Krankenkassen-Sparpaket bestätigt: Was bedeutet das für psychisch kranke Menschen? Eine Betroffene erzählt

Zuerst wurden die Honorare gekürzt, dann sollte die Mindestvergütung gestrichen werden. Das Sparpaket der Politik gefährdet nicht nur Psychotherapeut:innen, sondern auch psychisch erkrankte Menschen.

100 Tage – so lange warten Patient:innen in Deutschland im Durchschnitt auf einen ambulanten Psychotherapieplatz. Je nach Region sind es deutlich mehr. Wer dringend Hilfe braucht, für den können drei Monate eine Ewigkeit sein. Wer in dieser Zeit keinen Platz findet, wird nicht einfach später gesund. Er wird kränker. Depressionen und Angststörungen verstärken sich, Krisen eskalieren. Für suizidgefährdete Menschen kann das sogar lebensgefährlich sein. Und trotzdem wird ausgerechnet an der psychotherapeutischen Versorgung gespart. Dabei macht die laut Hochrechnungen nur ein bis eineinhalb Prozent der Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen aus. 

Zwar hat das Landessozialgericht Berlin-Brandenburg die Honorarkürzung für psychotherapeutische Leistungen vorerst ausgesetzt. Doch das grundsätzliche Problem der Sparmaßnahmen in der ambulanten Versorgung steht weiterhin im Raum: Durch die Budgetierung der Leistungen werden zusätzliche Behandlungen für Praxen finanziell weniger attraktiv und nicht kostendeckend sein können. Für Patient:innen bedeutet das vor allem eines: Sorge, dass ein ohnehin überlastetes System noch weiter unter Druck gerät.

Und ich frage mich: Wie soll eine Reform Menschen schneller in Therapie bringen, wenn diejenigen, die heute schon keinen Platz finden, künftig womöglich noch weniger Anlaufstellen haben?

Liebe Politiker:innen, wissen Sie, wie sich die Suche nach einem Therapieplatz anfühlt?

Ich habe mit Paula gesprochen, die diesen Weg gleich zweimal gehen musste. Zweimal hat sie sich einen Therapieplatz über das sogenannte Kostenerstattungsverfahren erkämpft. Das bedeutet: Als Kassenpatientin sucht sie sich eine Privatpraxis, die Kosten übernimmt anschließend die Krankenkasse – zumindest theoretisch. Bevor das passiert, muss sie jedoch nachweisen, dass das reguläre Versorgungssystem versagt hat. «Und das ist wirklich ein Teilzeitjob», so Paula.

Sie hätte sich auch auf eine Warteliste setzen lassen können. Dann hätte sie nach eigener Einschätzung vermutlich bis zu zwei Jahre auf einen Therapieplatz gewartet. Also entschied sie sich für den deutlich aufwendigeren Weg über das Erstattungsverfahren. Trotzdem sagt sie: Eigentlich sei dieser Weg für viele psychisch kranke Menschen kaum zu bewältigen. Denn: «Niemand sagt einem, wie das Ganze funktioniert. Man ist total auf sich alleingestellt.» 

Der Weg zur Therapie wird zur Belastungsprobe

Was Paula erzählt, klingt weniger nach Gesundheitsversorgung als nach einem Behördenmarathon. Sie berichtet von Warteschleifen bei der 116117, von unzähligen Therapeut:innen, die sie kontaktieren musste, von Absagen, die gesammelt, dokumentiert und eingereicht werden mussten. Von Formularen, Konsiliarberichten, Screenshots und Fristen. 

«Man muss so viele Sachen in der richtigen Reihenfolge machen. Erst das Erstgespräch, dann den Dringlichkeitscode, dann wieder telefonieren, dann Absagen sammeln, dann wieder Formulare. Und dann sagt die Krankenkasse: ‚Ach übrigens, jetzt fehlt noch das. Es fühlt sich wirklich so an, als würden man konstant gegen einen Widerstand arbeiten.»

Und damit ist es nicht getan. Parallel musste sie auch noch eine Privattherapeutin finden, die überhaupt bereit war, sie im Kostenerstattungsverfahren zu behandeln – und das erste Gespräch zunächst aus eigener Tasche bezahlen.

Es ist absurd, dass ausgerechnet psychisch kranke Menschen ein Verfahren bewältigen müssen, das selbst gesunde Menschen überfordern würde. «Wenn man unter seiner psychischen Erkrankung leidet, geht man viel eher in Richtung Vermeidung», weiß Paula. «Man denkt: Das überfordert mich, ich mache lieber gar nichts. Eigentlich ist es unter diesen Voraussetzungen fast unmöglich, einen Therapieplatz zu bekommen.»

Sparen mit hohen Folgekosten

Dass ihre Therapie schließlich bewilligt wurde, schreibt Paula nicht einem funktionierenden System zu. «Ich hatte einfach das Glück, dass ich mich in solchen Situationen total festbeißen kann. Für mich war Aufgeben keine Option. Ich dachte immer: Dann mache ich eben einen riesigen Aufstand.» Aber vielen Menschen fehlt schlichtweg die Kraft, sich durch einen bürokratischen Prozess zu kämpfen, der ihnen genau dann Höchstleistungen abverlangt, wenn sie psychisch am wenigsten dazu in der Lage sind. 

Die Reformen sollen das System zukunftsfähig machen. Effizienter. Wirtschaftlicher. Das «Hamburger Bündnis für Psychotherapie» warnt jedoch vor genau dem Gegenteil: «Längere Wartezeiten führen zu mehr Chronifizierungen, höheren Suizidraten, längeren Arbeitsausfällen, Schulabsentismus und einer steigenden Suchtgefährdung.» Was heute bei der ambulanten Psychotherapie eingespart werde, verursache morgen deutlich höhere Kosten an anderer Stelle.

«Ich kenne so viele Menschen, die das Verfahren einfach nicht durchziehen. Nicht, weil sie nicht gesund werden wollen – sondern weil sie zu krank dafür sind», sagt Paula. Wenn künftig weniger Kassensitze zur Verfügung stehen oder sich die Versorgung weiter in Richtung Privatpraxis verschiebt, werden nicht weniger Menschen Hilfe brauchen. Es werden nur mehr noch länger auf sie warten müssen. 

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