Der Dating-Tipp «Date them till you hate them“ rät, so lange zu bleiben, bis aus Liebe Abneigung wird – und die Trennung plötzlich leichter fällt. Kann das gutgehen?
«Date them till you hate them» – date sie so lange, bis du sie hasst. Als ich über diesen Satz auf TikTok gestolpert bin, musste ich kurz überlegen: Ist das wirklich ein Dating-Tipp? Oder eher eine drastische Beschreibung davon, wie wir mit Konflikten und dem Ende von Beziehungen umgehen?
Geprägt wurde der Ausdruck von der TikTokerin Meg Neil. In einem inzwischen vielfach aufgegriffenen Video erzählte sie 2023, wie sie aus einer vierjährigen Beziehung herauskam: Sie habe ihren Partner so lange weiter gedatet, bis aus ihrer Zuneigung schließlich Ablehnung und Hass geworden seien. Die Idee dahinter: Solange man jemanden noch liebt, ist eine Trennung schmerzhaft. Wenn man dagegen lange genug bleibt und immer mehr Enttäuschungen, Respektlosigkeiten und Frust sammelt, erledigt sich die emotionale Bindung irgendwann scheinbar von selbst.
Klingt zunächst fast logisch. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum der Trend so viele Menschen anspricht. Unter dem Video sammeln sich Kommentare wie: «ok but this video just changed my life… like seriously, why don’t more girls know about this??» (dt.: Okay, dieses Video verändert einfach mein Leben … Im Ernst, warum wissen nicht mehr Mädchen davon??) und «so gorgeous and so smart!!! Thank you!» (dt.: So wunderschön und so schlau!! Vielen Dank!). Eine Beziehung zu beenden, obwohl man den anderen noch liebt, gehört vermutlich zu den unangenehmsten Dingen, die man tun kann. Aber muss man wirklich erst jemanden hassen, um gehen zu können?
Wie sieht «Date them till you hate them» aus?
Im Kern beschreibt der Trend eine Art emotionales Aussitzen einer Beziehung. Man merkt, dass etwas nicht mehr stimmt, zieht aber nicht die Konsequenz. Stattdessen bleibt man – und wartet darauf, dass sich die Gefühle verändern. Dabei werden Probleme nicht unbedingt angesprochen. Bedürfnisse werden nicht klar formuliert, Grenzen nicht gesetzt. Man beobachtet stattdessen, wie der Partner sich weiterhin verhält, sammelt Enttäuschungen und lässt den inneren Abstand immer größer werden. Irgendwann soll aus Liebe Gleichgültigkeit oder sogar Abneigung werden. Und dann, so die Logik, fällt die Trennung leichter. Das Konzept verspricht eine Art Abkürzung durch den Liebeskummer. Man muss sich nicht sofort mit dem Verlust auseinandersetzen, sondern wartet, bis man emotional ohnehin schon gegangen ist. Aber ist das nicht eher ein Umweg?
Warum Hassen problematisch ist
Die Strategie kann ziemlich ermächtigend wirken. Endlich keine Ausreden mehr. Nicht mehr versuchen, eine Beziehung um jeden Preis zu retten. Nicht mehr das schlechte Verhalten des Partners kleinreden oder sich einreden, dass es schon wieder besser wird. Stattdessen: hinschauen, ernst nehmen, was passiert, und irgendwann gehen. Selbstermächtigung sieht allerdings anders aus. Wer sich vornimmt, so lange zu bleiben, bis aus Liebe Hass geworden ist, zwingt sich gleichzeitig dazu, schlechte Behandlung weiter auszuhalten. Dann wird aus gefühlter Selbstermächtigung schnell Selbstaufgabe. Und: Selbst wenn der Partner sich tatsächlich respektlos verhält oder seinen Teil der Beziehung nicht beiträgt, ist es dem anderen gegenüber nicht fair, sich einfach innerlich zurückzuziehen und nichts mehr anzusprechen. Wenn eine Beziehung grundsätzlich sicher ist, bedeutet Respekt deshalb auch, Bedenken anzusprechen. Zu sagen, was verletzt. Und dem anderen überhaupt die Möglichkeit zu geben, zu verstehen, was passiert ist.
Natürlich gilt das nicht um jeden Preis. Bei Gewalt, Drohungen, Kontrolle oder anderen Situationen, in denen eine offene Konfrontation gefährlich sein könnte, steht die eigene Sicherheit an erster Stelle. Dann muss niemand eine respektvolle Aussprache um jeden Preis herbeiführen. Aber in einer grundsätzlich sicheren Beziehung sollte die Alternative zu einem schlechten Partner nicht darin bestehen, sich möglichst schlecht behandeln zu lassen, bis man ihn endlich hasst. Hass sollte niemals das Ziel sein. Schon gar nicht als Strategie, um sich selbst eine Trennung zu erleichtern.
Warum machen Menschen das überhaupt?
Weil Schlussmachen weh tut. Vielleicht gibt es Schuldgefühle. Vielleicht die Angst, den anderen zu verletzen. Vielleicht die Sorge, die falsche Entscheidung zu treffen. Oder die Hoffnung, dass sich die Dinge doch noch verändern. Manchmal ist es auch die Angst vor dem Alleinsein. Und dann gibt es noch einen unangenehmen Gedanken: Wer Schluss macht, muss die Verantwortung für die Entscheidung übernehmen. «Date them till you hate them» verschiebt diese Verantwortung ein Stück weit. Wenn die Gefühle irgendwann verschwunden sind, fühlt sich die Trennung mehr wie eine zwangsläufige Konsequenz an. Hass kann sich leichter anfühlen als Ambivalenz. Wenn wir jemanden noch lieben, obwohl wir wissen, dass wir nicht mit ihm zusammenbleiben wollen, stehen widersprüchliche Gefühle nebeneinander. Groll und Abneigung können diese Ambivalenz scheinbar auflösen – zumindest für den Moment.
Was kann man stattdessen tun?
Wenn man merkt, dass etwas nicht stimmt, kann man versuchen herauszufinden, was genau nicht stimmt. Ist man gerade nur genervt? Gibt es ein konkretes Problem? Fehlen einem bestimmte Dinge in der Beziehung? Wurden Grenzen überschritten? Oder sind die Gefühle tatsächlich weniger geworden?
Handelt es sich um ein Problem, das sich gemeinsam lösen lässt, hilft ein offenes Gespräch. Dabei geht es nicht darum, dem Gegenüber eine lange Liste seiner Fehler vorzulegen, sondern die eigenen Grenzen und Bedürfnisse klar zu benennen. Und wenn man bereits weiß, dass man die Beziehung nicht mehr möchte, darf man diesen Schritt auch gehen. Man braucht keinen Hass als Trennungsgrund. Wer jemanden noch liebt und trotzdem weiß, dass die Beziehung nicht mehr funktioniert, darf traurig sein. Man darf zweifeln. Man darf jemanden vermissen. Und man darf trotzdem gehen. Eine Trennung ist das Ende einer Beziehung. Aber sie ist auch eine Gelegenheit, wichtige Fähigkeiten zu üben: Offen zu kommunizieren, Grenzen zu setzen, schwierige Gespräche auszuhalten und die eigene Selbstachtung zu bewahren.
Date them, till you know – bis du weißt, ob du bleiben möchtest.
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