gerade deshalb ist es wichtig, ihre Geschichte nicht mit dem Leben anderer Frauen gleichzusetzen. Und doch zeigt sie ein Problem, das weit über ihre Welt hinausweist: finanzielle Abhängigkeit.
Burden, die in Harvard Jura studiert hatte, gab ihren Beruf auf, während ihr Mann Karriere machte. Sie organisierte das Familienleben, er verdiente das Geld. Sie kümmerte sich nicht um das Vermögen, die Konten, Verträge und Immobilien. Nach der Trennung musste sie feststellen, wie gefährlich diese Unkenntnis war. Wegen eines ungünstigen Ehevertrags, so schildert sie es, hätte sie beinahe mehrere Immobilien verloren.
Finanzielle Unabhängigkeit bedeutet nicht, dass eine Frau jederzeit allein für sich sorgen muss. Partnerschaft darf selbstverständlich heißen, Verantwortung zu teilen und füreinander einzustehen. Aber beide sollten Zugang zu den Finanzen haben und wissen, wie das gemeinsame Leben funktioniert. Denn gerade bei einer Scheidung in der zweiten Lebenshälfte ist die finanzielle Vorsorge entscheidend. Nach einer Untersuchung der Soziologinnen I-Fen Lin und Susan L. Brown sank der Lebensstandard von Frauen nach einer Scheidung in den USA durchschnittlich um 45 Prozent – bei den Männern waren es nur 21 Prozent. Frauen haben in diesem Alter häufig weniger Berufsjahre, um Einkommensverluste auszugleichen oder sich eine Altersvorsorge neu aufzubauen.
Soziale Abhängigkeit
Belle Burdens Buch zeigt auch: In langjährigen Beziehungen kann das eigene Netzwerk unmerklich schrumpfen. Aus «meinen Freundschaften» werden schnell «unsere Freunde», aus «meinem Hobby» wird «unser Wochenende». Insbesondere enge Freundschaften sind keine Nebensache. Sie sind nachweislich verbunden mit höherem Wohlbefinden, auch im höheren Alter. Und nach einer Trennung können sie helfen, den Verlust von Zugehörigkeit und Alltag aufzufangen. Auch Hobbys, Sport, Ehrenamt, Weiterbildung oder ein eigenes berufliches Projekt sind wichtige Säulen. Sie schaffen Freude, Selbstwirksamkeit und Identität außerhalb der Partnerschaft. Sie erinnern uns daran, dass wir nicht nur Ehefrau, Partnerin, Mutter oder Managerin des Familienlebens sind, sondern ein eigenständiger Mensch.
Manchmal wird diese Unabhängigkeit mit emotionaler Distanz verwechselt: Als ließen wir uns nicht so tief ein, damit wir im Fall einer Trennung nicht so tief fallen. Aber: Wir dürfen uns verlieben. Wir dürfen jemanden brauchen, uns fallen lassen, gemeinsam planen und sagen: «Mit dir möchte ich alt werden». Nur sollte «mit dir» niemals bedeuten: «Ohne dich kann ich nicht leben.»

© Charmaine Burden/Luchterhand
Was wir noch von Belle Burden lernen können
Burdens Geschichte ist keine Gebrauchsanweisung für ein Leben ohne böse Überraschungen. Eine solche Versicherung gibt es nicht. Sie ist auch kein Argument dafür, Männern grundsätzlich zu misstrauen oder jede Ehe gedanklich schon als künftigen Scheidungsfall zu behandeln. Aber sie stellt eine unbequeme und wichtige Frage: Wie gut haben wir unser eigenes Leben im Griff?
Wissen wir, wie es finanziell funktioniert? Habe ich Menschen, an die ich mich wenden kann, wenn die Beziehung gescheitert ist? Gibt es Interessen, Ziele und Fähigkeiten, die ich unabhängig von meiner Parnterschaft lebe? Kann ich Entscheidungen treffen, Probleme lösen und für mich sorgen? Liebe darf ein Zuhause sein. Aber sie sollte niemals der einzige Ort sein, an dem wir existieren.
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