Mama-Papa-WG: "Wir wollten unsere Kinder schützen – und täuschten sie"

Natascha, 46, Single-Mutter, erzählt: «Wir lebten jahrelang als Mama-Papa-WG – das hat keiner unserer Freunde verstanden.» Wieso es dazu kam, und ob es funktionierte, erzählt sie hier.

Ein Freitagnachmittag, eine fröhliche Frauenrunde. Karla, Heike und ich stießen auf unseren neuen Auftrag an. Als Freiberuflerinnen ein besonderer Grund, zu feiern. Die Stimmung war ausgelassen. Die beiden sind mehr für mich als Kolleginnen, sie sind eher Freundinnen. Irgendwann sah ich auf die Uhr. «Ich muss los, die Kinder übernehmen. Heute hat Thomas seinen freien Abend.» «Wohnt ihr etwa immer noch in der gleichen Wohnung?», wunderte sich Karla. Es war, als würde die Temperatur im Raum auf einen Schlag um ein paar Grad sinken. Heike schüttelte nur stumm den Kopf. Ich fühlte mich unverstanden. Und wusste trotzdem genau, warum mich die beiden mit diesem resignierten Blick ansahen. Es tut nun mal nicht gut, wenn einem immer der gleiche Seelenmüll vor die Füße gekippt wird.  

Vor vier Jahren haben Thomas und ich uns getrennt. Aber wir leben immer noch unter einem Dach. Wenn unsere Töchter wach sind, haben wir die Türen geöffnet. Am Abend herrscht dann eine klare Trennung. Mein Ex schläft und wohnt im ehemaligen Schlafzimmer – ich im Wohnzimmer. An guten Tagen machen wir sogar Witze über unsere Mama-Papa-WG. An schlechten Tagen ist es die Hölle. 

Gute Eltern, schlechtes Paar

Wir waren seit elf Jahren ein Paar, als wir uns trennten. Als Eltern verstanden wir uns gut, aber sonst war doch nur noch wenig. Hobbys, Interessen, Ausgehen? Fehlanzeige. Gespräche? Führten wir über die gemeinsamen Wunschkinder oder stritten. Bis Thomas eines Tages Kinderschlafanzüge in der falschen Größe gekauft hatte. Als ich darauf hinwies, explodierte er. Nichts könne er mir recht machen. «Wenn das hier nicht anders wird, dann möchte ich die Trennung», schrie ich. «Ja, die will ich auch, ich liebe dich schon lange nicht mehr.» Das sagte er ganz leise.  

So weit, so traurig, so normal. Aber was dann? Keiner von uns wollte ausziehen, wir wohnten schon so lange in der netten Wohnung, die für Großstadtverhältnisse spottbillig ist. Zwei große und zwei kleine Zimmer, ideal. «Du musst einfach die Schlösser austauschen und ihn rauswerfen», hatte eine Freundin nach der Trennung geraten. Aber das war für mich undenkbar. Lisa und Hanna sollten keine Eltern erleben, die Krieg führen. Außerdem lief der Mietvertrag auf unsere beiden Namen.  

Wir suchten nach einer Lösung. Ein Wechselmodell? Wie sollten wir denn zwei gleich große Wohnungen finanzieren? Und das hier im Stadtteil, damit die Kinder bei ihren Freunden, in ihrer Schule und in der Kita bleiben konnten? Also entschieden wir uns für die WG. Anfangs stritten wir sogar weniger als vor dem Aus. Weil wir nichts mehr voneinander erwarteten. Aber wir waren gemeinsam einsam. 

«Wir konnten beide nicht loslassen»

Heute bin ich mir sicher, dass nicht nur die praktischen und finanziellen Gründe uns an einer Veränderung hinderten. Wir konnten es auch beide nicht loslassen: das Bild einer Familie, die wir uns so sehr gewünscht hatten. Meine Freundinnen schickten mir Links zu Wohnungsangeboten, boten Hilfe an, waren ratlos, dass ich sie nicht annehmen wollte oder konnte. Oft mussten sie meine Tränen und meinen Unmut auffangen – immer wieder von vorn. Irgendwann reagierten sie schmallippig, wenn das Gespräch wieder auf Thomas kam. Im Stillen hoffte ich, dass er das Problem in die Hand nehmen und von selbst ausziehen würde. Dieses lieblose Nebeneinander musste ihm doch auch an die Substanz gehen! Oder war da bei ihm noch Hoffnung, wir könnten uns wieder annähern? Ich lernte andere Männer kennen. Aber sobald ich von meiner Lebenssituation erzählte, zogen sie sich zurück. Kein Wunder. 

Wenigstens den Kindern ging es gut mit unserer Lösung, redete ich mir ein. Schließlich war alles wie immer, nur dass wir Eltern getrennt schliefen und nicht mehr gemeinsam verreisten. Bis dann eines Tages Hanna das Thema anschnitt. «Ihr streitet nicht mehr so doll. Habt ihr euch wieder lieb?» fragte sie mich. Mir zog es den Boden unter den Füßen weg. War unser Modell etwa keine Rücksichtnahme, sondern Quälerei auf Raten? Ich erzählte meiner Freundin Karla davon, hoffte, dass sie mich beruhigen würde. Stattdessen schenkte sie mir reinen Wein ein. «Was lebt ihr ihnen denn da vor?», sagte sie zu mir. «Nicht, dass man auch alleine glücklich sein kann – sondern eine total ungesunde Beziehung!» Das machte mich wütend. Und traurig. Denn sie hatte recht.  

Noch immer sitzen Thomas und ich mit den Kindern beim Abendbrot zusammen. Aber das letzte Jahr haben wir damit verbracht, nach einer Lösung zu suchen. Während ich hart daran gearbeitet habe, neue Kunden zu gewinnen und inzwischen mehr Geld verdiene, sahen wir uns beide nach einer neuen Bleibe um. Weil Pendeln zwischen zwei zufriedenen Eltern den Kindern besser tut als explosive Dauerstimmung. Und wir Großen endlich so weit sind, die Trennung auch räumlich durchzuziehen. Meine Freundinnen und Freunde? Die freuen sich, dass sie mich bald endlich konkret unterstützen können. Beim Renovieren. Seit ein paar Tagen weiß ich nämlich, dass der Neustart kommen wird. Und dann kann ich viele helfende Hände gebrauchen.   

*alle Namen geändert 

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