"John of John": Dieser Roman wird dich noch Wochen nach dem Lesen begeistern

«John of John» gehört für unsere Autorin schon jetzt zu den besten Neuerscheinungen des Jahres. Was sie an dem neuen Roman von Douglas Stuart begeistert hat.

In seinem neuen Roman erzählt der schottisch-amerikanische Autor Douglas Stuart eine beeindruckende Geschichte zweier Männer, deren kompliziertes Verhältnis zueinander in erster Linie ihr Selbstverhältnis spiegelt.

Sammy war in jeglicher Hinsicht das Gegenteil seines Vaters, und in dem Moment, in dem er dies erkannte, wurde ihm klar, dass er ihn niemals lieben könnte.

Cal hat eine denkbar schwierige Beziehung zu seinem Vater, und wie dieser Satz aus dem Roman «John of John» gemeint ist, lässt Spielraum für Interpretation: Empfindet Cal sogar die Assoziation «Gegenteil meines Vaters» als zu unangenehm, um eine Person zu lieben, die diese Assoziation in ihm weckt? Spürt der Anfang Zwanzigjährige, dass er trotz Wut und Scham und Erniedrigung, die seine Beziehung zu Vater John prägen, nur Menschen lieben kann, in dem er Seiten seines Vaters erkennt? 

Ein junger Mann kehrt zurück zu seinen Wurzeln

Nach vier Jahren Studium in Edinburgh kehrt Cal zurück in seine Heimat: Eine raue, abgelegene Insel der schottischen Hybriden. Er zieht wieder in sein Elternhaus, zu seinem Vater John und seiner Großmutter – mütterlicherseits – Ella, deren sorgenerregend lilafarbene Füße Hauptgrund für Cals Heimkehr darboten. Dass der junge Mann verschuldet, pleite und ohne feste Bleibe von Freundes-Couch zu Freundes-Couch in Edinburgh gezogen war, hatte ihm als Argument bis dato nicht gereicht.

Direkt beim ersten Aufeinandertreffen offenbart sich ein Streitthema zwischen Vater und Sohn: Cals Frisur, die ganz und gar nicht Johns biblisch geprägten Vorstellungen eines männlichen Haarschnitts entspricht. Schnell wird klar, dass es um mehr geht als um Haare, und genauso rasch verstehen wir, warum Cal seinem Vater einen viel wichtigeren Teil seiner Identität verschweigt: seine Homosexualität. Allerdings hat auch John Geheimnisse vor seinem Sohn. 

Atmosphäre, Tiefe, Glaubwürdigkeit: «John of John» hat mich von Anfang bis Ende begeistert

Angefangen vom Setting über die Charaktere und ihre Beziehungen bis hin zu seinem großartigen Ende habe ich nahezu alles an diesem Roman geliebt. Selbst wenn ich lesend bei strahlendem Sonnenschein in einem belebten Café saß, hatte ich das Gefühl, ich müsste eine Fähre und zwei Busse besteigen, um zum nächsten Supermarkt zu gelangen. 

Cal, der mit vollem Namen übrigens John-Calum heißt, also den gleichen Namen trägt wie sein Vater (deshalb «John of John»), lässt uns mit ihm spüren, was es bedeutet, sich nicht ausleben zu dürfen. Er steckt fest in einem Leben, aus dem er sich befreit geglaubt hatte, das ihm aber dadurch, dass es ihm vertraut ist, auch etwas Behagliches bietet. 

Die Beziehung zu seinem Vater ist so konfliktreich und ambivalent, dass sie nicht fiktiv, sondern absolut echt erscheint: Einerseits möchte er ihm weder nahe sein noch ähneln, andererseits müsste er dafür aufhören, er selbst zu sein. Das Verhältnis der beiden oszilliert zwischen Streit und Zusammenhalt, zwischen strafendem Schweigen und stillschweigender Eintracht. 

Doch nicht nur in Cals Leben lässt uns der Autor blicken, wir erfahren auch, was John bewegt: Wir verstehen seine Scham, seine Enttäuschung, seine Wut, erkennen ebenso seine tiefe Liebe zu seinem Sohn. 

Sensibel, aufmerksam und klug führt uns Douglas Stuart vor Augen, wie Wunden von einer Generation auf die nächste übergehen und wie schwierig es ist, auf die Fähre zu steigen, die uns von unserer Heimatinsel fortbringt. 

Wer aber sagt, dass wir im Leben ständig vorankommen müssen? «Bist du sicher, dass du nicht gerne feststeckst? Hat es nicht etwas Angenehmes, festzustecken?», fragt Cal an einer Stelle den Nachbarn der Familie, Innes. Mit einem Buch wie «John of John» in der Hand, hat es das auf jeden Fall.

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