Lebensentwürfe: Was, wenn wir große Lebensentscheidungen mit Freundinnen planen würden?

Wohnort, Job, Familiengründung: Die wirklich großen Entscheidungen meines Lebens habe ich meist nur mit meinem Partner abgestimmt. Wie sähe mein Leben aus, wenn ich stattdessen gemeinsam mit meinen Freundinnen geplant hätte? Eine Fantasiereise. 

Die uralten Kiawe-Bäume knarzten in der Meeresbrise und erzählten von Vulkanausbrüchen und längst vergangenen Zeiten, doch wir waren mit den Gedanken nur in der Zukunft. Meine beste Freundin und ich waren auf Maui, am vielleicht traumhaftesten Ort dieser Erde – und träumten uns trotzdem ganz woanders hin: Nach Brandenburg.  

Wir waren Anfang zwanzig und vor allem damit beschäftigt, zu imaginieren, was mal sein könnte. Weil alles mal sein könnte. Wir wollten auf einem Hof in Brandenburg leben, gemeinsam mit all unseren Kindern, und dort jeden Abend einen anderen Film mit zuckrigem Popcorn und Matratzenlager in unserem eigenen Freiluft-Kino schauen.  

Inzwischen sind wir beide über 30. Meine beste Freundin hat den Hof, ich habe das Kind. Irgendwie haben wir uns beide an den Plan gehalten. Nur nicht gemeinsam.  

Wenn wir Freundschaft zur Priorität machen  

Wenn es um die großen Entscheidungen im Leben geht, Beruf, Familiengründung oder Investitionen, stimmen wir diese mit unseren Partner:innen ab. Der Wohnort wird oft abhängig vom Job gewählt, je nach Vergütung oder Prestige. Und so kommt es, dass Freund:innen mit den Jahren oft in der ganzen Welt verteilt leben, man sich per Videocall alle paar Wochen updatet und sich erst nach einer Trennung eine verrotzte Sprachnachricht sendet: Ich hätte in den letzten Jahren viel mehr Zeit mit dir verbringen sollen!  

Ich dachte immer: Meine Freundinnen, die habe ich schon so lange, die bleiben sowieso. Egal, wie viele Kilometer uns trennen. Nun frage ich mich, wie mein Leben aussähe, wenn ich meine Freundschaften priorisiert hätte. Wenn ich die großen Entscheidungen abhängig von denen meiner Freundinnen getroffen hätte. Wenn uns keine 300 Kilometer trennen würden, sondern vielleicht nur eine Kalksandsteinwand.

Was wäre, wenn…

Ich drehe die Zeit gedanklich zurück und stelle mir vor: Ich kehre zurück von der Hawaii-Reise, die Zukunft beginnt jetzt. Auf ein Jobangebot in einer anderen Stadt reagiere ich mit: Nö, will lieber bei meinen Freundinnen bleiben! Der Arbeitgeber reagiert mit Verständnis. Schließlich ist die Lebensfreundschaft gleichgestellt mit der Lebenspartnerschaft. Inzwischen gibt steuerliche Vorteile sogar nicht mehr nur in Ehen, sondern auch in Freundschaften, die nachweislich mindestens 15 Jahre andauern.

Ich bleibe also in Berlin, arbeite im Homeoffice, ebenso meine beiden Freundinnen, wir priorisieren unsere Freundschaft. Alle haben wir unsere Partner, die sich natürlich auch blendend verstehen – glaube ich. Deshalb fassen wir einen Plan: Jede:r spart, wir wollen gemeinsam in ein Haus investieren. Wer weniger verdient, muss weniger beisteuern. So würde es auch eine Familie machen. Den Kredit bekommen wir sofort, Freundschaftsprojekte werden sogar gefördert. Wir kaufen endlich unseren Hof in Brandenburg, jede:r mit eigener Wohnung, denn so können wir uns auch mal aus dem Weg gehen. Oder?

Die Vorteile eines Lebens mit Freunden  

Dort eingezogen kann ich mir endlich die Dinge leisten, die ich schon so lange wollte: Einen Entsafter zum Beispiel. Wir teilen uns die 350 Euro zu sechst. So tut es weniger weh, mir nach drei Monaten einzugestehen, dass ich Saftkuren grausam finde. Wir besitzen nun außerdem einen Staubsaugroboter. Und ein Kaninchen. In den Urlaub kann ich trotzdem fahren, weil sich in der Gemeinschaft immer jemand zum Kümmern findet.  

Weil wir das Leben der anderen hautnah mitbekommen, müssen wir unsere kostbareZeit nicht damit verplempern, uns erstmal upzudaten. Stattdessen haben wir jetzt gemeinsame Hobbys, töpfern, spielen Tennis, kochen ostasiatisch. Erfolge werden direkt an der Türschwelle gemeinsam gefeiert und nicht erst nach einem Anruf und einer Verabredung für kommenden Freitag. Wird eine von uns krank, gibt es frische Hühnersuppe, ungefragt.

Von Utopie zu Dystopie

Freundin A und ihr Partner wollen ein Kind. Gemeinsam beschließen wir, dass jetzt die richtige Zeit für uns alle ist. Ja, absolut! Freundin A und ich sind nach einigen Monaten schwanger. Nur bei Freundin B geht der Plan nicht auf. Nur zwei unserer Kinder werden also gemeinsam größer. Care-Arbeit teilen wir uns auf, Paarzeit ist möglich, für uns Eltern bleibt es ein Leben mit Freiheiten.  

Doch bei Freundin B merke ich eine Wesensveränderung. Sie kommt nie in unser allabendliches Freiluft-Kino im Garten. Ich weiß nicht, ob sie immer noch versucht, schwanger zu werden – weil wir aufgehört haben, darüber zu sprechen. Wir haben uns emotional distanziert, obwohl wir uns räumlich so nah sind. Während Freundin A in ihrer Mutterrolle aufgeht, freue ich mich, bald beruflich wieder Fuß zu fassen. Denn ich habe noch Großes vor. Vieles, das ich eigentlich immer erreicht haben wollte, bevor ich ein Kind bekomme. War ich vielleicht doch noch gar nicht bereit gewesen? Hat mich eine Art Gruppenzwang zu einer lebensverändernden Entscheidung gedrängt?

Doch scheinbar hat auch Freundin A etwas vor uns verheimlicht: ihre Scheidungspläne. Allein wolle sie nun aber nicht hier wohnen bleiben, so bräuchte einen Neuanfang, vielleicht auf Maui. Unser aller Traum zerbricht, es gibt Streit, es bleibt Aufgestautes. Wir befinden uns in einem finanziellen Irrgarten, so etwas wie einen Ehevertrag haben wir schließlich nicht, alles auf Vertrauensbasis. Hier mal mehr, da mal weniger. Wir wissen nicht, wie wir all unser Vermögen aufteilen sollen, das Grundstück, die Autos, selbst die Kinderklamotten. Unsere Utopie wurde zur Dystopie. Und wem gehört dieser verdammte Entsafter?

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