Jahrelang hat sich die Influencerin Louisa Dellert für ihren Körper geschämt, litt an Essstörungen und einem Burn-out. Mit uns sprach sie über ihren Weg zur Heilung.
BRIGITTE: Scham ist Ihr Thema – bei Instagram und Tiktok, auch in Ihrem neuen Buch „Unshame“. Wieso das?
Louisa Dellert: Viele von uns kennen Scham, ohne sie wirklich zu kennen. Für mich hat sie sich lange angefühlt wie Schuld. Ich habe mich schon immer schuldig gefühlt: für meinen Körper, mein Aussehen, mein Verhalten. Sie ist ein Gefühl, das mich mein Leben lang begleitet hat. Jahre, in denen ich Kalorien gezählt und Jeans eine Nummer kleiner gekauft habe, aus Angst, die Kassiererin könnte lachen. Ich schämte mich für meinen Hunger, bei jedem Blick in den Spiegel, dass mir die Disziplin fehlte, um schlank zu sein, und für all meine vermeintlichen Unperfektionen. Sehr lange dachte ich, dass ich mich verändern muss, um diese Scham abzulegen. Also habe ich genau das getan. Mehrmals täglich Sport, gehungert, mich eingecremt, meinen Körper ständig optimiert.
War Ihnen damals bewusst, was die Scham mit Ihnen macht?
Nein, sie war einfach immer da, wie ein Hintergrundrauschen. Heute weiß ich, dass Scham kein individuelles Gefühl ist, sondern vom Patriarchat und ganzen Industrien als Werkzeug benutzt wird, um Frauen zu verunsichern und zum Konsumieren anzuregen. Sie ist ein Geschäftsmodell. Schönheitsideale funktionieren nämlich so, dass sie uns das Gefühl geben: Wenn ich sie nicht erreiche, bin ich nichts wert. Und ich weiß inzwischen, dass der richtige Weg nicht ist, zu sagen: Ich muss mich einfach mehr lieben. Was mir hilft, ist zu wissen, woher diese Scham kommt, und sie nicht mehr als meine eigene Wahrheit anzunehmen.
Sie beschreiben in Ihrem Buch viele beschämende Szenen, die Sie erlebt haben. Was würden Sie Ihrem jüngeren Ich heute gern sagen?
Ich erinnere mich an eine Situation nach einem Krafttraining im Fitnessstudio. Ich hatte einen Burger gegessen, und mein damaliger Freund sagte: «Ist ja klar, dass du so aussiehst, wie du aussiehst.» Allerdings war ich danach gar nicht wütend auf ihn, sondern auf mich, und dachte: Er hat recht, ich muss weniger Burger essen. Heute würde ich der Lou von damals sagen: Es war kein Versagen, dass du nichts gesagt hast, dir wurde beigebracht, das Problem immer bei dir zu suchen. Das liegt aber nicht bei dir, und du musst dich nicht schämen.
Gab es Wendepunkte, die Sie zum Umdenken gebracht haben?
Zum Beispiel, als ich verstand, wie die Beauty-Industrie funktioniert: Dass sie mit unseren Ängsten spielt und uns ständig einredet, nicht zu genügen, um ihre Produkte zu verkaufen. Ich sollte mal für eine Firma ein Produkt bewerben, das jungen Frauen einen Glow versprach. Eine ältere Content Creatorin bewarb dasselbe Produkt mit dem Versprechen, langsamer zu altern. Verrückt, oder? Ein anderer Moment war, als ich verstand, dass ich selbst lange Zeit Teil dieses gesellschaftlichen Schönheitsdrucks war, weil ich früher, als ich sportsüchtig und essgestört war, meinen Followerinnen das Gefühl gab, sie müssten einen dünnen Körper haben, um richtig zu sein.
Warum sind Sie überhaupt Fitness-Influencerin geworden?
Ich habe mit 22 losgelegt bei Instagram, nach einer Ausbildung – weil ich das Gefühl hatte, ich bin nicht genug, ich will abnehmen, ich brauche mehr Anerkennung. Und wie kriege ich die? Indem ich dünner werde. Das war wie ein Rausch: Je schlanker ich wurde, je mehr Muskeln man sehen konnte und je mehr Likes ich bekam, desto besser fühlte ich mich. Ich habe damals viele junge Frauen mit in diesen Rausch hineingezogen, weil ich ein Vorbild für sie war. Das habe ich aber erst viel später begriffen.
Wie geht es Ihnen heute damit?
Ich kann es nicht rückgängig, aber besser machen. Ich berichte auf meinem Account transparent über meinen Weg: Dass ich 2013 operiert werden musste, weil mein Herz den exzessiven Sport und die Mangelernährung nicht mehr mitmachte. Dass ich erst einen Burn-out und dann eine Depression hatte, weil ich mich übernommen hatte – auch mit meinem Engagement für den Klimaschutz, der mir sehr wichtig ist. Es ging mir eine Zeit lang wirklich schlecht. Ich machte Therapien. Und als es langsam besser wurde, fing ich an, mich mehr mit Feminismus und Body Positivity zu beschäftigen – und habe nach und nach vieles verstanden. Seit mehreren Jahren zeige ich auf meinem Account bei Instagram und Tiktok meinen Körper so, wie er ist, und versuche, anderen den inneren Druck zu nehmen, einem bestimmten Schönheitsideal entsprechen zu müssen.
«Je dünner ich wurde, je mehr Likes ich bekam, desto besser fühlte ich mich»
Würden Sie sagen, dass Sie sich selbst lieben?
Ehrlich gesagt, nein. Und das ist auch gar nicht mein Ziel. Ich dachte lange, dass bedingungslose Selbstliebe dazu führen müsste, dass die Beziehung zu meinem Körper leichter wird. Das war natürlich überhaupt nicht so und hat mich nur noch mehr unter Druck gesetzt. Denn wenn man es nicht hinkriegt, sich zu lieben, ist man ja wieder enttäuscht. Irgendwann habe ich verstanden, dass nicht ich das Problem bin, sondern die ganzen Erwartungen. Ich wurde in einer Gesellschaft sozialisiert, in der Frauen danach bemessen werden, wie sie aussehen. In der sie es nie richtig machen können. In der sie immer ein «zu» sind: zu dick, zu billig, zu alt. All das zu verstehen, gehörte für mich zum Prozess dazu, milder mit mir selbst sein zu können und mich und meinen Körper mehr zu akzeptieren.
Klappt das immer?
Es ist ein langer Weg. Es gibt Tage, da stehe ich vor dem Spiegel, schaue mich an und mein erster Gedanke ist nicht wohlwollend, sondern selbstkritisch. Mir hilft dann, mich zu erinnern, dass das Gefühl vom «Nicht genug sein» ein riesiges Geschäft ist, und die Scham uns eingeredet wird, damit wir nicht aufbegehren. Mir hilft, mir klarzumachen, was mich als Person wirklich ausmacht, was interessant an mir ist: Was finde ich selbst toll? Was könnten andere Leute mitnehmen von dem, was ich mache? Und was natürlich auch hilfreich ist: weniger in den sozialen Medien unterwegs zu sein.
Ein interessanter Rat von einer Frau, der 700 000 Menschen auf Instagram folgen…
In Zeiten von KI-generierten Inhalten fällt es mir immer schwerer zu erkennen, was überhaupt noch echt ist. Wenn ich zu lange auf Social Media bin, merke ich schnell, wie ich anfange, mich zu vergleichen. Deshalb hilft es mir, mein Handy bewusst wegzulegen. Im echten Leben schärfe ich meinen Blick dafür, wie unterschiedlich Menschen sind. Wie wenig «perfekt» Körper sind und wie normal genau das ist. Ich liebe es zum Beispiel, in die Frauensauna zu gehen und die Echtheit unterschiedlicher Körper zu sehen. Und ich merke auch in meinem Alltag im Buchcafé «Sisu Lou» in Braunschweig, wie heilsam echte Begegnungen sein können.
Sie zeigen Ihren Körper, wie er ist – ein Gegentrend zu all den dürren Frauen, die man sonst in den sozialen Medien sieht.
Fakt ist, das Dünnsein aktuell wieder einen sehr hohen gesellschaftlichen Stellenwert hat. Nicht nur als Schönheitsideal, sondern schon fast wie eine Voraussetzung.
Offenbar war der Wunsch, dünn und schön zu sein, trotz Body Positivity bei vielen nie wirklich weg.
Er wird gerade auf jeden Fall wieder sichtbarer. Das zeigt sich zum Beispiel daran, wie groß das Interesse an Abnehmspritzen ist – auch bei Menschen, die medizinisch keinen Grund dafür hätten. Und auch daran, wie normal Schönheitsoperationen geworden sind. Jede Frau darf natürlich selbst entscheiden, ob sie etwas an ihrem Körper verändern lässt. Ich persönlich möchte keine OP machen und auch kein Botox benutzen. Nicht, weil ich mich damit über andere stellen will. Sondern weil es für mich ein Akt des Widerstands ist. Ich will bei diesem permanenten Schönheitsdruck nicht mitmachen.
Braucht es Mut, sich nackt zu zeigen?
Wenn ich heute Nacktfotos von mir sehe, dann finde ich mich meistens schön. Für mich fühlt es sich deshalb nicht unbedingt mutig an. Aber ich weiß, dass es von vielen Menschen genau so wahrgenommen wird, weil sie sich selbst nicht trauen, einen kurzen Rock oder Bikini anzuziehen. Ich hoffe sehr, dass wir eines Tages ganz selbstverständlich Bikini am Strand tragen, ohne darüber nachzudenken.
Sie bekommen viel Hass für Ihre Posts. Was macht das mit Ihnen?
Ich arbeite glücklicherweise Vollzeit in meinem Café, backe Kuchen und verkaufe Bücher. Deswegen habe ich tagsüber keine Zeit, auf mein Handy zu gucken. Aber natürlich muss ich öfter frauenfeindliche oder rassistische Kommentare löschen. Es belastet mich zum Glück emotional nur noch selten. Ich habe mir heute ein dickes Fell zugelegt.
Haben Sie je bereut, sich bei Instagram angemeldet zu haben?
Es gab Höhen und Tiefen, aber ich habe es ein Stück weit Instagram zu verdanken, dass ich die geworden bin, die ich heute bin. Am Ende ist es ein Privileg, mit sozialen Medien sein Geld verdienen zu können. Aber, und das möchte ich klar sagen: Ich freue mich immer, wenn ich im Offline-Leben bin. Weil das echt ist.
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