Krebs in der Familie: Als die Mutter an Brustkrebs erkrankt, fällt die Tochter eine folgenschwere Entscheidung

Als ihre Mutter an Brustkrebs erkrankt, ahnt die damals 17-jährige Lucy nicht, wie sehr das ihr Leben verändern würde. Ganz persönlich. Denn als sie volljährig ist, entscheidet sie sich dafür, vorsorglich die Brüste entfernen zu lassen. Über diesen Weg und die Folgen erzählen Mutter und Tochter bei BRIGITTE.

Es war ein schöner Sommertag im August 2020. Patrycja war gerade 41 geworden und freute sich darüber, dass sie diese Woche Spätschicht hatte, schwimmen gehen vor der Arbeit.

Der Zufallsfund

Sie liegt schon im Bett, als einer ihrer drei Hunde noch einmal raus will. «Ich bin also im Nachthemd mit ihm die Treppe runter und hab mir dabei meine ‚Titties‘ festgehalten, mit den Daumen an der Achsel», erzählt Patrycja zu dem Moment, der alles verändern sollte, nicht nur für sie persönlich. Denn sie spürte da etwas seitlich in der Brust, einen Knubbel.

«Mein Hund hat mir das Leben gerettet», sagt sie heute. Denn erst drei Monate zuvor war sie bei der Vorsorge gewesen – ohne Befund. Und plötzlich dieser harte Knoten. «Wie eine Walnuss fühlte sich der an».

Am nächsten Tag sitzt Patrycja sofort bei ihrer Frauenärztin. «Beim Ultraschall konnte ich schon an ihrem Blick sehen, dass da etwas gar nicht gut aussieht.» Die Ärztin schickt sie für eine Stanzbiopsie ins Brustzentrum und wenige Tage später steht sie die schockierende Diagnose: Triple-negativer Brustkrebs, sehr aggressiv, sehr schnell wachsend. Vom Ertasten des Tumors bis zur ersten Chemotherapie vergehen gerade mal vier Wochen. 

«Dann ist irgendetwas nicht, wie es sein soll»

Auch für Patrycjas Töchter Seline und Lucy, damals 19 und 17, bedeutete der Tag, an dem ihre Mutter diesen Knubbel bemerkte, ein Wendepunkt. Auf mehreren Ebenen. Seitdem gibt es ein Davor und ein Danach. Besonders für Lucy.

Die Schülerin kam abends vom Nebenjob im Supermarkt nach Hause und fand ihre Mutter und ihren Vater auf der Hollywoodschaukel im Garten sitzen. «Ich hatte gleich ein ungutes Gefühl», sagt Lucy. «Ich kenne ja meine Eltern. Wenn die so bedröppelt gucken, dann ist irgendetwas nicht, wie es sein soll.» Sie setzte sich neben die beiden und dann erfuhr sie, Mama hat da etwas Hartes ertastet … 

«Lucy war sofort die Starke», erzählt Patrycja. «Das war sie immer. Ich wusste, sie hätte weinen wollen. Aber sie hat sofort die Rolle übernommen, uns aufzufangen. Das, was eigentlich mein Job gewesen wäre.» Instinktiv weiß sie, sie muss der Mama helfen, ihr Mut zusprechen. In den ersten bangen Tagen vor der Diagnose  («Es kann ja auch eine Zyste sein»), aber vor allem danach. 

Eine Krebs-Erkrankung trifft immer die ganze Familie, so auch hier. Doch wie sehr, das sollte sich bald herausstellen. 

Eine Familienangelegenheit

Noch während der ersten Chemotherapie wird Patrycja auf das sogenannte Brustkrebs-Gen getestet. Denn von dem Ergebnis hängt es ab, welche Art von Brustoperation folgen soll.  

Die zweifache Mutter hat sogar beide Mutationen, BRCA1 und BRCA2. Das erklärt, warum der Tumor so unglaublich schnell gewachsen war.  «Ich glaube, ich habe das von meinem Vater vererbt bekommen», meint Patrycja. Väterlicherseits gab es viele Krebserkrankungen, auch ihre Tante war an Eierstockkrebs gestorben. 

Da es sich um eine vererbbare Genmutation handelt, können sich ihre Kinder ebenfalls testen lassen. Die ältere Tochter, die damals19-Jährige Seline, zögert keine Sekunde und erfährt zum Glück schnell, dass sie dieses verdammte Krebsgen nicht hat. Auch Lucy möchte auch am liebsten sofort Bescheid wissen, denn sie will auf keinen Fall das gleiche durchmachen wie ihre Mutter. Doch sie muss noch warten: Erst mit 18 darf auch sie getestet werden. 

Chemo, Operation, Bestrahlung, wieder Chemo …

Zunächst steht ohnehin Patrycjas Behandlung im Vordergrund. Nach dem ersten Chemotherapie-Zyklus war ein Resttumor verblieben. «Das ist eine ganz schlechte Prognose bei triple-negativem Brustkrebs», muss sie erfahren. Es wird also das Brustgewebe entfernt, sie bekommt Bestrahlung, «das volle Programm», wie sie sagt. Später wird sie sich auch noch die Eierstöcke und außerdem die zweite, gesunde Brust abnehmen lassen. Sicher ist sicher.

Insgesamt wird Patrycjas zwei Jahre in Behandlung sein und dabei stets versuchen, die Zuversicht und ihren Humor nicht zu verlieren. Einmal kam sie mit der Fusselbürste für ihren fast kahlen Kopf an, «da mussten wir alle lachen», sagt sie. «Ich war eigentlich immer positiv», erinnert sie sich. Obwohl es die Coronazeit war. «Bei jeder Untersuchung war ich allein, bei jeder Operation war ich allein. Im Krankenhaus durfte mich niemand besuchen, die Kinder durften nicht raus, weil sie Angst hatten, Mama stirbt, wenn sie Corona nach Hause bringen»  – was für eine ungeheure Belastung für alle Beteiligten!

2021 kann Patrycja an einer Studie teilnehmen, bei der sie eine «SG-Therapie» erhält. Das ist ein Medikament aus der Gruppe der sogenannten Antikörper-Wirkstoff-Konjugate. Es bindet sich direkt an die Tumorzellen und beeinträchtigt deshalb das gesunde Gewebe weitaus weniger als bisherige Chemotherapien. Heute gilt sie als krebsfrei.

Lucy wird ganz still, wenn sie an diese Zeit zurückdenkt: «Man versteht das alles nicht so ganz. Ich war ja praktisch noch mitten in der Pubertät. Und da war immer der Gedanke: Vielleicht verliere ich die Mama. Ich musste mich völlig zurücknehmen, um mich und meine Familie zu schützen.» 

Erst die Mutter, dann die Tochter

Natürlich geht das Leben in der Zeit weiter. Lucy macht ihren Abschluss und beginnt ihre Erzieherausbildung. Und dann bekommt sie ihr Gentest-Ergebnis: BRCA1-Mutation! Sie, die für alle stark sein wollte, die der Familie von Tag Eins an Mut zusprach, ist jetzt plötzlich selbst betroffen. 

Lucy versucht nur noch, zu funktionieren. Nach dem Testergebnis heißt es, keine Zeit zu verlieren und so schnell wie möglich zu handeln, damit sie nicht wie ihre Mutter an dieser grausamen Krankheit erkrankt. 

Für sie steht fest: «Bloß weg damit!». Sie lässt beide Brüste komplett ausschaben. «Mein gesamtes Drüsengewebe wurde entfernt, nur die Brustwarzen sind erhalten geblieben», erklärt Lucy. Dazu muss man wissen, dass dann in den Brustwarzen nach wie vor ein Risiko zurückbleibt. «Ich hätte mich auch dafür entscheiden können, sie mit entfernen zu lassen. Sie zu behalten war mir damals aber sehr wichtig. Für meine Weiblichkeit, für mein Gefühl, damit ich mich nicht so versehrt fühle.» Ein Satz, der beim Hören und Lesen weh tut. Weil ihn eine junge Frau ausspricht, die selbst einmal Kinder haben möchte, die sie jedoch nie wird stillen können. Und denen sie eventuell diesen Gendefekt vererben könnte.

Patrycja sagt, als Mama war sie natürlich todtraurig. Aber im Nachhinein auch stolz auf ihre Tochter, dass sie nicht gezögert hat, diese Zeitbombe zu entfernen. «Wenn sie erkrankt wäre und ich erst danach herausgefunden hätte, dass sie das Gen von mir hat – das hätte ich nicht verkraftet». 

Die Belastung war enorm

«Ich habe die Dimension der OP total unterschätzt», sagt Lucy heute. «Es war praktisch eine Amputation von zwei Körperteilen und ich habe aber so getan, als wäre das nichts.» Eine Mastektomie kann man nicht mit einer «normalen» Brust-Operation vergleichen, bei der lediglich Silikonkissen eingesetzt werden. «Es werden so viele Nervenenden und Blutgefäße durchtrennt. Es wird einfach ein ganzes Stück des Körpers weggeschnitten!» Das ist doch nicht normal, denkt sie, als sie auch zwei Wochen nach der OP noch so starke Schmerzen hat. Doch, erklärt ihr Operateur: «Stellen Sie sich vor, ein Motorradfahrer ohne Schutzkleidung stürzt auf der Autobahn. So sieht es jetzt bei Ihnen in den Brüsten aus.» Okay, das muss man erstmal sacken lassen.

Zu allem Überfluss müssen die Implantate nach einem halben Jahr noch einmal getauscht werden. «Die ersten Implantate, die ich bekam, waren anatomisch geformt – tropfenförmig», sagt sie. Deren Vorteil ist, dass sie besonders natürlich aussehen. Doch leider kann es vorkommen, dass sie sich innerhalb der Brusthöhle umdrehen. «Und das ist mir natürlich passiert», erklärt Lucy. «Ich dachte nur: Warum? Warum ist jetzt schon wieder etwas. Kann ich bitte einmal nur heilen?»

Der Körper heilt. Was ist mit der Psyche?

«Die letzten Jahre waren ganz, ganz dunkle Jahre», sagt Lucy. Es ging in der Zeit um viel mehr als nur körperlich gesund zu werden. Wie tief die Wunden sind, die die Ereignisse der vergangenen Jahre geschlagen haben, begreifen Mutter und Tochter erst nach und nach. Beide haben vor allem unterschätzt, wie sehr ihre Seelen leiden. Und beide müssen erst zusammenbrechen, bevor sie sich Hilfe holen.

Patrycja sagt, für sie war das Schlimme an der Erkrankung zu sehen, wie ihre Liebsten mit ihr leiden – ihr Mann, ihre Kinder. Denn sie hatte ja einen Kampf zu führen, gegen den Krebs. «Ich habe mein ganzes Leben lang immer funktioniert, von klein auf», sagt sie.  Etwas anderes kam ihr gar nicht in den Sinn. Deshalb war für sie klar, nach Ende der Behandlung gleich wieder voll in den Job zurückzukehren. Ohne Eingliederung.

Bis zum November 2024. Es kehrte langsam Ruhe ein. Und da merkt sie, dass sie in eine tiefe Depression rutscht. Sie erkannte die Anzeichen, denn sie war in den 1990er Jahren schon einmal erkrankt. «Da bekam ich Panik, Todesangst», erzählt Patrycja. «Das war schlimmer als der Krebs. Ich kann das sagen, weil ich beide Krankheiten hatte». Akut kann ihr in der Tagesklinik geholfen werden, doch um alles wirklich zu verarbeiten, sucht sie derzeit nach einem Platz für eine spezielle Traumatherapie. Auch wenn es unerträglich lange dauert, aufgeben ist keine Option. «Ich bin ja immer positiv!»

Auch Lucy – Mamas «Mini-Me» – schaltet erst einmal in den Überlebensmodus. «Ich glaube, weil alles so nah aufeinander folgte – erst, dass Mama überhaupt erkrankt ist, und dann meine eigene Mutationsdiagnose, – ist in meine Psyche nicht mitgekommen. Ich habe mich selbst verloren», sagt Lucy. Sie versucht, irgendwie die Kontrolle zu behalten, entwickelt jedoch eine Essstörung. «Ich habe extrem Sport gemacht, bin um 4 Uhr morgens aufgestanden, um noch vor der Schule eine Stunde Sport machen zu können. Nach der Schule bin ich dann zum Job, habe danach noch einmal Sport gemacht und dann um 22 Uhr oder so gemerkt, ich müsste ja auch mal was essen.»

Sie hält eisern an dem Weg fest, den sie gehen wollte, bevor die Diagnose kam: eine Erzieherausbildung. «Im März 2023 wurde ich operiert und im Mai habe ich meine Abschlussprüfung gehabt», erinnert sie sich. Den Raum oder die Zeit, das alles zu verarbeiten, gab sie sich nicht, sondern machte einfach immer weiter. «Weil das das Einzige war, was ich bisher kannte. Ich habe es nicht verstanden, dass so ein Schicksalsschlag mein Leben verändert und dass ich mich dem anpassen muss.»

Stattdessen geht es wie gewohnt weiter: Im Juli 2023 beginnt als Erzieherin zu arbeiten, im Oktober zieht sie in ihre erste eigene Wohnung. Auch wenn es ihr psychisch nicht gutging, sie hat einfach jeden Tag durchgehalten und wollte sich ihre Schwäche partout nicht eingestehen.  «Und als ich dann in dieser Wohnung war und mit mir alleine war, kam ich plötzlich in die tiefste Depression.» Heute weiß sie, es war im Prinzip eine natürliche Reaktion. Gefühle verschwinden schließlich nicht, nur wenn man sie verdrängt. «Im Sommer 2024 wollte ich dann nicht mehr leben», gesteht Lucy. Sie hatte praktisch aufgegeben und landete in der Psychiatrie. 

Das Gen kann sie nicht unterkriegen

Nur ganz langsam findet sie den Weg zurück. Ein hartes Stück Arbeit. «Ja, Mama hat den Krebs überlebt und alle haben nur im Kopf, es ist doch alles gut. Aber es ist eben nicht einfach alles wieder gut», sagt sie. Die vergangenen Jahre haben Spuren hinterlassen, es gilt immer noch, verlorene Zeit aufzuholen. Und auch die Traumata und die Ängste, die sie begleiten, sieht ja niemand. 

Wir hätten weniger funktionieren sollen und die Gefühle nicht überspielen, sondern  mehr fühlen müssen.

Aber zum Glück haben die beiden einander und ein ganz tiefes Verständnis, das sie noch stärker verbindet als zuvor. Deshalb können beide positiv in die Zukunft blicken. 

Zum Glück konnte sie sich auch auf Seline stützen, die inmitten all der Sorgen um ihre Mama und ihre kleine Schwester Lucy, die die Genmutation geerbt hatte, große Stärke bewies. Sie trug die ständige Angst um die beiden Menschen, die sie so sehr liebte, auf ihren Schultern.

«Ich habe gemerkt, ich möchte meine Träume nicht loslassen, nur weil ich dieses Gen-Ergebnis bekommen habe», sagt Lucy. Einer dieser Träume ist, es, irgendwann selbst Mutter zu werden. Trotz des Risikos. Denn falls sie das Gen weitervererben sollte, wäre sie eine gute Begleitung. Sie wäre gesund, hätte aber gleiche durchgemacht und wüsste damit umzugehen, könnte ihr Wissen und ihre Strategien weitergeben. 

«Ich glaube, meine Kinder würden dann auf uns beide schauen und denken: Das sind starke Frauen. Sie hätten echte Vorbilder.»
 

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