Krieg in der Ukraine: Maria und Maria gingen in die Ukraine, um zu helfen

Maria K. und Maria D. aus Kyiv sind ein Paar. An der Front spielte das keine Rolle. Jetzt sind sie zurück im zivilen Leben – und voller Hoffnung, auch dort endlich anerkannt zu werden.

 

Maria muss los. Sie zieht ihre dicke Jacke in Tarnfarben an, dazu die schwarzen Militärstiefel. «Heute bin ich die, die es richten wird», sagt sie und lacht. Sie lacht häufig.

Das, was sie in dieser Nacht richten will, ist ein bevorstehender russischer Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kyiv. Woher weiß sie davon? «Spione auf russischem Gebiet, abgefangene Nachrichten», sagt Maria. «Aber ich nenne keine Details. Das alles ist top secret.» Was auch immer in dieser Nacht auf Kyiv fliegen soll, wird Maria abfangen. Mit Drohnen. Je höher diese in den Luftraum über der Stadt gesteuert werden, desto besser lässt sich zerstören, was Menschen töten, Schaden anrichten könnte. «Und ich fliege sehr hoch», sagt Maria.

Zurück bleibt an jenem Abend ihre Partnerin, ihre «Liebe», wie Maria sagt. Die Frau, der sie Ewigkeit versprochen hat. «Ich warte auf dich», sagt diese. «Es wird wohl die ganze Nacht dauern», erwidert Maria. Maria und Maria, so heißen sie, ihre Nachnamen möchten sie nicht nennen. Die eine Drohnenpilotin, dunkelblond, glatte Haare; die andere dunkelhaarig, Locken. Zum besseren Verständnis sollen sie in dieser Geschichte Maria D. und Maria K. genannt werden.

Maria D. arbeitet für ein privates Unternehmen, das eine neue Generation von Drohnen herstellt. Eines von Hunderten in der Ukraine, die der russischen Übermacht an Soldatinnen und Soldaten militärische Finesse entgegensetzen. Wohl kein anderes Land weltweit hat inzwischen so viel Expertise in der Abwehr von feindlichen und dem Einsatz eigener Drohnen wie die Ukraine.

Zurück in die Heimat, um zu helfen

Als der Krieg in ihrem Land begann, lebten beide in Kärnten in Österreich. Maria D. studierte dort Interkulturelles Management, Maria K., die einen Master in klinischer Psychologie hat, war ihr nach über einem Jahr der Trennung gefolgt. «Wir hatten das Gefühl, eine Fernbeziehung ist nicht gut für uns», sagen beide.

Ukraine Friedhof
Andenken: Einer der vielen Soldatenfriedhöfe in der Ukraine.
© Sitara Rajh

Als Russland am Morgen des 23. Februar 2022 die Ukraine überfiel, waren sie 22 und 23 Jahre alt und seit sechs Jahren ein Liebespaar. Hatten sich in der Schule kennengelernt und verliebt. In Kärnten zu bleiben, wo damals nicht wenige Menschen ihnen sagten, die Ukraine solle sich doch einfach ergeben, dann sei der Krieg zu Ende – so erzählen sie es –, war ihnen unmöglich. Maria D. sagt, sie wollte nicht aus der Ferne zusehen, wie ihr Land erobert wird. Maria K. ist noch heute empört über das, was sie als Dummheit bezeichnet. «Ich konnte nicht bleiben und mir den Unsinn über den Krieg anhören.»

Sie kehrten gemeinsam in ihr Land zurück, wollten den Streitkräften beitreten. Doch was man ihnen dort als Position anbot, war nicht das, was sie interessierte. «Wir wollten nicht in irgendeinem Büro sitzen, sondern dort sein, wo wir wirklich helfen konnten», sagt Maria K. Also gingen sie als freiwillige Rettungssanitäterinnen an die Front. Dort, in Feldlazaretten nur wenige Kilometer von den Kämpfen entfernt oder zum Teil gleich auf den Schlachtfeldern, versorgten sie mehr als drei Kriegsjahre lang verletzte Soldatinnen und Soldaten, banden abgerissene Gliedmaßen ab, ertrugen die Schmerzensschreie der Verwundeten, sahen Menschen sterben und hofften jeden Tag, das Grauen zu überleben.

Stabilisierungspunkt Ukraine
In einem solchen «Stabilisierungspunkt» der Streitkräfte waren Maria und Maria eingesetzt. Hier werden auch Schwerverletzte akut versorgt.
© Sitara Rajh

Das erste Treffen mit ihnen: die Bar «Squat 17» im bunten Stadtteil Podil in Kyiv. Ein Benefizkonzert für die Armee. Am Eingang ein Kartengerät für Spenden, im Inneren drängen sich die Leute vor der Bühne, auf der eine Laiengruppe irische und ukrainische Lieder singt. Die Gäste sind eine bunte, sehr junge, sehr fröhliche Menge. Hippies, queere Paare, Soldaten, Ökos. Doch durch all das Singen und Lachen hindurch hört man immer wieder Gesprächsfetzen, die sich um den Krieg drehen. Maria und Maria sitzen aneinandergekuschelt vor der Bühne, Maria D. hat ihre Jacke für Maria K. auf dem Boden ausgebreitet, beide singen mit, wiegen sich im Takt und sehen aus wie zwei junge Frauen, die das Leben genießen.

Es ist erst einige Monate her, dass sie ins zivile Leben zurückgekehrt sind, in der Hauptstadt Kyiv in ein kleines Haus mit Garten zogen, es renovierten, die Wände in dunklem Türkis strichen und Beete anlegten. Sie nahmen einen schwarzen Kater auf und hängten in alle Räume Traumfänger mit Rabenfedern und Sterne aus gebogenen Ästen. Weil Raben jene Vögel seien, die das Leben mit dem Tod verbänden und die Sterne die Einheit von Erde, Luft, Wasser und Feuer symbolisierten.

Vor allem aber versuchen sie, wieder zu heilen. «Posttraumatisches Belastungssyndrom», wurde ihnen attestiert. Sie schlafen schlecht, haben Angstattacken, nehmen Antidepressiva. Maria K. versucht es mit Spiritualität. Sie züchtet Heilpflanzen, legt Tarotkarten, verehrt die indische Göttin Kali, die Mythologie der Kelten, experimentiert mit Hexenkunst. Mit dem Krieg will sie nichts mehr zu tun haben. «Ich möchte Kinder haben und Bücher schreiben.» Maria D. wirkt weiter in der Landesverteidigung, überlegt nun sogar, den Streitkräften beizutreten. «Ich fühle mich besser, wenn ich etwas bewirken kann», sagt sie. Das Leben im zivilen Alltag findet sie noch kompliziert. «An der Front sind die Ziele sehr limitiert. Essen, schlafen, nicht explodieren und keine Gliedmaßen verlieren. Um andere Dinge muss man sich nicht kümmern.»

In guten und in schlechten Zeiten

Schon 2019 haben sie sich ein Eheversprechen gegeben, lange bevor sie ahnten, was «in guten und in schlechten Zeiten» bedeuten würde. Legalität gibt dieses Versprechen ihrer «Ehe» nicht, es war eine private Zeremonie mit Freundinnen und Freunden im Wald. «Wir haben unsere Liebe und die Natur gefeiert», erzählt Maria K. In der Ukraine können gleichgeschlechtlich Paare nicht heiraten, gilt Homosexualität als unmoralisch. «Die Leute sagen, das sei gegen Gottes Willen.» Seit Jahren gibt es einen Gesetzesentwurf, mit dem die Verfassung zugunsten von gleichgeschlechtlichen Ehen geändert werden soll, doch unter dem Kriegsrecht ist eine Verfassungsänderung nicht möglich. Für kämpfende homosexuelle Paare bedeutet das die maximale Rechtlosigkeit. Wird ein Partner, eine Partnerin verletzt, erhält der oder die andere darüber weder Informationen noch Zutritt zu einem Militärhospital. Im Todesfall werden sie nicht benachrichtigt, wird ihnen die Leiche nicht übergeben, gibt es keine Hinterbliebenenrente.

Maria und Maria
Ein Paar sind sie seit zehn Jahren, doch dass sie geheiratet haben, hat der Staat nie anerkannt. Sie hoffen, dass sich das bald ändert.
© Sitara Rajh

Bevor Maria D. die Stiefel anzieht und zu ihren Drohnen geht, erzählen sie, dass sie früher oft angefeindet wurden, der Krieg aber die öffentliche Meinung gegenüber gleichgeschlechtlichen Paaren geändert habe. In den Jahren ihres Einsatzes hätten sie nie Diskriminierung erfahren. «Nach dem Krieg werden wir bestimmt gleiche Rechte für alle haben», sind beide überzeugt. «Wir haben den Leuten gezeigt, dass auch wir Teil dieses Landes sind. Queere Menschen sind für die Ukraine gestorben, haben Arme und Beine verloren», sagt die eine. «Alles, was wir dafür fordern, sind unsere Menschenrechte, die uns zugestehen, zu lieben, wen wir wollen», ergänzt die andere. Zur toleranteren Haltung habe auch beigetragen, dass die russische Regierung Homosexuelle verfolge und diskriminiere, die Ukraine so nicht sein wolle.

Ohne Unterstützung

Bei unserem nächsten Treffen in ihrem Haus ist die Fröhlichkeit des Konzertabends verschwunden. Sie sind erschöpft. Maria D. hat ständig Einsätze, Maria K. kämpft gegen die Erinnerungen und gegen die Verzweiflung, mehr als drei Jahre ihres Lebens geopfert zu haben, ohne dafür Dank zu erhalten. «Wir wollten unser Land verteidigen – heute weiß ich, wir waren Idioten.» Denn ihr lebensgefährlicher Einsatz habe nicht nur ihre Psyche beschädigt, sondern auch ihr gesamtes Geld verschlungen. «Als Freiwillige haben wir kein Geld verdient, und weil wir nicht Teil der Streitkräfte waren, haben wir auch keine Dokumente über unseren Einsatz erhalten», sagt sie, und es klingt verbittert. Keine Dokumente bedeute: kein Veteranenstatus, keine staatliche Unterstützung. «Als wir damals zu den Rettungssanitätern gingen, waren wir jung und voller Idealismus. Und das Einzige, was wir bekamen, war die Gelegenheit, jederzeit zu sterben.»

Sie sind ein sehr verschiedenes Paar. Maria D. ist nervös, redet schnell und manchmal wie im Fieber, Maria K. ruht mehr in sich, bleibt gelassener, wenn sie von den Frontjahren erzählen. Glücklicherweise, sagen sie, hätten sie immer zusammenarbeiten können, keine musste Angst haben, die andere würde ohne sie sterben. Sie hätten gut harmonisiert, sich aufeinander verlassen können. «Maria ist eine gute Fahrerin. Wenn Drohnen auf uns flogen, hat sie die Nerven behalten und ist ihnen davongefahren. Sie hat uns manches Mal das Leben gerettet», erzählt Maria K. und schaut ihre Partnerin liebevoll an. Die lacht, winkt ab. «Wir haben einfach Glück gehabt.»

Andrea Jeska und Sitara Rajh
Autorin Andrea Jeska (r.) und Fotografin Sitara Rajh haben lange gebraucht, um ein lesbisches Paar mit militärischem Hintergrund zu finden. Nach vier Kriegsjahren sind die Menschen in der Ukraine erschöpft, viele nehmen Antidepressiva und glauben nicht mehr, dass journalistische Berichterstattung ihrem Land hilft. Um dem Wahnsinn der russischen Gewalt und Zerstörung gewachsen zu sein, ziehen sie sich in die geschützte Privatsphäre zurück.

Dass der Krieg bald endet, glauben beide nicht. Maria D. sieht ihre Zukunft in der Optimierung der Drohnenverteidigung. Während sie sich auf ihren Nacht-Einsatz vorbereitet, schmilzt Maria K. Wachs in einem Topf auf dem Herd, gibt Farbe und Duftstoff hinein, um daraus Kerzen zu gießen. Mit dem Verkauf dieser und dem der Parfüms, die sie aus Pflanzen und Kräutern herstellt, verdient sie ihren Lebensunterhalt. Nach ihrem Psychologie-Master studiert sie nun noch einmal: Humanmedizin. «Ich weiß, wie man abgerissene Beine und Arme abbindet», sagt sie, während das Wachs aushärtet, «aber ich habe keine Ahnung, wie man ein Kind zur Welt bringt.»

Quelle: .

📰 Quelle: .

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert