Interview: "Frauenkörper haben sogar Vorteile im All"

Im April flog Christina Koch als erste Astronautin zum Mond – und entfachte damit einen neuen Hype. Sollten Frauen mehr nach den Sternen greifen? Ja, findet Astronomin Jana Steuer im BRIGITTE-Interview.

BRIGITTE: Die «Artemis 2»-Mission sorgte im Frühjahr für Schlagzeilen – auch wegen der Amerikanerin Christina Koch, die als erste Frau zum Mond flog. Haben wir da einen historischen Moment erlebt oder haben uns eher die spektakulären Bilder in den Bann gezogen?

Jana Steuer: Beides! Und ich finde, man darf das nicht gegeneinander ausspielen. Symbolik hat Kraft. Das Foto von Christina Koch, auf dem sie aus dem Fenster des Raumschiffs Richtung Erde schaut, hat mich wirklich berührt. Weibliche Vorbilder können viel bewirken. Für Mädchen, aber auch für die Gesellschaft insgesamt. Die Mission war sehr präsent in den Medien und auf Social Media. Das hat etwas in der Wahrnehmung verändert.

Was müsste passieren, damit das Foto von Koch nicht einmalig bleibt?

Man müsste das Momentum mitnehmen und bei den nächsten «Artemis»-Missionen wieder Frauen dabeihaben. Aber auch zeigen, dass es nicht nur um die Astronautinnen geht. In den Flugkontrollzentren, in den Ingenieurbüros, überall dort, wo Raumfahrt organisiert und geplant wird, sind ja auch Frauen dabei. Das muss sichtbar werden, das hat eine große Vorbildfunktion!

Astronomin Jana Steuer
Jana Steuer ist Astronomin und Wissenschaftsjournalistin. Ihr Buch „Auf einen Kaffee im All“, mit den Co-Autorinnen Eva Freistetter und Elka Xharo, ist kürzlich im Goldegg Verlag erschienen.

Trotzdem ist Astrophysik immer noch eine Männerdomäne: Nur 14 Prozent der Professuren gehen an Frauen, nur fünf Frauen haben bisher einen Nobelpreis in Physik erhalten – dagegen stehen 220 Männer.

Das ist kein Wunder. Mädchen wird früh vermittelt, dass Mathe und Physik nicht wirklich ihre Sache sind. «Wenn du nicht so gut in Mathe bist, macht das nichts, das ist Jungssache», der Satz ist ja oft nicht einmal böse gemeint. Und wenn sie trotzdem Physik studieren, treffen sie an der Uni auf lauter männliche Professoren. Viele fühlen sich dann fehl am Platz, geben auf.

Lange hieß es auch, Frauen seien für die Raumfahrt schlichtweg körperlich weniger geeignet.

Das war eine Ausrede und wurde nie wissenschaftlich belegt. Heute weiß man: Frauenkörper haben sogar Vorteile im All. Bei Raumfahrtmissionen zählt jedes eingesparte Gramm, das geringere Körpergewicht von Frauen ist also ein Vorteil, ihr niedrigerer Energieverbrauch ebenso. Es gibt auch Hinweise, dass Frauen wegen ihrer durchschnittlich geringeren Körpergröße mehr G-Kräfte vertragen als Männer, also die Kräfte, die beim Beschleunigen auf den Körper einwirken.

Muss man als Astronautin nach wie vor einen Kampfjet fliegen können?

Früher kamen Astronauten vor allem vom Militär, es handelte sich oft um Kampfjetflieger, die mit den G-Kräften und extremen Risikosituationen umgehen konnten. Aber das Berufsbild hat sich geändert. Heute sucht man dazu Medizinerinnen und Biologen, die im All Experimente machen. Auch Geophysik oder Ingenieurwissenschaften sind ein guter Background. Genauso wichtig sind körperliche Fitness und ein gewisses psychologisches Profil, denn man muss ja auf engsten Raum mit anderen Menschen klarkommen.

In Ihrem Buch «Auf einen Kaffee im All» schreiben Sie und Ihre Co-Autorinnen über Frauen, die die Astronomie vorangetrieben haben und die trotzdem kaum jemand kennt. Wer hat Sie besonders beeindruckt?

Die österreichische Kernphysikerin Lise Meitner zum Beispiel. Sie hat jahrelang unbezahlt gearbeitet, durfte Universitäten nur durch den Hintereingang betreten, ist vor den Nazis nach Schweden geflohen. Die theoretische Erklärung der Kernspaltung geht auf ihre Arbeit zurück – den Nobelpreis hat sie aber nie bekommen, obwohl sie über vierzig Mal nominiert wurde. Auch Jocelyn Bell Burnell ist faszinierend. Sie hat als Doktorandin die Pulsare entdeckt, das sind wahnsinnig schnell rotierende Sternleichen. Den Nobelpreis dafür hat ihr Doktorvater erhalten. Sie lebt immer noch und ist ein großartiges Vorbild.

Sie haben selbst Astrophysik studiert, ein Fach, das bei vielen eher als schwer zugänglich gilt.

Das Studium war für mich tatsächlich hart. Doch um zu verstehen, wie faszinierend das Universum ist, braucht man die tiefe Mathematik gar nicht. Deshalb haben wir ja auch das Buch geschrieben. Wir wollen so die Hemmschwelle senken und einen unkomplizierten Zugang zur Astronomie schaffen.

Woher kommt eigentlich Ihre eigene Faszination für die Sterne?

Als ich Kind war, machten wir oft dort Urlaub, wo man eine weite Sicht ins All hat. Mein Vater hat mir dann die Sterne erklärt. Davon bin ich nie losgekommen. Und ich bin damit nicht allein – viele spüren diese Verbindung zum Kosmos.

Was macht sie mit uns?

Astronauten beschreiben oft den sogenannten Overview-Effekt: Wenn sie die Erde von außen sehen, wird ihnen klar, wie zerbrechlich sie ist. Ich hoffe, dass die Bilder von den Weltraummissionen noch mehr Menschen zeigen, wie besonders die Erde ist und wie schützenswert.

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