Glücklichsein: Bringt mir ein unaufregender Job inneren Frieden?

Unsere Autorin wollte immer freiberuflich arbeiten. Bis sie Mutter wurde und die Verantwortung in allen Lebensbereichen plötzlich zu viel war. Kann ein Bürojob helfen?

Ich habe in meiner Jugend sehr viel «Girls» geschaut, eine Serie über Freundinnen in ihren Zwanzigern, die sich gemeinsam den Weg durch New York City und ihr Leben bahnen. Und obwohl die Protagonistin Hannah, genau wie ich, Journalistin werden wollte, habe ich mich seit der ersten Folge mehr mit Jessa identifiziert, ihrer besten Freundin, einer vielreisenden Teilzeit-Nanny. Und das lag an genau einem Zitat, welches mein berufliches Leben prägen sollte: «You know what the weirdest part about having a job is? You have to be there every day. Even on the days you don’t feel like it.» Du musst immer da sein für einen Job, auch wenn du dich nicht danach fühlst. Der saß. 
Ich bin fast immer im kreativen Bereich freiberuflich gewesen. Darauf habe ich hingearbeitet, das habe ich romantisiert, und letztendlich habe ich damit mein Geld verdient, womit Kinder ihre Freizeit gestalten: Geschichten geschrieben und Bilder gemalt. Ich musste nie Urlaub einreichen, konnte von überall arbeiten, beginnen, wann ich wollte, verplemperte kaum Zeit in Meetings und musste nie PowerPoint auf meinem Laptop installieren. Die Arbeit fühlte sich (fast) nie nach Arbeit an. Und an den Tagen, an denen ich mich trotzdem nicht danach gefühlt habe? Lag ich stattdessen plötzlich im Freibad oder sehr lang in den Federn. Dann bin ich Mutter geworden. 

Das Leben als Vollzeitjob

Nun hatte ich zwei Vollzeitjobs. Und mit Vollzeit meine ich nicht 40 Stunden, sondern 168, mal zwei. Meine Arbeitswoche hatte 336 Stunden. Und da habe ich gemerkt, dass ich Jessas Zitat mein Leben lang falsch verstanden habe. Meine Freiberuflichkeit war nicht die Rettung vor ihrer Dystopie. Sie war genau das Gegenteil. Vielleicht musste man körperlich keine Zeit absitzen, an den Tagen, an denen man sich nicht danach fühlte. Emotional war man aber dafür permanent involviert, der Körper lag vielleicht im Freibad, das Gehirn aber ratterte immer weiter.
Ich wollte endlich Feierabend. Ich wollte mir meine Kreativität für extraordinäre Gute-Nacht-Geschichten aufsparen oder selbstgebastelte Mobiles. Ich konnte es selbst kaum fassen, aber: Ich wollte einen Bürojob.

Warum bin ich denn jetzt so gestresst?

Die Psychologin Prof. Dr. Eva Asselmann ist Autorin des Buches «Too Much» und forscht darüber, wie sich Menschen und ihre Bedürfnisse im Laufe des Lebens wandeln können. «Ab dem Moment, in dem man Mutter wird, bleibt man immer in dieser Rolle. Man macht vielleicht nicht ständig etwas mit dem Kind, aber man hat immer Verantwortung. Die Belastung ist stark, aber gleichzeitig diffus und schwer greifbar», sagt Asselmann. 

Das kenne ich so auch aus meinem Berufsleben: Ich denke immer, ich könnte, müsste, sollte noch mehr machen. Niemand setzt mir Grenzen. Gleichzeitig setzt mich auch niemand unter Druck, etwas tun zu müssen. «Da fragt man sich manchmal: Warum bin ich denn jetzt so gestresst? So anstrengend ist das doch gar nicht. Denn mit harter Arbeit verbinden wir noch häufig, körperlich zu schuften, nonstop», sagt Asselmann. Dabei ist es mehr die emotionale Involviertheit, die ständige Verantwortung, die uns auslaugt. «Ein Bürojob hat typische Merkmale, bei denen ich Verantwortung abgebe: Es wird für mich entschieden, wann ich da zu sein habe, wann ich gehe, wann ich pausiere. Andere geben mir Aufgaben, ich muss nur ausführen.»

Eine Welt voller Möglichkeiten 

Wir leben heute in einer Welt, in der es auch außerhalb von Job und Elternschaft ständig darum geht, Entscheidungen zu treffen: Welches Produkt kaufe ich, wo lebe ich, mit wem und womit verbringe ich meine Zeit? «Wir müssen uns permanent selbst verorten und das auch noch besonders gut, weil uns auf Social Media tausende Ideale begegnen. Das kann unheimlichen Druck ausüben: das Gefühl die Pflicht zu haben, das Bestmögliche aus dem Leben zu machen», so Asselmann. 
Früher war das anders. 

Aber war es früher besser? «Wir sehen aktuell in vielen Lebensbereichen eine verstärkte Nostalgie. Es gibt den Trend der Tradwifes oder der Stay-at-home-Girlfriends. Das sind Ideale, bei denen man seine Aufgaben nicht infrage stellt. Und häufig sehnen wir uns zurück nach dieser weniger komplexen Zeit, wo der eigene Weg vorgegeben war: Man wurde in eine Familie hineingeboren und wusste genau, wo man in 20 Jahren stehen würde. Dabei übersehen wir aber schnell, dass es früher andere Herausforderungen gab, die wir überwunden haben“, sagt die Expertin. Keine staatliche Unterstützung bei der Kindererziehung, kaum Raum für Selbstbestimmung oder die Möglichkeit, gewaltvolle Beziehungen zu verlassen, sind nur einige davon.

Die Gefahr, durch Langeweile auszubrennen 

 Während ich mich durch Annoncen in Tagesblättchen quälte, dachte ich über meine damaligen Studentenjobs nach. Von einer großen Supermarktkette wurde mir mit der Kündigung gedroht, weil in meiner Kasse abends drei Euro zu viel waren. In der Bäckerei habe ich mich jeden Abend mit dem Kollegen gezankt, als dieser noch völlig passable Gebäckteilchen in den Mülleimer rutschen ließ, «weil das eben so gemacht werden muss!» Und an meine Zeit im Büro einer Anwaltskanzlei kann ich mich nicht mal mehr erinnern, null, so wenig Bedeutung habe ich der Arbeit geschenkt. 
«Diese Sehnsucht nach einem solchen Job ist häufig eine Projektion. Letztendlich wären wir dort wahrscheinlich doch nicht so glücklich, weil so ein Job Herausforderungen mit sich bringt, die wir auf den ersten Blick nicht sehen. Wenn man wenig Handlungsspielraum hat, kann das zum Beispiel auch belastend sein», sagt Asselmann. Wie aufgebracht ich wegen des täglichen Teilchen-Gates jeden Abend vom Bäcker nach Hause stampfen würde, hatte ich bei Antritt der Stelle tatsächlich nicht auf dem Schirm gehabt. 
«Wir arbeiten den Großteil unseres Lebens, acht Stunden am Tag, also ist ein Job einfach deutlich sinnvoller, wenn ich mich dort weiterentwickeln kann“, sagt Asselmann. Denn es gibt nicht nur das Burnout, sondern auch das Boreout. Chronische Unterforderung kann ebenfalls zu Stress, bis hin zu schweren psychischen Krisen führen. «Für die Persönlichkeitsentwicklung ist es vorteilhafter, sich Herausforderungen zu stellen. Es erfüllt Menschen, wenn die Aufgaben ihren Fähigkeiten entsprechen oder vielleicht ein Ticken höher sind.» 

Frei arbeiten, Grenzen setzen

Wahrscheinlich hätte die Qualität meiner Gute-Nacht-Geschichten also eher abgenommen, hätte ich meine Tage in einem Büro abgesessen. Ich habe mich vergangenes Jahr also letztendlich dafür entschieden, freiberuflich zu bleiben – aber Grenzen zu setzen. Nach 19 Uhr öffne ich keine neuen Nachrichten mehr, ich plane immer montags meine Woche durch, habe Routinen etabliert und schiebe die Beantwortung unangenehmer Mails nicht vor mir her. Außerdem sage ich mir oft, dass das, was ich bereits tue, ausreicht. Ich möchte keinen Bürojob mehr. Und jetzt gehe ich ins Freibad.

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