Nachdem Medizinstudentinnen beim Deutschen Ärztetag von sexualisierter Gewalt und Grenzüberschreitungen berichteten, fragen wir uns: Gehört Machtmissbrauch auch in Kliniken zum Alltag? BRIGITTE hat mit einer Oberärztin einer großen Klinik gesprochen – über Sexismus, Mobbing und was sich jetzt dringend ändern muss – auch im Sinne der Patientinnen.
Nach vielen Jahren Tätigkeit im Klinikalltag kenne ich das Thema Machtmissbrauch sowie die männlich geprägten Strukturen in der Medizin mittlerweile sehr gut. Ich persönlich habe keine direkten sexuellen Übergriffe erlebt, sondern vielmehr die systematische Benachteiligung von Frauen, insbesondere wenn sie Kinder haben und in Teilzeit arbeiten.
In chirurgischen Fachbereichen wird vermehrt «getätschelt»
Ich tausche mich regelmäßig mit Kolleginnen anderer Abteilungen aus und natürlich waren die verstörenden Ereignisse auf dem Deutschen Ärztetag großes Thema. Überrascht hat das aber niemanden – die Einladungen ins Hotelzimmer, die unsittlichen Berührungen, Kommentare übers Äußere … Bereits im April hat der Marburger Bund eine bundesweite Umfrage vorgestellt – und die bestätigt genau das, was viele von uns erleben: respektloser, herablassender Ton, ständige Infragestellung der fachlichen Kompetenz, Mobbing, öffentliche Bloßstellung. Sexuelle Belästigung zeigt sich dabei oft subtil: sexuell aufgeladene Kommentare, abwertende Sprüche, anzügliche Gespräche.
Speziell in chirurgischen Fachbereichen ist der Umgang oft rau und grenzüberschreitend. Dort findet man vermehrt dieses «Tätscheln», das auch die Studentinnen auf dem Deutschen Ärztetag erlebt haben wollen, oder zweideutige Witze. Ich kenne einige Geschichten von Kolleginnen, denen Ähnliches passiert ist. Im OP wird auch viel geschrien, ich kenne Mitarbeiterinnen, die mit Material beworfen wurden.
In meiner Ausbildungszeit als junge Assistenzärztin hat mir ein Oberarzt bei Erklärungen immer wieder den Arm um die Schulter gelegt. Ich glaube nicht, dass das von ihm sexuell gemeint war, aber angenehm war es trotzdem nicht. Gerade in der Chirurgie erlebe ich bis heute ein stark männlich geprägtes, hierarchisches Selbstbild — ein Klischee, das auch von beiden Seiten mitgetragen wird. Trotzdem gilt für mich ganz klar: Bewunderung ist keine Einladung zu übergriffigem Verhalten.
«Geh lieber zurück an den Herd»
Vorwiegend in den älteren Führungsgenerationen wird an alten Strukturen und traditionellen Rollenbildern festgehalten. Ein besonders traumatisches persönliches Ereignis war ein Einzelgespräch mit einem männlichen Vorgesetzten, der mich im Gespräch systematisch herabgewürdigt hat. Unter anderem nannte er mich «die arme Kleine» und behauptete, es habe Beschwerden gegen mich gegeben und ich würde meine Arbeit nicht gut machen. Nach dem Gespräch bin ich in mein Zimmer geflüchtet, habe gezittert und geweint.
Ziel war es damals, mich von weiteren Karriereschritten abzuhalten. Was er und andere auch fast geschafft hätten. Ich habe in dieser Zeit ernsthaft überlegt, zu kündigen. Nur mithife einer Therapeutin beziehungsweise eines Coachings habe ich es damals geschafft, weiterhin dem Druck standzuhalten.
Während meiner assistenzärztlichen Ausbildung habe ich sogar erlebt, wie ein Oberarzt zu einer jungen Kollegin sagte, sie solle «lieber zurück an den Herd» gehen, weil sie während der Visite Laborwerte von Patienten nicht auswendig wiedergeben konnte. Strukturell führt dieses Klima dazu, dass viele hoch qualifizierte Frauen die Kliniken verlassen, weil sie merken, dass sie unter der alten männlichen Riege niemals Karriere machen können. Ich habe so viele Kolleginnen aufgeben und gehen sehen!
Ein Grund dafür, dass Männer in den oberen Positionen sitzen, ist, dass sie in solchen Strukturen oft eher unter sich bleiben und sich gegenseitig stabilisieren. In den entscheidenden Runden und an den großen Tischen wird mitunter auch mit sexistischer oder abwertender Ironie gearbeitet, etwa wenn über Gleichstellungsthemen Witze gemacht werden. Das schafft ein Klima, in dem Frauen und Männer mit Care-Verantwortung nicht selbstverständlich mitgedacht werden, wenn sich nur wenige für Teilzeit und Familienthemen einsetzen.
«Werd bloß nicht schwanger!»
Hinzu kommt das bis heute wirksame Vorurteil, Eltern seien wegen Familie, Schwangerschaft und Teilzeit weniger verlässlich für Führungspositionen. Genau das ist ein strukturelles Problem: In vielen Kliniken bekommt man einen oberärztlichen Posten nur in Vollzeit, was vor allem Frauen, die nach wie vor einen Großteil der Care-Arbeit übernehmen, zusätzlich benachteiligt. Deshalb bleibt der Aufstieg in die oberen Ebenen für Männer oft leichter als für Frauen.
Eine Kollegin aus einer anderen Klinik hat mir folgende Geschichte berichtet: Es war geplant, ihr einen oberärztlichen Posten zu geben. Vorher hat der Klinikleiter, auch ein Chef der alten Riege, sie zum Einzelgespräch gebeten. Im Gespräch drohte er ihr quasi damit, ihr den Posten nicht zu geben, sollte sie zeitnah schwanger werden. Es fielen die Worte: «Wenn Sie jetzt schwanger werden, werde ich Sie höchstpersönlich zur Abtreibung zerren.» Sie war damals kinderlos und hat dann letztlich die Klinik verlassen.
Für uns hat es damals irgendwie dazugehört, dass solche Dinge passiert sind. So war es eben. Daher sind wir auch nicht auf den Gedanken gekommen, uns zu beschweren oder etwas zu melden. Ohnehin ist das meiste ja in 4-Augen-Gesprächen passiert; man konnte nichts beweisen.
Dass Medizinstudierende jetzt auf dem Ärztetag in einer Rede von übergriffigem Verhalten vor Ort berichtet haben, ist deshalb gut und wichtig – damit sich endlich etwas verändert! Ärztekammern und Verbände haben ja bereits Aufklärung und Schutzkonzepte angekündigt.
Oberarztposition oft nur in Vollzeit möglich
Ich bin mir trotzdem ziemlich sicher, dass nur sehr wenige Chefärzte in Kliniken darauf reagieren und sagen würden: «Wir müssen das Problem ernst nehmen und etwas machen». Vielmehr haben sie Angst, dass ihr sexistischer «Men’s Club» in Gefahr ist. Neulich jammerte ein Kollege: «Hier darf man ja gar nichts mehr sagen … Ihr rennt ja alle gleich zur Gleichstellungsbeauftragten. Und dann wird behauptet, man habe wieder jemanden angefasst». Sie betrachten das Thema nicht als Chance, etwas zu verbessern oder Gleichstellung zu integrieren.
In vielen Kliniken ist es noch immer Gesetz, dass man eine Oberarztposition nur in Vollzeit ausüben kann. Männer werden bei gleicher oder sogar schlechterer Qualifikation oft vorgezogen. Frauen haben zudem oft das Gefühl, perfekt sein zu müssen, um überhaupt anerkannt zu werden.
Mein aktueller Chef ist hier eine Ausnahme und ein positives Beispiel dafür, dass man auch neue und modernere Wege beschreiten kann. Er setzt sich für Familienförderung ein und hat mich auch in Teilzeit zur Oberärztin gemacht, was nach wie vor an unserer gesamten Klinik eine Seltenheit ist und regelmäßig bei der alten Riege auf Widerstände stößt. Männliche Kollegen, die wegen Kinderbetreuung in Teilzeit arbeiten oder Elternzeit machen wollen, sind natürlich in diesem Punkt gleichermaßen benachteiligt beziehungsweise betroffen.
«Gemischte Teams verbessern Patientenversorgung»
Behandlungsfehler würde ich darauf aber nicht zurückführen, die passieren eher durch die langen und herausfordernden Dienste und Arbeitszeiten sowie den immensen Druck und die Verantwortung, der man wiederkehrend ausgesetzt ist. Unter anderem musste ich während meiner Ausbildung 24-stündige Anwesenheitsdienste auf der Bettenstation leisten und nach Dienstschluss häufig noch zur Visite bleiben. Das hat sich zwar glücklicherweise geändert, jedoch sind 12-Stunden-Schichten und Wochenendarbeit natürlich weiterhin Alltag im Krankenhaus. Bedingungen, die wenig mit Familie vereinbar sind.
Fakt ist, dass es für die Patientenversorgung schädlich wäre, wenn in medizinischen Teams nur noch Männer vertreten wären, besonders auch in leitenden Positionen. Eine gute Versorgung lebt davon, dass unterschiedliche Perspektiven, Kommunikationsstile und Erfahrungen zusammenkommen. Studien zeigen, dass gemischte Teams die Patientenversorgung verbessern, da Frauen oft Stärken in der empathischen Kommunikation und Patientenbindung haben. Viele Patientinnen und Patienten fühlen sich zudem wohler und besser verstanden, wenn sie die Wahl zwischen Ärztinnen und Ärzten haben. Gerade bei sensiblen Themen kann das Vertrauen stärken und die Behandlung verbessern.
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