Jahrzehntelang schrieb sie Erfolgssongs für Adele, Pink oder Christina Aguilera. Jetzt, mit 61, ist Linda Perry endlich wieder selbst dran.
Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als ich im Sommer 1993 als 7-Jährige vor dem Fernseher saß und zum ersten Mal das Musikvideo zu «Whats Up» von der queeren Band «4 Non Blondes» sah. Die Sängerin, Mitte 20, trug offene, schmutzige Boots, Nasenring, Dreadlocks und diesen überdimensionalen Cowboyhut. Roter Mantel über Herrenboxershorts, kirschroter Mund – und dazu diese Stimme: «And I say hey-ey-ey … And I said hey what’s going on!»
Wer ist die Frau mit dem großen Hut?
Damals dominierte Euro Dance die deutschen Charts. DJ Bobo, Dr. Alban und Haddaway waren angesagt, in ihren Videos tanzten normschöne Girlies in Hotpants. So jemanden wie Linda Perry hatte ich bis dato noch nie gesehen. Weder bei VIVA, noch in meinem kleinen niedersächsischen Dorf. Ich war schockverliebt.
«Mama, warum hat die Frau so einen großen Hut?», fragte ich meine Mutter. An ihre Antwort erinnere ich mich nicht mehr. Die Frau mit dem großen Hut sang aus Leibeskräften, mit einer rauen, fast ungeschliffenen Stimme, die sofort unter die Haut ging und bis heute einen festen Platz in meiner «All-Time-Favorite»-Playlist hat. «What’s Up» ist ein absolut zeitlos gealterter Klassiker. Es geht um die Suche nach dem eigenen Platz im Universum. Linda, die damals mit Drogenproblemen und finanziellen Sorgen zu kämpfen hatte, beschreibt darin ihre alltäglichen Frustrationen und das Gefühl aus, in einer komplizierten Welt nach Antworten zu suchen. Der Song wurde zur weltweiten feministische Protest- und Freiheits-Hymne.
Sie schrieb Welthits für Popprinzessinnen
Umso kurioser, dass es bei diesem einen großen Hit blieb. Die «4 Non Blondes» zerstritten sich. Linda probierte, solo durchzustarten, doch es wollte nicht klappen.
«Ich wollte Linda sein, die beste Sängerin und Producerin von allen. Aber ich wusste nicht, wie», gesteht die heute 61-Jährige. Ihr Label ging pleite, irgendwann war sie völlig mittellos – und dann klingelte 2001 plötzlich das Telefon: Anruf von der damals noch relativ unbekannten Sängerin Pink, die Perry als Songwriterin engagieren wollte. Mehr aus Gag hätte Linda dann für sie «das dümmste und klischeehafteste, was mir zu einer Partynacht einfiel» zu Papier gebracht – herausgekommen sei: «Get the Party Started» – ein weltweiter Nummer-1-Hits und Pinks Durchbruch.
«Ich war viel zu lange hinter den Kulissen»
Danach standen die angesagtesten Künstlerinnen des Planeten bei ihr Schlange: Alicia Keys, Dolly Parton, Sugababes, Britney Spears, Adele, Gwen Stefanie, Courtney Love, Céline Dion, Christina Aguilera – für sie alle schrieb Linda Perry Songs, gründete ihr eigenes Label, nahm etwa den noch völlig unbekannten James Blunt unter Vertrag.
Gerade gehen auf Instagram und TikTok kurze Ausschnitte aus einem Interview viral, in denen sie lustige Anekdoten zu diesen Zusammenarbeiten erzählt. Christina Aguilera etwa habe sie zuerst ihre Ballade «Beautiful» nicht geben wollen, weil sie «zu heiß» und damit nicht glaubwürdig sei. Aguilera aber soll sie angefleht haben. «Und dann habe ich sie singen lassen, und plötzlich ergab es Sinn», so Perry weiter. «Da habe ich begriffen: Schöne Menschen sind tatsächlich auch unsicher. Und genauso kaputt wie ich.»
Fun Fact: Perry bestand darauf, Aguileras erste «unperfekte» Demo-Version aufs Album zu packen. «Das war die Version, die mich überzeugt hat.» Aguilera soll sich mit Händen und Füßen gewehrt haben, aber am Ende stimmte sie ihrer Produzentin zu. «Beautiful» wurde letztlich zur Jahrhundertballade über Body Positivity und Selbstliebe.
«Madonna ist eine Mitläuferin»
Dieser Song erscheint jetzt neu. Gesungen von Linda Perry herself, als Teil ihres Comeback-Album. Auf «Let It Die Here» verarbeitet die «Patin des Pop» das Gefühl, zugleich «gescheitert und die größte Erfolgsgeschichte» zu sein. Warum jetzt? «Ich war viel zu lange hinter den Kulissen», sagt Perry. «Ich möchte wieder als die Künstlerin auftreten, die ich bin. Ich bin einfach offen für all die Möglichkeiten, die ich mir selbst geschaffen habe. Ich manifestiere ständig Dinge.»

© Everett Collection
Auch, künftig mit Madonna zu arbeiten. Um die Aufmerksamkeit der Queen of Pop auf sich zu ziehen, wählt sie allerdings einen unüblichen Weg – einen Diss: «Eines der größten Probleme, die ich mit Madonna habe: Sie ist mittlerweile eine Mitläuferin. Sie folgt Trends.» Sie könne ihr ein Album produzieren, das ihre Karriere wieder auf Kurs bringen soll. «Ich würde Madonna gerne ins Studio holen, ihr ein paarmal ins Gesicht klatschen und sagen: ‚Wach auf, finde zurück zu der Madonna, die du bist und für die du stehst.'»
Das muss frau sich erstmal trauen. Aber Fakt ist: Die Musikwelt hört zu, wenn «eine der größten amerikanischen Songwriterinnen aller Zeiten» («New York Times Magazine») etwas zu sagen hat. Nur Madonna lehnte bisher eine Zusammenarbeit ab. Mal sehen, wie lange noch.
«Mein wahres Ich ist düsterer Rock’n’Roll»
Was auch einzigartig ist an Perry: Ihr lebenslanges Understatement, trotz ihres Könnens. Noch immer sei sie überrascht, wenn einer ihrer Songs im Radio läuft, sagte sie dem «Rolling Stone». «Ich bin kein Pop», erklärte sie. «Ich weiß nicht einmal, wie ich da hingekommen bin. Mein wahres Ich ist düsterer Rock ’n‘ Roll. Ich liebe Velvet Underground. Ich liebe Led Zeppelin. Das ist mein Ding. Es ist ziemlich komisch, dass ich in dieser Popwelt gelandet bin. Dort bin ich eigentlich nicht zu Hause. Aber vielleicht macht mich genau das interessant.»
Krebsdiagnose, Scheidung – Comeback
Linda Perry wagt also ein Comeback, das sich wie ein Akt der Selbstbehauptung anfühlt. Nach ihrer Scheidung von Schauspielerin Sara Gilbert (mit der sie einen Sohn hat) vor zwei Jahren und einer Krebsdiagnose im Jahr 2021, der doppelten Mastektomie und einer düsteren Prognose – damals hieß es, sie habe nur noch wenige Monate zu leben – ist dieses Album mehr als nur ein Neustart: Es ist ihr Trotz, ihr Überleben, ihre Rückkehr ins Licht. Ein eindeutiges Zeichen von Ausdauer. Denn eins steht wohl fest: eine Frau mit einem so großen Hut, die will gesehen und gehört werden.
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