Unsere Autorin war 22, als sie den Mann fürs Leben traf – aber das merkte sie erst viel später. Was als Uni-Liebe begann, wurde zu einer Affäre, die seit drei Jahrzehnten alles überdauert: neue Partner, Kinder, Ortswechsel. Bei BRIGITTE erzählt sie, wie sie mit dem ewigen Nicht-mit-dir-und-nicht-ohne-dich lebt.
Wenn man im Radio einen bestimmten Sender sucht und endlich die richtige Frequenz findet: So fühlt sich jedes Treffen mit Alexander an. Alles fällt leicht. Sicherheit. Kein Zweifel, kein Hinterfragen. Seine Stimme beruhigt mich, 1000 Gedanken halten die Klappe. Bis wir uns dann berühren, verstreichen Ewigkeiten. Zu oft hatte ich es mit Männern zu tun, die überhitzt agieren. Bei ihm keine Spur. Er braucht die Aufwärmphase ebenso wie ich. Über Stunden.
Dann geschieht irgendwann der magische Moment. Eine zufällige Bewegung. Ich zupfe kurz an seinem Hemd und er explodiert. Reißt erst sich, dann mir, allen Stoff herunter. Aber immer wartet er mein Signal ab, jedes Mal, seit 30 Jahren. Ein Paar waren wir nie.
Einen gemeinsamen Alltag hatten wir nie
Unser aktueller Beziehungsstatus: Ich bin Single, er ist verheiratet. Das war auch schon mal anders. Aber das spielt für uns keine Rolle. Unser Zusammensein findet auf einem Nebengleis statt, wir hatten nie gemeinsamen Alltag. Vielleicht ist das unser ganzes Geheimnis: Das hält die Gefühle frisch, Begehren, Leichtigkeit, Sehnsucht.
Als ich Alexander zum ersten Mal sah, im Uniseminar für Neue Deutsche Literatur, war das wie ein Erkennen. «Den will ich. Genau den.» «OMG, Brad Pitt kommt», flüsterte meine Kommilitonin und rückte sich in Pose. Ich schwieg. Ein zu banaler Vergleich. Alexander wirkte doch viel tiefgründiger: zerwühlte Haare, umschattete, grüne Augen, eine Körperspannung, als käme er von einem Schlachtfeld, in das er zufällig hineingeraten war. Für mich gehörte er vom Look her eher in die Liga Steve McQueen. Die Essenz stilvoller Männlichkeit. Der zufällige Blickkontakt erschütterte mich, sodass ich mich sofort auf den Professor konzentrierte, obwohl ich Alexanders Präsenz fast schmerzhaft wahrnahm.
Später sagte er: «Du warst ganz schön arrogant»
Das war 1996, ich war 20, er 22. Jahrzehnte später erzählt er, wie arrogant ich gewirkt hätte. Obwohl ich mich nur mit Abwehr schützte. Wie schüchtern er sich gefühlt, wie sehr ihn das Geschnatter der Freundin und mir genervt habe.
Tage später ging ich mit derselben Freundin in einen Club. Am DJ-Pult: der geheimnisvolle Zuspätkommer aus dem NDL-Seminar. An diesem Abend lernten wir uns offiziell kennen, kurz danach war ich das erste Mal bei ihm zu Hause. Schmachtete Stunden auf einem Holzstuhl in der Küche seiner Dachgeschosswohnung, die im Sommer kochte, während Gewitter aufzogen. Vor dem Fenster die rotgedeckten Dächer und Türme der mittelalterlichen Altstadt.
Ich habe immer etwas zu sagen – bei ihm fehlen mir die Worte
Spontan liebte ich alles: seine Vinyl-Sammlung, seinen Kaffee, den er auf der Herdplatte akkurat zubereitete und der schwarz, stark und erdig schmeckte. Auch abgespeichert in jedem Detail: seine analogen Fotos aus New York in Schwarz-Weiß, Rabbiner im Central Park, und ein Familienfoto, auf dem seine Mutter eine bordeauxrote Schlaghose trug. Alles habe ich damals aufgesogen, förmlich gescannt. An Details anderer Männer erinnere ich mich nicht. Doch an ihn, diese Geschmeidigkeit im Körper, seine zeitlosen Hemden. Eines davon gab er mir mit. Ich kann es bis heute nicht entsorgen, trotz vieler Umzüge.
Damals auf diesem Holzstuhl dachte ich verzweifelt: «Wann, verdammt nochmal, berührt er mich endlich? Soll ich besser nach Hause gehen?» Ich musste den ersten Schritt tun. So ist es geblieben, bis heute. Die erste Geste wagen, dann finden sich die Körper von selbst. Offenbar kommunizieren wir auf einer imaginären Frequenz, wortlos. Schwer für mich, da ich immer nach Worten suche. Bei Alexander fehlen sie mir.
Nicht einmal Kinder konnten uns auf Dauer ausbremsen
Nach Ende des Studiums ging ich weg aus der Stadt in Süddeutschland. Er blieb in seiner Heimat. Trotz aller Leidenschaft trennten wir uns leichtherzig. Damals glaubte ich, dass mir sowas wie Alexander jeden Tag passieren könnte. Weit gefehlt. Also trafen wir uns weiter. In Berlin, Köln, Weimar, Hamburg. Besuchten Konzerte, endeten zuverlässig im Bett. Eine Pause entstand, als wir – jeder für sich – Mutter und Vater wurden. Im selben Jahr. Das bremste uns aus, nicht nur organisatorisch. Eine gebundene Frau mit Lover – geschenkt. Aber eine Mutter? Mit einem Vater?
Trotzdem konnten wir nicht lange davon lassen. Momente, die nur uns gehörten, ein Kontrast zu Diskussionen um Einkaufslisten, Kita-Eingewöhnung, Me-Time, die wir mit unseren jeweiligen Partnern hatten. Dann wurden die Kinder größer. Meine Beziehung ging auseinander, seine hielt. Aber die Bremse zwischen uns lockerte sich wieder.
900 Kilometer Distanz, trotzdem war er nie weg
Warum das so bleibt, nicht weniger wird, nicht mehr? Vielleicht, weil wir uns zu sehr ähneln, in aller Schüchternheit und Zurückgezogenheit. Treffen wir zusammen, wird das sehr intensiv, die Hüllen fallen: nicht nur konkret, auch emotional, sodass wir uns leicht wieder loslassen können. Oft telefonieren wir täglich stundenlang, versinken nachts im Chat. Während ich diesen Text schreibe, funkt er hinein. Heute kommt er mich besuchen. 900 Kilometer Distanz, aber trotz der Entfernung war er nie weg.
Manchmal schimpfe ich über ihn. Weil ich aus seinem Leben nichts hören will. Von der Ehefrau, die ihn nicht berührt. Vom Teenie-Sohn, der lieber im Smartphone zockt, als am Leben teilzunehmen. Ich reagiere genervt. Rege mich auf, weil er etwas anderes verdient. Kein Gefängnis, sondern Wolke Sieben. Ich will träumen, er steckt im Alltag fest. Er spürt meinen Verdruss und schreibt «Falsches Medium. Uns hilft nur eines: Wir müssen uns treffen». So fängt er mich wieder ein.
Wir werden zusammen die richtige Frequenz finden. Im echten Leben. Wie immer. In positiver Spannung, ich immer neu verliebt. Mit offenem Ende. Wie seit 30 Jahren.
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